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Drei Luzerner haben die Terror-Nacht miterlebt
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Terror und Lebensfreue nebeneinander: Gerade erhält Glover (links) den Anruf, dass es ein paar Strassen weiter zu einem Attentat gekommen ist. (Bild: zvg )

Attentatsserie in Paris Drei Luzerner haben die Terror-Nacht miterlebt

5 min Lesezeit 3 Kommentare 14.11.2015, 12:21 Uhr

In einer Bar festgekesselt, zwei Strassen von den Anschlägen entfernt. In derselben Strasse beim Abendessen, in der gleichzeitig ein Attentat stattfindet. Unterwegs zu einer WG-Party keine zwei Kilometer vom Tatort: Drei Luzerner haben die Terror-Nacht im Pariser Ausgehviertel Belleville verbracht, in dem in dieser Nacht mehrere Attentate ganz Europa erschüttert haben.

«Hier stehen alle unter Schock», sagt Nadine Wietlisbach. Die Luzernerin ist gerade beruflich in Paris, ist jetzt in Sicherheit, im Hotelzimmer am Rand des 3. Bezirks. Und will so schnell wie möglich weg – wie viele andere auch. «Wenn wir wenigstens etwas helfen könnten», sagt sie, «aber das geht nicht.» Sie hatte Glück, war mit einer Freundin gerade mitten in dem Pariser Viertel unterwegs, in der es am Freitagabend zu mehreren Anschlägen gekommen ist. «Das ist eine Ausgangsstrasse in der es immer viele Leute hat – da ist es eigentlich völliger Zufall, wo sie zugeschlagen haben.»  

Die Nachricht von den Anschlägen hat sie schnell erreicht: «Wir haben natürlich über Social Media sofort mitgekriegt, was geschehen ist. Und dann haben wir gleich in der Nähe die Polizeisirenen gehört und die Helikopter.» Wietlisbach wollte sofort zum Hotel zurück. «Wir haben versucht, ein Taxi zu nehmen, das hat aber nicht geklappt, das wollten natürlich dann alle gleichzeitig. Deshalb sind wir durch die Stadt zum Hotel gelaufen. Zusammen mit vielen anderen Menschen.»

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«Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?»

Im Hotel angekommen habe sie sofort versucht herauszufinden, ob alle Kollegen in Sicherheit sind. «Ich bin für eine Fotomesse hier, es sind viele Leute da, die ich kenne. Sie sind aber, so weit ich weiss, alle in Sicherheit.» Jetzt, am Samstagmorgen, ist es totenstill in der Stadt. «Wenn du nach draussen schaust, dann siehst du niemanden, es ist ist richtig gespenstisch.» Sie mache sich nicht nur um die Leute Sorgen, die in die Gewalt hineingeraten sind, das Schlimmste sei: «Dass man sich sofort Gedanken macht: Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Was bedeutet das, wenn wir sowieso schon einen Rechtsrutsch erleben? Ich mache mir Sorgen um alle die, die mit all dem nichts zu tun haben, die jetzt hier in Frankreich aufgrund ihres Glaubens ins Visier geraten.»

«Plötzlich hatte die Barfrau Tränen in den Augen, und dann haben wir es auch mitbekommen: In der Pizzeria Casa Nostra ist es zu einem Anschlag gekommen – das ist eine Bar zwei Strassen weiter.»

Clovis Tshibuabua

Clovis Tshibuabua hat eine lange Nacht hinter sich: Er war am Freitagabend im «Vingt heures vin» und feierte einen Geburtstag mit Freunden, als die ersten Nachrichten kamen: Habt ihr gesehen, im Stade de France? «Das hat uns natürlich getroffen, aber das Stade de France war meilenweit weg», sagt der Luzerner Schauspieler, der in Paris wohnt. Sie hätten aber gemerkt, wie die Leute in der Bar immer nervöser wurden, wie Menschen sich auf den Balkonen versammelten. «Plötzlich hatte die Barfrau Tränen in den Augen, alle am Telefon, sie hat es von Bar zu Bar gehört, und dann haben wir es auch mitbekommen: In der Pizzeria Casa Nostra ist es zu einem Anschlag gekommen – das ist eine Bar zwei Strassen weiter. Das Barpersonal hat sofort versucht herauszufinden, wie sie sich verhalten sollen.»

Die Anweisung war klar: Alle sofort rein, die Türen zu. «Sie hatten zwar keine Gitter vor den Fenstern, aber dafür Sicherheitsglas, deshalb haben wir auch nichts gehört – weder Sirenen noch etwas anderes. Dann zogen sie die Vorhänge zu und machten die Aussenlichter aus.» Und dann Panik in der Bar? «Nein, und das ist das Aussergewöhnliche, es gab keine Panik. Es haben alle füreinander geschaut, haben sich über die Tische hinweg ausgetauscht: Wo musst du hin, wo kommst du her, wie kommst du am Schnellsten nach Hause?» Und alle hätten SMS verschickt und auf Whatsapp-Nachrichten gewartet: Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der im Bataclan war, sagt Tshibuabua. «Wir haben beschlossen: Jetzt bloss keine Panik, wir bestellen noch etwas zu trinken und besprechen in Ruhe, was zu tun ist.»

