Im Kampf gegen Abfall setzt Zug jetzt auf den «Handyalarm»
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«In Zug muss man mit andern Mitteln dahinter»: Stadtrat Urs Raschle (CVP).

Mehr Güsel während Corona Im Kampf gegen Abfall setzt Zug jetzt auf den «Handyalarm»

5 min Lesezeit 28.04.2021, 17:01 Uhr

Die Pandemie hat das Litteringproblem im Kanton Zug verschärft. Deswegen wird eine 2013 begonnene Präventionskampagne wiederaufgenommen und erweitert. Eingebunden werden Schulkinder und Leute, die sich über Abfall in der Natur aufregen.

Die Zahlen sind eindrücklich: «Im August 2020 haben wir in Cham 4360 Kilogramm Abfall entsorgt – das ist 50 Prozent mehr als noch im Vorjahr», sagt Drin Alaj (SP), Vorsteher Verkehr und Sicherheit in der Ennetseegemeinde. «Wegen der Pandemie halten sich die Leute häufiger und länger im Freien und in der Natur auf», erklärt Barbara Beck (ALG), Gemeinderätin in Menzingen und Vorsteherin der Sicherheitschefs der Zuger Einwohnergemeinden.

Die elf Gemeinden spannen jetzt mit dem Kanton und dem Zweckverband der Zuger Einwohnergemeinden für die Bewirtschaftung von Abfällen (Zeba) zusammen. Per Anfang Mai wird eine Anti-Littering-Kampagne gestartet, die bereits von 2013 bis 2016 unter dem Motto «Zug blibt suuber» lief. «Die wirksamsten Massnahmen im Kampf gegen das Littering sind jene, die beim Verhalten ansetzen», sagt Zeba-Geschäftsführerin Heidi Oswald.

Alu und Plastik: Gefahr für Tiere

Die Sensibilisierung für das Problem steht im Vordergrund. Anders als 2013 weiten die Gemeinden die Kampagne auf den ländlichen Raum aus – und machen darauf aufmerksam, dass Eichhörnchen an Plastiksäcken ersticken können. Auch können Kühe durch kleingeschredderten Abfall qualvolle Verletzungen erleiden.

In Schulklassen wird als Filmwettbewerb eine Trick-Battle zum Wegwerfen von Müll durchgeführt. Passanten, die sich über weggeworfenen Abfall empören, können die neu entdeckten Litteringhotspots per Handybild bei der Kampagnenleitung melden. Mit den GPS-Daten versehen werden die Aufnahmen zu den Werkhöfen der Gemeinden oder der Zeba weitergeleitet. Der Handyalarm ist als Pilotversuch angelegt.

Freiwillige «Güsel-Spotter»

«Viele Leute möchten sich bei der Abfallbekämpfung engagieren und melden sich etwa beim kantonalen Amt für Umwelt», sagt Roger Bosshart, der die Kampagne betreut. «Wir möchten sehen, wie wir diese Freiwilligen in Zukunft noch besser einbinden können», sagt er.

Sagen, warum es eine neue Zuger Anti-Littering-Kampagne braucht: Barbara Beck (links), ALG-Gemeinderätin aus Menzingen, Drin Alaj, SP-Gemeinderat in Cham und und CVP-Regierungsrat Beat Villiger.

«Uns ist es wichtig, dass wir nicht nur mit dem Zeigefinger drohen, sondern die Achtsamkeit fördern», erklärt Barbara Beck. Die erste Kampagne wurde gestartet, als das neue Übertretungsstrafgesetz in Kraft trat. Seither können Sicherheitsassistenten der Zuger Polizei, Förster oder Wildhüter «Güselsünder» mit bis zu 100 Franken büssen.

Trotz Corona weniger Bussen

«Es ist ein unkompliziertes Instrument, das sich bewährt hat», findet der kantonale Sicherheitsvorteher Beat Villiger (CVP). Die Bussen würden wenig bürokratischen Aufwand verursachen und nirgends gespeichert. «Die Sache ist aus der Welt, sobald die Busse bezahlt ist», so Villiger.

In der Praxis ist in den letzten Jahren allerdings immer weniger aufs Büssen gesetzt worden. «2017 wurden im ganzen Kanton noch über 700 Bussen wegen Verunreinigungen ausgesprochen», sagt Villiger. «Der Wert sank im vergangenen Jahr auf rund 300.»

