Diese Kuriositäten versenken Zentralschweizer in den Seen
  • Regionales Leben
Matthias Ardizzon (links) und Neumitglied Mike Pumm mit dem Abfall, den sie aus dem Zugersee gefischt haben. (Bild: Tauch-Treff Zug)

Abfalltaucher geben einen Einblick Diese Kuriositäten versenken Zentralschweizer in den Seen

5 min Lesezeit 2 Kommentare 09.08.2021, 05:04 Uhr

Oberflächlich wirken die Zentralschweizer Seen schön und sauber. Am Grund der Gewässer zeigt sich dann aber oft eine schädliche Schutthalde. Ein Verein aus Abfalltauchern hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, Schweizer Gewässer von ihrem «Güsel» zu befreien. Darunter auch den Zugersee.

Die einen tauchen, um Korallenriffe zu bestaunen, andere, um auf Tuchfühlung mit Haien zu gehen. Und wieder andere tauchen, um dem Seegrund alte Fahrräder, Sexpuppen und Bierflaschen zu entreissen. Matthias Ardizzon und sein Team der Abfalltaucher Schweiz gehören zur letzten Sorte. Ende Juli haben rund 30 Mitglieder des Vereins bei der Katastrophenbucht einen 300 Meter langen Abschnitt des Zugersees von einer halben Tonne Abfall befreit (zentralplus berichtete).

Doch wer steckt eigentlich hinter der Tauchmaske? Und was motiviert die Taucher, unseren ganzen Abfall aus den Gewässern zu fischen?

«Tauchern liegt die Natur und der See am Herzen»

«Wo sich viele Menschen aufhalten, entsteht auch viel Abfall», begründet Ardizzon auf Anfrage den Einsatz beim beliebten Treffpunkt an der Zuger Seepromenade. Der Einsatz im Zugersee war ein Routine-Tauchgang. Zwar sei wegen der jüngsten Unwetter die Sicht unter Wasser sehr eingeschränkt gewesen, aber ansonsten sei das Clean-up vergleichbar mit anderen Aufräumaktionen gewesen, wie Ardizzon sagt. Herausgefischt haben sie dabei nebst den «obligaten» Flaschen und Dosen auch Rucksäcke, Fahrräder, Skateboards und sogar einen Rollator. Bei der Aktion beteiligt war auch der Tauch-Treff Zug, dessen Inhaber-Paar nun auch fester Bestandteil der Abfalltaucher geworden ist.

«Tauchern liegt die Natur und der See am Herzen, weil sie sich oft darin aufhalten», begründet Tauch-Treff-Inhaber Mike Pumm sein Mitwirken. «Darum stört es sie, wenn sie solche Verschmutzungen sehen.» «Ein Wanderer stört sich auch an den Abfällen am Wegesrand – kann sie aber einfacher zusammenkehren.» Unabhängig vom Verein hat Tauchlehrer Pumm schon früher Cleanup-Tage durchgeführt. Heuer kam Matthias Ardizzon mit der Idee auf ihn zu. «Ich war sofort dabei und habe mich dann mit der Gemeinde und dem Kanton ausgetauscht, um die Aktion zu ermöglichen.»

Die Abfalltaucher sammelten ein breites Sammelsurium an Gegenständen aus dem Zugersee.

Ehrenamtlich für das Allgemeinwohl unterwegs

Der Verein «Abfalltaucher Schweiz» gibt es schon seit 2010, damals noch unter dem Namen Suat (Schweizer Umwelt- und Abfalltaucher). Matthias Ardizzon, langjähriges Mitglied des Vereins, hat 2018 die Leitung übernommen und den Vereinsnamen geändert. «Weil niemand gewusst hat, was der alte Name bedeutet und was wir eigentlich machen.» Ardizzon selbst ist begeisterter Taucher und hat schon vor Beitritt in den Verein bei seinen Tauchgängen Abfall aus den Gewässern geholt. Das Entsorgen liegt dem 48-Jährigen im Blut, arbeitet er doch hauptberuflich bei einem Aargauer Entsorgungsunternehmen.

Heute leistet der Verein mit Sitz in Hergiswil bis zu 15 Tauchgänge pro Jahr und in der ganzen Schweiz. In dieser Zeit hat er an die 500’000 Kilo Abfall geborgen und fachgerecht entsorgt. Der Tauchtrupp agiert auf Anfragen von Gemeinden oder Privatpersonen. Pro Clean-up fallen Kosten von bis zu 2’000 Franken an. Darunter für den Unterhalt des Einsatzbootes, den Einkauf des Verbrauchsmaterials und auch für die Verpflegung des Teams. Finanziert werden die Ausgaben ausschliesslich über Spenden. Darin nicht inbegriffen ist die Tauchausrüstung.

