Frierende Tomaten und sterbende Bienen

Was das nasskalte Wetter für Zuger Landwirte bedeutet

Die Hummel hat es derzeit schwer. Auch wenn sie etwas mehr erträgt als die Honigbiene, dürfte auch sie in diesem Wetter frieren. (Bild: Adobe Stock)

Der unerwartete Kälteeinbruch bringt Gemüter, aber auch die Zuger Landwirtschaft durcheinander. In der gleichen Woche, in der es heftig schneit, pflücken sie die ersten Erdbeeren. Währenddessen werfen Bienen ihre Brut aus dem Stock.

Richtig witzig ist ja dieses Wetter nicht. Weder für wetterfühlige Knochen noch für Autofahrerinnen mit Sommerpneus (zentralplus berichtete). Aber auch Insekten und Pflanzen dürften sich das Konzept von Frühling anders vorgestellt haben. Gerade für Obst- und Gemüsebauern sorgt die langanhaltende Kälte, die immer mal wieder Schnee, Graupel und starken Regen mit sich bringt, für eine seltsame Situation. Eigentlich hätte man genug Arbeit, kann aber aufgrund des Wetters nicht viel tun.

Setzlinge stapeln sich

Toni Niederberger vom Biohof Zug erzählt: «Die Kisten mit den Setzlingen stapeln sich bei uns, doch können wir sie nicht pflanzen, da es sich um Sommerkulturen wie Tomaten und Gurken handelt, welche Temperaturen unter 5 Grad Celsius nicht ertragen.» Auch sei es derzeit nicht möglich, mit Maschinen in der Erde zu arbeiten, da diese momentan sehr nass sei.

«Das heisst, dass wir einige lange Arbeitstage vor uns haben, sobald es wärmer wird», sagt der Biobauer. In seinem Beruf ist man es gewohnt, aufgrund des Wetters flexibel zu sein. Er gibt jedoch zu bedenken: «Dass es während eines solch langen Zeitraums immer wieder nasskalt ist, ist aussergewöhnlich. Das habe ich bisher nicht oft erlebt.»

Ein Glück jedoch: «Bisher hatten wir noch keinen Blütenfrost respektive Nachtfrost, welcher gerade für Zwetschgen und Kirschen schlecht ist.» Unsicherheiten bezüglich des Obstertrags gebe es dennoch. «Nach längeren Kälteperioden kann es vorkommen, dass die Früchte nach der Blüte abgestossen werden. Äpfel und Birnen sind diesbezüglich etwas robuster.» Nun gelte es, abzuwarten. «Meistens erholt sich die Natur schnell», sagt Niederberger.

Diese Woche wurden die ersten Erdbeeren geerntet

Der Buuregarte in Hünenberg ist für sein Obst und Gemüse, besonders aber für seine Beerenkulturen bekannt. Betriebsleiter Jonas Boog erzählt: «Man glaubt es kaum, aber wir haben diese Woche die ersten Erdbeeren geerntet. Es waren solche, welche von den Sonnenstrahlen von vor zehn Tagen profitiert hatten. Die Ernte ist bisher jedoch minim.» Boog weiter: «Am kommenden Wochenende dürfte das Wetter bessern. Die Beeren werden die Sonnenstrahlen wohl regelrecht in sich aufsaugen. Denn tatsächlich wächst im Moment eigentlich nichts.»

«Am kommenden Freitagmorgen könnte es noch einmal kritischer werden.»

Jonas Boog, Zuger Landwirt

Der Landwirt kann es seinen Pflanzen nicht übelnehmen, «denn uns geht es ja nicht anders. Wenn es draussen so garstig ist, bleiben auch wir gerne drinnen und verkriechen uns». Wie Niederberger ist auch er froh, dass der Frost bisher ausblieb. «Nur zwei Mal haben wir bisher die Null-Grad-Grenze gestreift. Am kommenden Freitagmorgen könnte es noch einmal kritischer werden. Dann könnte es aufklaren, was wiederum für deutlich kältere Temperaturen sorgt. Somit sind Frostschäden möglich.»