Prävention reicht nicht immer

In der Tat gibt es zwischen den Gemeinden grosse Unterschiede. Im ländlichen Menzingen wird auf den Einsatz von Sicherheitsassistenten der Polizei verzichtet. «Wir arbeiten mit einer privaten Sicherheitsfirma zusammen», sagt Barbara Beck. Ihre Mitarbeiterinnen kontaktieren Jugendliche, wenn sie Littering feststellen, suchen das Gespräch und rufen sie zur Ordnung. Eine Vollmacht, Bussen zu verteilen haben diese Sicherheitsleute nicht – sie sind somit rein präventiv tätig.

«Corona hat im Freizeitverhalten von vielen zu einer Überkompensation geführt.»

Urs Raschle (CVP), Zuger Stadtrat

Ganz anders in der Stadt Zug, die einige Jahre lang eine Fachstelle Littering unterhielt. «Wir haben leider festgestellt, dass bei uns die Prävention allein nicht ausreicht», sagt der zuständige Stadtrat Urs Raschle, «da muss man mit ganz anderen Mitteln dahinter.»

Stadt Zug fordert Sicherheitsassisten an

Gemäss Urs Raschle setzt die Stadt daher auf mehrere Massnahmen – so etwa die soziale Durchmischung der stark besuchten Parkflächen und Promenaden am Ufer durch Buvetten. Zudem wird vermehrt auf Repression gesetzt. «Wir haben das Budget für den Einsatz von Sicherheitsassistenten gerade erst auf 200’000 Franken pro Jahr erhöht», sagt Raschle und fügt an: «Wir tauschen uns mit ihnen wöchentlich aus.»

Nur mit zusätzlichen Mülleimern ist der Kampf gegen das Littering nicht zu gewinnen.

200’000 Franken nur für Sicherheitsassistenten sind ziemlich viel Geld. Zum Vergleich: Die neue Anti-Littering-Kampagne der Zuger Gemeinden, des Kantons und der Zeba kostet 75’000 Franken pro Jahr. Doch seit Ausbruch der Pandemie falle deutlich mehr Abfall an, sagt Raschle. «Corona hat im Freizeitverhalten von vielen zu einer Überkompensation geführt.» Daher stehe man auch beim Littering «vor gewaltigen Herausforderungen».

Die letzte Verteidigungslinie

Trotz aller Prävention und Repression bleibt der Stadt Zug am Ende nichts anderes übrig, als den Abfall zu entsorgen. An neuralgischen Punkten – etwa am Alpenquai – wurden neben den normalen Abfallkübeln alle fünf Meter grosse Müllcontainer platziert.

An warmen Abenden sind sie schnell voll. Zu gross ist die Menge von Besuchern, die Proviant und Getränke mitbringen – und somit auch viel Verpackungsmaterial hinterlassen.  «Würden die Mitarbeitenden unseres Werkhofs nicht jeden Morgen das Seeufer aufräumen, wäre es schon längst unter dem Abfall versunken», sagt Urs Raschle.

Cham setzt auf Recycling in Parks

Etwas weniger extrem als am Alpenquai in Zug ist der Druck im Hirsgarten in Cham. Aber immer noch so gross, dass die Gemeinde reagierte. «Wir mussten die Entsorgungstouren anders organisieren, den Müll öfter abführen», sagt Drin Alaj. Ausserdem habe man zusätzliche Container aufgestellt.

«Die Leute benützen sie und legen, wenn sie voll sind, die Abfälle gleich daneben», sagt Alaj. Das helfe den Mitarbeitenden des Werkhofs, sie morgens schnell zu entsorgen. In Cham hat man ausserdem als Pilotversuch zwei zusätzliche Recyclingstationen am Eingang aufgestellt, wo man Müll trennen kann. «Die beiden Behälter werden eifrig gefüllt», sagt Alaj.

Müll ist auch Rohstoff

Die Entsorgung des ordentlich weggeworfenen Mülls obliegt der Zeba. Über 50 Prozent der von ihr verarbeiteten Menge kann sie rezyklieren. Vorab über die Ökihöfe, die sie in den elf Gemeinden betreibt.

Das spiegelt sich in einer spezifischen Sichtweise wieder. Für Zeba-Geschäftsführerin Heidi Oswald ist Littering nicht nur ein ästhetisches und ökologisches Problem, das überdies Kosten verursacht. «Diese Abfälle aus Aluminium oder Glas sind ebenso verlorene Rohstoffe», sagt sie.

Corona macht sich für die Zeba auch in den Ökihöfen bemerkbar. «Wir stellen fest, dass deutlich mehr entsorgt wird», so Amrein.

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