«Alle Taucher sind für die Ausrüstung, den Unterhalt und die Kosten dafür selbst verantwortlich.» Die Taucher und die Helfer an Land leisten ihre Einsätze unentgeltlich und bei jedem Wetter in ihrer Freizeit. Eine finanzielle Unterstützung seitens der Kantone – die für die Gewässer verantwortlich sind – erhalten sie nicht. «Es gibt aber Gemeinden, die uns Abfallmulden, Boote oder Parkplätze zur Verfügung stellen», stellt Ardizzon klar.

Ein Kampf gegen Windmühlen

Nebst den Clean-ups leistet der Verein vor Ort auch Aufklärungsarbeit und versucht, Passanten für die korrekte Entsorgung von Abfällen zu sensibilisieren. «Es ist wichtig, das Thema immer wieder anzusprechen.» Dafür hat Ardizzon auch immer «Probemuster» dabei, die aufzeigen sollen, was beispielsweise ein einzelner Zigarettenstummel für einen Einfluss aufs Trinkwasser haben kann. Ob’s hilft, ist fraglich, die Arbeit dürfte den Tauchern wohl nie ausgehen. Denn Littering ist nicht nur an Land ein immerwährendes Problem (zentralplus berichtete), sondern auch im Wasser.

Dass die Tauchgänge ein Kampf gegen Windmühlen ist, sieht auch Matthias Ardizzon ein. «Es ist schon frustrierend, wenn man nach einem Jahr zurückkehrt und alles wieder zugemüllt ist.» Trotzdem findet er: «Wenn wir’s nicht machen, macht’s eben keiner.» Und das könnte schwerwiegende Folgen für das Ökosystem haben. Denn die Abfälle im See bilden mit zunehmender Zeit eine Schicht, in der auch Giftstoffe und Mikroplastik eingeschlossen sind. Diese verunreinigen das Grundwasser und somit die wichtigste Trinkwasserquelle.

Von Dildos und Sexpuppen

Auch wenn die Sisyphos-Arbeit bisweilen frustrieren kann, so gibt es auch Momente, die Freude machen oder für ein Schmunzeln sorgen. Zwar haben die Taucher bisher noch keinen bedeutenden «Schatz» gefunden, dafür schon reichlich absurde Kuriositäten. «Aus der Limmat haben wir schon einen Tresor geholt, der als gestohlen gemeldet wurde und danach an seinen Besitzer zurückgegeben werden konnte.» Und bei anderen Tauchgängen seien sie auf eine ganze Dildo-Sammlung und eine «Gummi-Susi» gestossen. «Da muss eine ziemliche Party gefeiert worden sein», sagt Ardizzon lachend.

Als Nächstes verschlägt es die Abfalltaucher nach Zürich, wo sie am 29. August einen Einsatz im Zürichsee leisten. Da wird es viel zu tun geben, so viel weiss Ardizzon schon jetzt. «In Zürcher Gewässern gibt es immer ausserordentlich viel Abfall.» Ein nächster Einsatz im Kanton Zug ist derzeit noch nicht geplant, aber Ardizzon sagt: «Wir würden gerne mehr Gewässer im Kanton Zug reinigen.» Denn der Aufwand lohnt sich.

Wie Mike Pumm erklärt, ist der Zugersee eine «tolle Location» für Tauchgänge. «Er bietet einem Taucher sehr viel, von der vielseitigen Unterwassernatur bis zu den zahlreichen Fischen.» Ausserdem sei er ein idealer See für alle Tauchinteressierten. «Er bietet Tauchplätze, die sich für Anfänger sehr gut eignen, aber auch anspruchsvolle Orte für Profis.»

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2 Kommentare
  1. René Gruber, 09.08.2021, 08:18 Uhr

    500’000 Tonnen Abfall in 11 Jahren bei bis zu 15 Taucheinsätzen pro Jahr ergäbe um die 3030Tonnen pro Einsatz. Da hat sich wohl jemand in den Einheiten vertan und es wäre eher KG und nicht Tonnen.

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    1. Redaktion Christian Bucher, 09.08.2021, 09:02 Uhr

      Danke für die Rückmeldung. Natürlich sind es Kilogramm und nicht Tonnen. Wir haben das angepasst.

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