Obwohl Schnee im April nichts Ungewöhnliches sei, nimmt Boog das Hundewetter nicht auf die leichte Schulter. «Viele Kulturen stehen im Moment in Vollblüte. Das sorgt insbesondere für zwei Probleme. Zum einen sind die Pflanzen anfälliger für Krankheiten, wenn die Kultur nicht durch einen Folientunnel geschützt wird und die Blüten permanent nass sind.»

Zum anderen würden jetzt keine Bienen bestäuben, da die Temperaturen schlicht zu tief seien. «Dies kann dazu führen, dass die Blüten, welche wir aktuell vor der Kälte zu schützen versuchen, gar nicht erst befruchtet werden.»

Wenn die Arbeiterin die Drohne rausschmeisst

Die Frage, was Bienen und Co. bei diesem Wetter tun, statt auszufliegen, dürfte sich vielen Zugern stellen. Die Antwort, kurz gesagt: tapfer sein.

Cyrill Arnet, der Präsident des Zuger Kantonalen Imkervereins, erklärt auf Anfrage: «Es ist tatsächlich ein Problem, dass es nun fast zwei Wochen lang, mitten während der Vollblüte, durchgehend kalt und nass ist. Die Bienen konnten mehrere Tage hintereinander nicht ausfliegen.»

«Immer wenn es im Bienenvolk einen Mangel gibt, müssen die Männchen dran glauben.»

Cyrill Arnet, Präsident Zuger Kantonaler Imkerverein

Er sagt: «Ein Bienenvolk braucht drei Deziliter Wasser pro Tag. Es ist nicht so, dass die Tiere ohne diese Menge verhungern würden, vielmehr brauchen sie diesen Saft, um die Maden zu ernähren.» Bleibe das Wetter nun während einer längeren Phase nasskalt, fange das Volk an, die Brut zu «minimieren».

Die Biene muss nicht nur fleissig, sondern auch ordentlich sein

«Insbesondere entledigt sich das Volk in solchen Fällen der Drohnenbrut. Immer wenn es im Bienenvolk einen Mangel gibt, müssen die Männchen dran glauben.» Zimperlich gehen die kleinen Insekten dabei nicht vor. «Die Drohnen werden zunächst aufs Flugbrett transportiert, also bis zur Öffnung des Bienenkastens. Dort sieht es zurzeit zum Teil ziemlich heftig aus.» Wird das Wetter wärmer, werfen die Arbeiterinnen die Drohnen dann ganz runter.

«Der einzige Zweck der Drohnen ist es, Königinnen zu befruchten. Auf der Prioritätenliste stehen sie also in Zeiten des Mangels weit hinter Arbeiten wie Brutnestpflege oder Nektarsammeln», erklärt Arnet pragmatisch. Er gibt weiter zu bedenken: «Im Bienenstock ist es 35 Grad warm bei einer Luftfeuchtigkeit von 60 bis 80 Prozent. Das ist guter Nährboden für Bakterien. Es ist also umso wichtiger, dass die Tiere ordentlich sind und tote Artgenossen aus dem Bienenstock heraus transportieren.»

Schnee, defekte Sicherungen und frierende Tomaten

Nicht ganz ohne ist die Situation auch für Gärtnereien. Vor allem, wenn diese etwas höher gelegen sind, wie jene der Stiftung Zuwebe. Diese bewirtschaftet beim Lassalle-Haus in Edlibach rund 11’000 Quadratmeter Fläche, insbesondere mit Salat, Gemüse, Teekräutern, aber auch Blumen. Derzeit laufen die Vorbereitungen für den bevorstehenden Setzlingsmarkt am 4. Mai auf Hochtouren. Dieser hat mittlerweile nicht zuletzt deshalb Bekanntheit erlangt, weil dort über 30 verschiedene Tomatensorten erhältlich sind.

