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Discount-Bestattungen lassen Luzerner ziemlich kalt
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Engel für die «letzte Reise» der anderen Art: Eine Werbeaktion in Luzern gibt zu reden. (Bild: zvg)

Luzerner will mit Werbeaktion provozieren Discount-Bestattungen lassen Luzerner ziemlich kalt

4 min Lesezeit 1 Kommentar 17.05.2019, 19:29 Uhr

Eine Luzerner Online-Plattform sorgt mit einer ungewöhnlichen Flyeraktion in der Stadt für Gesprächsstoff. Damit will sie ein Tabu in der Branche thematisieren: die Preise für die letzte Reise. Was der Verband und ein Ethikprofessor davon halten – und was die Aktion bisher bewirkt hat.

Vier Damen, wie Flugbegleiterinnen gekleidet und mit Flügeln ausgestattet, verteilen in der Luzerner Innenstadt Flyer. Das Angebot: Frühbucherrabatt von zehn Prozent für «die letzte Reise». Mit dieser Aktion warb letzten Samstag die Online-Plattform bestattungsplaner.ch aus Horw für ihre Dienste. Auf dem Portal können Betroffene seit zwei Jahren nicht nur die Bestattung eines Angehörigen per Mausklick organisieren, sondern auch die eigene Bestattung.

Geschmackloser Kommerz oder längst überfälliger Tabubruch?

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Unterschiedliche Reaktionen

Dass der Auftritt provozieren könnte, war Johannes Ruchti, Bestatter und einer der Betreiber der Plattform, von Anfang an bewusst. Er wirft in einer Pressemitteilung selbst die Frage auf, ob man auf diese Art für ein Bestattungsportal Werbung machen darf. Nach der Aktion ist er fast überrascht: «Viele nahmen den Auftritt mit Humor und fanden es lustig», sagt er.

Auch Mathias Schürmann von der Luzerner Werbeagentur Rocket, welche die Aktion organisierte, erzählt vom interessierten Publikum. «Diejenigen, die es daneben fanden oder überfordert waren, haben einfach den Flyer nicht genommen», sagt er. 

«Mit ein paar Klicks ist es aber meist nicht getan.»

Rolf Arnold, Schweizerischer Verband Bestattungsdienste

Dass mehr über den eigenen Tod gesprochen werden sollte, findet auch Rolf Arnold, stellvertretender Leiter des Schweizerischen Verbands der Bestattungsdienste. «Mit ein paar Klicks ist es aber meist nicht getan, sondern die Betroffenen brauchen oft persönliche Beratung», sagt der Luzerner.

Johannes Ruchti schränkt ein: «Es gibt zwei Arten von Trauernden: Diejenigen, die plötzlich mit dem Tod konfrontiert werden. Die möchten in der Tat oft jemanden, mit dem sie alles besprechen können. Doch den anderen, die sich – zum Beispiel wegen einer Krankheit – länger mit dem Thema befasst haben und einen Teil des emotionalen Prozesses schon durchlaufen haben, genügt unsere Dienstleistung.»

Blumen im Sarg: 90 Franken

Während in Deutschland und Österreich ähnliche Online-Plattformen gut laufen, sind die Schweizer noch zurückhaltend darin, Bestattungen übers Internet zu organisieren. «Wir denken, das liegt daran, dass es in der Schweiz noch nicht so bekannt ist. Und vielleicht getraut man sich nicht, so was zu erzählen», vermutet Johannes Ruchti.

Den Betreibern der Plattform geht es nicht darum, den Tod oder eine Bestattung zu bagatellisieren. «Uns ist wichtig, dass die Trauernden transparent informiert sind», erklärt der Bestatter.

Für die Aktion ist die Luzerner Werbeagentur Rocket verantwortlich:

 

Transparenz gibt’s insbesondere bei den Preisen. Auf dem Portal ist klar ausgewiesen: Blumen im Sarg 90 Franken; Aufbahrung 375 Franken, Grabkreuz 250 Franken. «Oft getrauen sich Betroffene nicht, nach Preisen zu fragen», begründet Ruchti. «Man will nicht geizig scheinen, wenn man für die Grossmutter den günstigeren Sarg wählt.» Manchmal würden Bestatter auch mit diesem latent schlechten Gewissen spielen und die Trauernden dazu bringen, teurere Dienstleistungen zu wählen.

