Downtown mit virtuosen Körperkünstlern
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Zeitgenössischen Unterhaltungsvergnügen: Der Circus Monti orientiert sich am klassischen Zirkushandwerk.  (Bild: zvg)

Circus Monti macht Halt in Luzern Downtown mit virtuosen Körperkünstlern

3 min Lesezeit 16.09.2016, 13:24 Uhr

Irgendwo zwischen Theater, Artistik und Revue holt uns das neuste Programm des Circus Monti ab. «Monti Downtown» beglückt mit seiner unverkrampften Mischung aus Zirkuskunst, Humor und Poesie. Im zahlreichen Publikum sitzt auch der Zahlenjongleur Regierungsrat Marcel Schwerzmann. Das Familienunternehmen gastiert noch bis am Ende September auf dem Parkplatz Brüelmoos/Lido in Luzern.

Lieber einmal Circus Monti als hundert Castingshows am Fernsehen oder sonst ein blutleeres Heirassa der populären Eventbranche. So viel ist klar, als wir nach zwei Stunden das Zelt verlassen. Wir fühlen uns leicht sentimentalisiert, aber sehr zufrieden und entspannt.

Wo andere auf schneller, höher, virtuoser setzen und mit möglichst viel Einsatz an Technik die Herzen der Schaulustigen erobern wollen, verfolgt der Circus Monti eine andere Ästhetik. Er orientiert sich am klassischen Zirkushandwerk und erweitert es mit Stil und Charme zu einem zeitgenössischen Unterhaltungsvergnügen.

Urbanes Zirkusrund

Auch im neusten Programm «Monti Downtown» folgen sich die Nummern Schlag auf Schlag. Aber sie knallen nicht wie einzelne Virtuosen-Häppchen, sondern sind eingebettet in ein atmosphärisches Narrativ, das mit dem Live-Soundtrack der Musik, der Lichtregie und den choreographischen Gruppeninszenierungen zum Gesamtkunstwerk wird. Mit dem Verzicht auf die Manegenabschrankungen ist auch die Nähe zu den Artistinnen und Artisten fühlbarer denn je.

Der Schauplatz «Downtown Monti» bringt die Artistinnen und Artisten als bunte Figuren in das urbane Zirkusrund, wo sie sich auch mal scharweise vergnügen, tanzen, parlieren, Handstände machen, herumschwirren, Schabernack treiben. Mittendrin bewegt sich die weiss gekleidete Giulietta, wandelt durch die Szenerien, lässt sich mal mit diesen, mal mit jenen Menschen ein.

Faulpelz wird Panther

Cirkus Monti

Gegründet wurde der Circus Monti von Guido «Monti» Muntwyler (1932–1999), der schon als Kind Clowns und Zirkus liebte. Später hängte er den Lehrerberuf an den Nagel und begann mit seiner Familie das persönliche Zirkusabenteuer. Von Anfang an wurde Wert auf innovative Programme gelegt. Der spezielle Monti-Stil wurde stark von den langjährigen Regisseuren Adrian Meyer und Thomy Truttmann (Luzern) geprägt, ebenso von Dimitri, Schang Meier (Escholzmatt) und Didi Sommer. Mehrere Saisons lang zeichnete der gebürtige Luzerner Trompeter Peter Schärli für die Musik verantwortlich. Aus der kleinen Familien-AG ist heute ein mittelgrosses Unternehmen geworden, das noch immer von der Familie Muntwyler geführt wird. Mit dem Kauf der Zirkus- und Zeltvermietung Alfredo Nock AG (2015) ist der Circus Monti neuerdings einer der grössten Zeltvermieter Europas geworden. Das Winterquartier befindet sich in Wohlen.

Es sind alles Artistinnen und Artisten, die früher oder später ihren eigenen Zauber entfalten. Nur einer scheint ein schlaffer Faulpelz zu sein. Abgelöscht latscht er dahin und kann sich für nichts begeistern. Bis der chinesische Mast hochgezogen wird und der Taugenichts wie ein Panther erwacht, um seinen Körper geschmeidig mit dem kalten Stahl zu verschmelzen.

Mit Giulietta ist stets auch der Komiker Eduardo präsent, der auch mal im Hintergrund seinen Firlefanz treibt. Seine (selbst)ironische Note und schlitzohrige Liebenswürdigkeit geben dem urbanen Spektakel die Bodenhaftung. Manchmal sind es nur kleine Gesten oder eine abrupte Fahrt auf dem Rollbrett, die für Lacher sorgen.

Aber wenn Eduardo auf zwei übereinandergelegte Blechtonnen steigt und mit seinem Körper noch einen monströsen Gummischlauch zum Kreisen bringt, hält man doch kurz den Atem an. Dazu grollt und fetzt das (polnische) Live-Orchester, dessen bunter Cocktail aus Jazz, Rumba, Hip-Hop und Flamenco (Kompositionen Thierry Epiney) die passende Würze Zirkus-Sound unter die Kuppel bringt.

Vertikalseil und Trampolin

Für die Inszenierung des Programms sind Gaby und Henry Camus (Duo Full House) verantwortlich. Sie haben aus den 20 Artisten und Musikern aus acht Nationen ein Ensemble geformt, das mit Spielfreude glänzt und Freude verbreitet. Zur Mannigfaltigkeit des Programms gehört die Vermischung von musicalähnlichen Gruppenszenen mit artistischen Einzelleistungen.

 

Was die Artistinnen und Artisten am Vertikalseil, auf dem Trampolin, am Trapez in luftiger Höhe, als Handstandartisten oder als Jongleure bieten, kommt so leichtfüssig wie meisterlich daher. Den poetischen Zaubermoment setzt die kanadische Hula-Hoop-Artistin Mélodie Lamoureux. Sie lässt die silbernen Reifen wie ein Sternenmädchen um ihren kleinen Körper tanzen.

Zum temporeichen Finale bittet das Trampomur-Trio aus Kanada. Die zwei Männer und die Frau spicken schwerelos die Hauswände hoch, verschwinden in Fenstern, lassen sich im nächsten Moment wieder vom Dach fallen, um alsbald nach mehrfachen Körperdrehungen sekundenschnell wieder ebendort zu landen. Huch!

Marcel Schwerzmanns Zahlenjonglagen

Nach einem ausuferndem Schlussapplaus, in dem sich die Truppe immer wieder neu zum Goodbye arrangiert, bleibt am Ende nur noch Eduardo zurück. Schliesslich macht er mit einer brüsken Handbewegung klar: Zieht endlich von dannen, fertig Schluss. Also denn, goodbye Monti.

In der Loge vis-à-vis erhebt sich auch Marcel Schwerzmann mit seiner Begleitung. Der kantonale Finanzdirektor, der im grauen Politalltag mit Zahlen jongliert, im Handstand die Steuerfüsse senkt und auf dem Spartrampolin herumtanzt, inszeniert ebenfalls seinen täglichen Circus. Aber mit verdammt wenig Applaus.

Weitere Vorführungen bis am 25. September auf dem Parkplatz Brüelmoos/Lido in Luzern. www.circus-monti.ch

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