«Wir müssen alle raus und uns bewegen können»

Schlussendlich sind sie bis um halb zwei in der Bar geblieben, sagt Tshibuabua. Und dann losgelaufen. «Ich bin mit meiner Freundin gelaufen, da die Metro stillstand. Es war eh besser, nicht in die Metro hinunterzusteigen. Und dann haben wir zum Glück ein Taxi gefunden, das uns nach Hause gebracht hat.» Und jetzt, wie geht’s weiter? Tshibuabua arbeitet in Paris als Schauspieler, die erste Probe hätte er schon am Samstag morgen gehabt. «Wir haben sie zeitlich verschoben, weil alle so wenig geschlafen haben. Aber ja, das Leben geht weiter. Wir haben alle Termine, wir müssen alle raus und uns bewegen können. Und das werden wir auch.»

Seine Freundin habe ihm gesagt, er solle sich nicht in die Nähe von Museen bewegen und auch sonst alle Plätze meiden. «Und wir werden alle nach der Probe wieder nach Hause gehen. Es ist schon seltsam, diese Stadt, in der so unglaublich viel los ist, herrscht nun schon zum zweiten Mal Totenstille in einem Jahr.»

«Man weiss schlicht nicht, ob es jetzt vorbei ist, oder ob das erst der Anfang ist. Das ist auch für die Leute hier das Schlimmste.»

Anja Glover

Anja Glover war mit ihrer Schwester und einer Kollegin in Belleville unterwegs, als sie die erste Meldung von den Anschlägen beim Stade de France sah. «Das hat mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr beunruhigt», sagt die Luzerner Journalistin, die auch für zentral+ schreibt und ebenfalls in Paris wohnt. «Es kommt hier immer wieder mal zu Schiessereien, und das Ausmass war noch nicht bekannt.» Die drei waren unterwegs zu einer Geburtstagsparty in einer Wohnung im Quartier. «Irgendwann haben die Leute von der Party uns angerufen und uns durchs Telefon geschrien, was los ist, wir haben es erst gar nicht verstanden: Schiesserei gleich bei uns im Quartier, in einer Bar keine zwei Kilometer von uns.»

Was ist bekannt?

In der gestrigen Nacht auf den Samstag starben in Paris laut srf.ch mindestens 120 Menschen bei einer Serie von Attentaten. Vor dem Fussballstadion «Stade de France» sprengten sich während des Spiels zwei Menschen in die Luft. Kurz darauf wurde die beliebte Konzerthalle Bataclan angegriffen, fast Hundert Menschen wurden getötet, schreibt srf.ch. Daneben wurde vor mehreren Bars Menschen von Terroristen angegriffen und getötet. Die Attentate setzen das Land unter Schock. Frankreich hat den Ausnahmezustand verhängt. Der IS hat sich zu den Anschlägen bekannt.

 

Jetzt habe sie auch gemerkt, dass die Stimmung nervös wurde, die Leute aus den Fenstern schauten. «Da ging es mir wie damals beim Anschlag auf Charlie Hebdo, ich war da auch in der Nähe als es passierte: Man weiss schlicht nicht, ob es jetzt vorbei ist, oder ob das erst der Anfang ist. Das ist auch für die Leute hier das Schlimmste.» Sie seien trotzdem in die Wohnung hoch, in der alle damit beschäftigt waren, per Telefon herauszufinden, ob es allen gut geht. «Wir sind alle da geblieben, keiner ist gegangen. Erst um halb vier haben wir gedacht, jetzt ist es wohl sicher, und sind auf die Strasse gegangen. Das Quartier war völlig ausgestorben.» Ein Taxifahrer hat die drei nach Hause gefahren. «Er war wie alle anderen auch, völlig verstört. Er müsse arbeiten, hat er gesagt, in dieser Nacht müssten alle arbeiten. Dabei habe er doch auch eine Familie zuhause.»

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3 Kommentare
  1. Ines G. Biss, 16.11.2015, 14:43 Uhr

    Kommentar «Ob… », 16.11.2015, 12:05:

    ZEIT ONLINE
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-01/paris-charlie-hebdo-trauermarsch
    Kommentar #3

  2. Boris Kerzenmacher, 16.11.2015, 12:05 Uhr

    die von F. Hollande beschworene „Einheit der Nation“ nach dem Fall Charlie Hebdo Bestand haben wird, wird sich noch zeigen. Die grossen Demonstrationen nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo beweisten aber erst einmal, dass es dem islamistischen Terror nicht gelingt, die Axt an die Fundamente der französischen Demokratie zu legen. So schmerzvoll die Ergebnisse dieses Terrors sind, so bleiben die Fundamente aber stabil.
    Es wird nun einige Zeit vergehen müssen, bis absehbar sein wird, ob die Attentate z. B. dem FN Auftrieb geben. Mit der Forderung zur Wiedereinführung der Todesstrafe, hat sich die FN-Vorsitzende M. Le Pen erneut als extrem unklug verhalten. Derart unklug dazu, dem Terror eine zivilisatorische Errungenschaft wie die Abschaffung der Todesstrafe opfern zu wollen.
    Es bleibt abzuwarten, ob die Attentate von Paris den europäischen Rechtsparteien Auftrieb geben. Dem islamischen Terror kann ebenfalls nicht mit der Aufgabe aufklärerischer Werte, die auch genuin französisch sind, begegnet werden.

  3. Daniel Wehner, 14.11.2015, 13:56 Uhr

    Danke für diesen Bericht, Zentraleplus. Noch näher dran als die Luzernerinnen waren Anwohner des Clubs Bataclans:

    http://www.lemonde.fr/videos/#x3dqzx9

    Vorsicht,s nicht für schwache Nerven.