Erbarmungsloses Wetter gegen einlullende Klänge
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Beak am B-Sides Festival auf dem Sonnenberg (Bild: André Krysl)

Regen, Sonne, B-Sides Erbarmungsloses Wetter gegen einlullende Klänge

3 min Lesezeit 1 Kommentar 18.06.2016, 15:52 Uhr

Der Freitag am B-Sides war der saltatorische Wechsel von Idyll und Inkompatibilität, von Trockenheit und Nässe, von Kaffeezelt zum Essensstand zur Aussichtsplattform. Ein Abend des Wiedersehens und der unzuverlässigen Technik.

Was schreibt man über ein Festival, das alle irgendwie einfach von Herzen gern haben? Ja, ich hab noch ein Ticket bekommen – welch überflüssige Frage. Nein, ich weiss noch nicht, wie ich nach Hause komme. Ja, der Caipi ist viel zu teuer, aber echt gut. Nein, das sind keine neuen Schuhe, die ich hier ruiniere. Ja, die Wurst ist sehr lecker, mal abbeissen? Nein, das Jeton-System funktioniert nicht, ist aber gut gemeint; und sonst spende doch die zwei Stutz an Viva con Agua.

Als ich den Berg hochspaziere, verfalle ich den guten Vorsätzen. Eigentlich sollte ich viel öfter hier hochkommen, auch während den dreihundertzweiundsechzig B-Sides-losen Tagen. Die Aussicht, geschmückt mit kitschigem Regenbogen, ist malerisch, eine beinahe überzeichnete Szenerie. Sofort wird einem klar, weshalb seit Wochen kein Ticket mehr zu erstehen war: Luzern liebt sein B-Sides. Und das ist auch gut so. Und gottseidank hält das Wetter, verspricht das Radar auf unseren Smartphones.

Mit Regenschirmen und Sonnenbrillen

Wie ich durch die Pforte trete, spielt gerade Haubi Songs im Bohemians Welcome-Zelt. Die Zuschauer drängen sich alle um den Eingang, so dass Stau entsteht. Dass scheinbar vor der Bühne viel Platz ungenutzt bleibt, scheint niemandem aufzufallen. Leider dämpft das Gedränge am Eingang etwas die Lust am Eintritt ins Zelt. Da dürften Nick Furrers Wohnzimmerkonzerte gemütlicher sein.

«Das Wetterradar unserer Smartphone-Applikationen hatte uns belogen.»

Also zurück ins Freie, Destroyer beginnt gleich, die Getränke auffüllen und einen guten Platz sichern. Dan Bejar hat sich mit sieben Musikern umgeben, die seiner Stimme den rechten Rahmen geben. Verträumtes Saxophon lullt die Sonnenbergbesucher ein, das B-Sides wünscht sich zum Time Square. Ein Moment der Symbiose, diese Band ist hier genau richtig, es herrscht Idylle.

Und diese dauert an, bis der Regen hereinbricht. Zum Ende des Konzerts ist das Wetter erbarmungslos, die wenigen vor der Bühne Verbliebenen tanzen mit Regenschirmen in den Strömen. Die Sonnenbrillen der Musiker versprühen einen Hauch von Ironie. Das Wetterradar unserer Smartphone-Applikationen hatte uns belogen.

Ginger&Ghost. (Bild: Silvio Zeder)

Ginger&Ghost. (Bild: Silvio Zeder)

Ein kritischer Moment des Zweifels

Ich entscheide mich, dem Regen zu entgehen, am einfachsten vor der überdachten Nebenbühne. Dort bereitet sich Ginger and the Ghost gerade vor, der Soundcheck und das Bühnenbild geben eine Vorahnung, doch niemals die Warnung, die für das Kommende nötig gewesen wäre. Das Duo übertreibt ihren Afrika-Fetisch ins Lächerliche, das Kostüm, welches die Sängerin kurz vor dem Auftritt noch übergeworfen hat, erinnert an eine Basthütte, die sie vor ihrem Gesicht trägt. Die Beats überklischiert mit Afrika-Drums gespickt, gleichzeitig eine uninteressante Performance, deren Bedeutung sich mir bisher nicht erschlossen hat.

Hier hat sich das B-Sides-Booking eine Auszeit gegönnt – oder die Sehnsucht nach Sonne verursachte eine afrikanische Überkompensation. Die Wahl zwischen strömendem Regen und diesem ungetrimmten Sia-Verschnitt fällt also nicht schwer. Ab ins Nass, hin zum Kaffeezelt.

Lord Kasseli Drums. (Bild Mik Matter)

Lord Kasseli Drums. (Bild Mik Matter)

(Bild: )

Glücklicherweise folgt dem kurzen, kritischen Moment des Zweifels am B-Sides und dem Programm sogleich wieder die Bestätigung der Qualität, welche die meisten Konzerte dieses Festivals haben. Beispielsweise Lord Kesseli and the Drums, die im Zelt absolut überzeugend sind, aber vor allem Beak, für mich die Band des Abends. Die Band scheint sich zu amüsieren und das spürt auch das Publikum. Es ist eine Gelassenheit, die einem zunächst fremd vorkommt, wenn man sich Shows von Portishead vor Augen führt. Die Musiker wirken natürlich, die Musik geprägt vom Trip-Hop, progressiv, gewagt laut, einnehmend und fordernd für den Hörer: ein wirklich gelungener Griff.

Für mich schliesst die Berichterstattung und ich begebe mich auf die Aussichtsplattform. Ich nehme mir fest vor, öfter hier hoch zu kommen.

Von Pascal Zeder

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1 Kommentare
  1. Anna Bühlmann, 19.06.2016, 14:16 Uhr

    Sorri sorri aber ginger and the ghost fand ich sehr geil, bitte nicht so drüber herziehn!

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