In den letzten Tagen mussten die Verantwortlichen der Gärtnerei der Stiftung jedoch ziemlich improvisieren, um die Tomatensetzlinge zu retten. Linda Brägger, die Teamleiterin Gärtnerei und Mobile Arbeitsgruppe, erzählt: «Wir verfügen hier über sechs sogenannte Frühbeetkästen. Es handelt sich dabei um in den Boden eingelassene Kästen von acht Meter Länge, in der Setzlinge frostfrei gezogen werden können.» Ein eher altes System, welches über elektrische Heizungen verfügt.

So sehen die Frühbeetkästen in der Gärtnerei Lassalle-Haus aus. (Bild: zvg)

«Nun hat es uns gestern, knapp zwei Wochen vor dem Setzlingsmarkt, die Sicherungen dieser Kästen rausgehauen. Dies, nachdem wir letzten Winter alles restaurieren liessen», erzählt Brägger. «Wir riefen den internen Elektriker, der herausfand, welche der Sicherungen das Problem verursacht. Der entsprechende Frühbeetkasten wurde zügig geräumt, damit die Pflanzen weiter gedeihen können.» Das Problem: «Im Moment schneit es hier oben ziemlich oft. Die Gefahr, dass die Pflanzen über Nacht sterben, ist gross. Und gerade Tomaten brauchen mindestens 8 Grad, um nicht zu erfrieren.»

Und plötzlich steht man in einem Wald von Tomatenpflanzen

Entsprechend habe man kurzerhand alle Pflanzen aus dem defekten Kasten in den Arbeitsraum gebracht. «Wir brauchen viel Platz für unsere tägliche Arbeit und jetzt stehen da überall Pflanzen», sagt Brägger, lacht jedoch ob der vertrackten Situation. Zudem sei es nicht einfach, neue Heizungen zu organisieren, da es sich um ein altes Heizsystem handle. Doch es zeichnet sich ein Licht am Ende des unverhofften Indoor-Tomatendschungels ab: «Die Ersatzheizungen werden voraussichtlich am Donnerstag oder Freitag geliefert», sagt die Gärtnerin.

Der Arbeitsraum ist nun von Setzlingen übersät. Immerhin nicht für lange. (Bild: zvg)

Apropos heikle Pflanzen: Was tun, wenn man, wie etwa die Journalistin, etwas voreilig vor eineinhalb Wochen eine Basilikumpflanze gekauft hat? Ist diese, nachdem sie ein paar kalte Nächte auf dem Balkon verbracht hat, noch zu retten?

Linda Brägger sagt dazu: «Der handelsübliche Basilikum ist sehr heikel. Denn er wird auch nicht glücklich, wenn er ganz an der Wärme ist. Auch wenn ich das in diesem Fall probieren würde, bis die kalten Nächte vorbei sind.» Beschädigte Blätter seien zu entfernen. Sobald es draussen mindestens zehn Grad warm sei, soll die Pflanze jedoch wieder raus.

Zuwebe-Setzlingsmarkt am 4. Mai

Wer es trotz Tipps nicht schafft, den Basilikum zu retten, und auch alle anderen Kräuter an die fiese Brise und den Schnee verloren hat, muss nicht verzagen. Vielerorts gibt es derzeit Setzlingsmärkte. So auch jener der Stiftung Zuwebe, welcher am Samstag, 4. Mai, zwischen 9 und 14 Uhr in der Gärtnerei Lassalle-Haus stattfindet. Zum Verkauf stehen insbesondere Tomaten-, Gemüse- und Salatsetzlinge, aber auch Kräuter und Blumen.

Verwendete Quellen
  • Telefongespräch mit Biohof Zug und Buuregarte
  • Telefonat mit Linda Brägger
  • Telefongespräch mit Cyrill Arnet
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