Von diesem Problem hat Rolf Arnold vom Verband zwar noch nicht gehört. «Doch als Ombudsmann bekomme ich schon ab und zu Fragen zu hohen Rechnungen, die ich dann mit den Betroffenen klären muss, weil nicht klar ist, was diese alles beinhalten», erläutert er.

Die ethischen Aspekte

Peter G. Kirchschläger, Ethikprofessor an der Uni Luzern, sieht in so einer Plattform durchaus Vorteile: «Sie kann für die Angehörigen die Prozesse in einer schwierigen und traurigen Zeit vereinfachen. Falls mit der Plattform eine Kostentransparenz erreicht wird, wäre dies sicher begrüssenswert.»

Ob man mit so einer Marketingaktion dem Aspekt der Achtung und des Respekts im Moment des Sterbens und den Verstorbenen gegenüber gerecht wird, ist laut dem Ethiker eine andere Frage. Aber auch er betont, wie wichtig es wäre, über Tod und Sterben zu reden. Bei einer Bestattung solle eigentlich der Wunsch des Verstorbenen respektiert werden – und dazu müsse dieser bekannt sein.

«Wer seine eigene Bestattung zum Voraus plant, nimmt den Angehörigen diese Aufgabe ab.»

Johannes Ruchti, Bestattungsplaner

«Wer seine eigene Bestattung zum Voraus plant, nimmt den Angehörigen diese Aufgabe ab und kann seine Vorstellungen verwirklichen», erläutert Johannes Ruchti. Das entspreche der selbstbestimmten Lebensweise in unserer heutigen Zeit, fügt Peter G. Kirchschläger bei. «Aber wir planen und regeln auch sehr viel», meint der Ethiker schmunzelnd.

Über eines freuen sich alle

Die PR-Aktion hat zwar nicht zum erwarteten Aufruhr geführt, doch offenbar haben sich doch einige Menschen anschliessend mit dem Thema beschäftigt. «Wir haben zwar keinen Anstieg der Buchungen bemerkt, aber die Besucherzahlen der Webseite haben in dieser Woche zugenommen», sagt Johannes Ruchti.

Ob man mit dieser Art von Werbung für eine Bestattungsplattform etwas anfangen kann oder nicht: Sowohl der Ethiker wie auch der stellvertretende Verbandsleiter der Bestatter können sich immerhin darüber freuen, dass dadurch die Aufmerksamkeit auf die Themen Tod, Sterben und Bestattung gelenkt wurde.

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1 Kommentare
  1. Hansjörg Kaufmann, 18.05.2019, 13:48 Uhr

    Warum geht ein erst 2017 gegründetes Bestattungsunternehmen mit Girls in Zirkuskostümen im Luzerner Bahnhof auf Kundenfang?
    In einem Geschäft in dem man sich mit Würde begegnet ist diese Art der Werbung ungeachtet der Lebephase und Bereitschaft für diese Entscheidung schwer nachvollziehbar. Es geht nicht um den Verkauf von Latte-Macchiato oder Hygieneprodukten. Es geht um Beratung und Vorsorge für den eigenen Todesfall. In der Regel reifen die Gedanken um die Bestattungsvorsorge erst einige Jahre nach der Pensionierung. Unsere Umfrage zum Ort der letzten Ruhe hat interessante Hintergründe ergeben. Nicht nur die Kostenfrage ist der Hauptgrund, die letzte Reise zu planen. Während Monaten und Jahren reift der Entscheid, den eigenen Weg nach dem Tod zu regeln. Im Stillen oder zusammen mit dem Partner passiert die Enttabuisierung des Sterbens mit dem Ziel der Selbstbestimmung bis am Schluss. Das Ergebnis der Umfrage finden Sie unter – http://www.kremationsverein.ch – .
    Präsident Kremationsverein Luzern