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Diese unglaublichen Rituale finden in Morgarten statt
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Heute knallt es wieder: Schützenlinie am Morgartenschiessen. (Bild: Roethlin Albert)

Trauer um tote Kameraden und altes Soldatenliedgut Diese unglaublichen Rituale finden in Morgarten statt

4 min Lesezeit 15.11.2017, 10:10 Uhr

Das Morgartenschiessen ist so old school, dass es auf eine abgefahrene Weise skurril wirkt. Hier einige der Rituale, die man fast nicht glauben kann.

Am 15. November, dem Tag vor Sankt Othmar, ist es wieder so weit: Im Ägerital laufen Fuchs und Hase um die Wette, wenn das Geballer des traditionellen Morgartenschiessens von den Hügeln und Bergen hallt.

Was Tiere verängstigt, löst bei den Fans von Tradition und Mythos jedes Jahr Hochgefühle aus: Eine Schützenlinie liegt im feuchten Stroh oberhalb des Schlachtdenkmals und schiesst 300 Meter liegend – in der Übungsdistanz der Schweizer Armee.

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Abgesandte der Zuger Regierung treffen sich mit lokalen Gewerblern und Milizoffizieren und debattieren über Freiheit und Wehrhaftigkeit, über die Altvorderen und ihre Werte. Hellebardenträger aus Schwyz tauchen in Sennenkutte und Zipfelmütze auf.

Klingt alles nicht besonders aufregend für Menschen des 21. Jahrhunderts. Ausser sie lesen das Programm genau: Denn in Morgarten werden noch Rituale praktiziert, die man vergessen glaubte.

Die Kameraden von anno Tobak

Es beginnt schon am frühen Morgen mit einem Akt der Trauer. Die Organisatoren legen gemäss einer Medienmitteilung «im Gedenken an die gefallenen Kameraden» einen Kranz bei der Kirche Hauptsee nieder.

Wie bitte? Wann sind diese Schützen denn gefallen? Gab es irgendwann in jüngerer Vergangenheit mal einen tragischen Schiessunfall, der in Vergessenheit geraten ist? Oder sind gar die gefallenen Kameraden von vor 702 Jahren gemeint?

Eine Bildikone: Halbartenträger marschieren zum Morgartenschiessen, hier im Jahr 1982.  

Eine Bildikone: Halbartenträger marschieren zum Morgartenschiessen, hier im Jahr 1982.  

(Bild: Emanuel Ammon/AURA)

«Sie haben richtig vermutet, wir gedenken der gefallenen Eidgenossen und Freiheitskämpfer von 1315», schreibt John W. Hüssy, Presseverantwortlicher des Morgarten-Komitees auf eine Anfrage von zentralplus. Symbolisch würde auch der im letzten Jahr verstorbenen Schützen gedacht.

Wenn das keine Treue ist. Sowas nennt man wohl Generationen übergreifende Verbundenheit.

Wässriger Kaffee

Anschliessend folgt der Schiesswettbewerb, an dem gegen 1300 Schützen teilnehmen. Derweil rieche es in der historischen Morgartenhütte «nach durchsichtigem Kaffee», ist zu lesen. Man braucht eine Weile, um zu verstehen, dass hier auf hochprozentiges Zielwasser angespielt wird, welches dem Morgengetränk beigemischt wird, bis es seine braune Farbe verliert.

Alkohol steht beim Morgartenschiessen nicht auf der Liste der verbotenen Dopingmittel.

Auf der Menükarte steht hingegen eine kulinarische Spezialität. «Ordinäri» heisst sie. Es ist ein Eintopf aus Kartoffeln und Fleisch, der zum Mittagessen gereicht wird.

Wir kennen als militärischer Eintopf nur den «Spatz» – und auch den nur noch vom Hörensagen. Denn den «Spatz» hat die eidgenössischen Armee von der Speisekarte gestrichen und setzt ihn aktiven Soldaten nicht mehr vor. Hier gibt es also womöglich verschüttetes gastronomisches Erbe zu entdecken.

Ein Wehrmachtslied als Dreingabe

Am Nachmittag um 14.30 Uhr ist «Ende Feuer». Eine Viertelstunde später setzt das Militärspiel zum letzten Mal zu einem Konzert an. Es folgen Ansprachen, die Hymne, ein Fahnenmarsch, eine Festansprache und um exakt 16.47 dann das letzte skurrile Ritual: die Darbietung des Liedes «Ich hatte einen Kameraden».

Ist das nicht das Lied der deutschen Freikorps, welches auch bei den Nazis extrem beliebt war? Doch, genau darum handelt es sich. Wobei es beim deutschen und österreichischen Militär immer noch gespielt wird. Und laut Wikipedia nicht nur bei den Rechten populär war, sondern auch bei den Linken – zum Beispiel bei den Kämpfern für die Republik im Spanischen Bürgerkrieg.

Ausserdem hat das Lied einen starken Bezug zur Schweiz. Den Text hat zwar der deutsche Dichter Ludwig Uhland im Jahr 1809 verfasst, bei der Melodie griff man aber auf ein Schweizer Volkslied zurück. Das heisst im Original «ein schwarzbraunes Mädchen hat ein’ Feldjäger lieb».

«Vaterländische Hochstimmung»

Wie auch immer. Bevor der Abend im Festzelt ausklingt, «herrscht unter den 500 anwesenden Schützen, Gästen und Freunden eine wahrlich vaterländische Hochstimmung», schreiben die Organisatoren und setzen hinzu: «Man muss dies wirklich einmal erlebt haben, um jenes Gefühl beschreiben zu können.»

Und wenn man nicht dabei sein kann: Wie fühlt es sich an? Es sei das grösste historische Schiessen in der Schweiz, sagt John W. Hüssy, für «jeden Schützen ein Höhepunkt der Saison». Ausserdem kämen 300 Ehrengäste aus Politik und Wirtschaft, die Teilnehmer würden durch Supporter und Familienmitglieder unterstützt, es gäbe auch 150 Sponsoren für den Anlass.

Wenn all diese Leute zu einer «Symbiose an der Morgarten-Gemeinde zusammenfinden», so Hüssy, «und die Nationalhymne anstimmen, dann kommt eben diese spezielle Gefühl, für unser schönes Land und unsere vielseitigen Werte auf». Sagt’s, schickt einen «freundeidgenössischen Gruss» in die Runde und verbleibt mit dem mythischen Heiri-von-Hünenberg-Zitat: «Hütet euch am Morgarten.»

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