Der Kanton hat die Baselstrasse für viel Geld  saniert – doch keiner profitiert
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Die Baselstrasse: Irgendwie saniert und doch viel zu laut. (Bild: cha)

Nutzloser Lärmschutz in Luzern Der Kanton hat die Baselstrasse für viel Geld saniert – doch keiner profitiert

4 min Lesezeit 3 Kommentare 09.12.2020, 17:53 Uhr

Die bisherigen Lärmschutzmassnahmen entlang der Luzerner Baselstrasse haben nichts gebracht. Die Strasse ist beispielhaft für eine fragwürdige Sanierungspraxis, die nun vor Bundesgericht auf der Kippe steht.

Ein simpler Rohrbruch hat Ende September eine Diskussion intensiviert, die schon seit Jahren rund um die Baselstrasse immer wieder aufkocht. Der Rohrbruch zeigte zunächst schlicht auf, dass die Strasse baulich in einem schlechten Zustand ist (zentralplus berichtete).

Dass die Strasse saniert werden muss, ist unbestritten. Weniger Einigkeit besteht offenbar darüber, ob mit der Sanierung der Kantonsstrasse auch Lärmschutzmassnahmen umgesetzt werden sollen. Konkret bestünden diese aus einem lärmarmen Strassenbelag und einer Temporeduktion auf Tempo 30 (zentralplus berichtete).

Fast 900 Personen leben mit Lärm über dem Alarmwert

Bei genauerer Betrachtung der Situation drängt sich die Frage auf, was gegen die Umsetzung von Lärmsanierungsmassnahmen spricht. Konkrete Argumente dagegen lassen sich kaum finden. Eigentlich nur eines: Die Baselstrasse wurde lärmtechnisch gesehen bereits saniert. Das Problem: Geholfen wurde damit niemandem.

Um dieses Paradoxon zu verstehen, muss man in die Untiefen des Datenkellers beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) hinabsteigen. Dort findet sich eine Liste mit dem Titel «Stand Strassenlärmsanierung 2018». Darin ist ein Projekt 1994 für die Baselstrasse aufgeführt.

Der Befund: Vor dem Sanierungsprojekt wurden 962 Personen von Strassenlärm über dem gesetzlichen Immissionsgrenzwert belastet. 870 davon sogar von Lärm, der über dem Alarmwert liegt.

Mit Kosten von rund 1,8 Millionen Franken – die sich Bund und Kanton teilten – wurde ein Lärmschutzprojekt umgesetzt. Das Resultat: Nach dem Sanierungsprojekt waren 962 Personen von Strassenlärm über dem gesetzlichen Immissionsgrenzwert belastet, 870 davon sogar über dem Alarmwert. Kurz: Es hat sich rein gar nichts verbessert.

Schallschutzfenster haben kaum Einfluss auf Lärmbelastung

Was also haben Bund und Kanton mit den 1,8 Millionen genau umgesetzt? Die Antwort findet sich im gleichen Bafu-Dokument. Es wurde in Schallschutzfenster investiert. Die sind zwar «nice to have», entlasten Liegenschaften und deren Bewohner aber nicht vom Lärm.

Und an diesem Lärm in der Baselstrasse hat sich seit 1994 nicht wirklich was verändert, wie ein Blick auf den aktuellen Lärmkataster verdeutlicht:

Bei den dunkelrot eingefärbten Liegenschaften werden die Alarmwerte erreicht oder überschritten:

Wegweisendes Bundesgerichtsurteil steht aus

Weil die Werkleitungen entlang der Baselstrasse schnellstmöglich saniert werden müssen, drängen sich die Lärmschutzfragen dort nun aktuell auf. Die Baselstrasse ist aber bei Weitem nicht die einzige Strasse, die in diesem Stile «saniert» worden ist.

Kritiker sprechen dabei von «Scheinsanierungen» oder «Papiersanierungen». Aktuell liegt der Fall der Luzernerstrasse in Kriens vor dem Bundesgericht. Auch sie wurde saniert und ist dennoch zu laut (zentralplus berichtete). Das noch ausstehende Urteil könnte zum Präzedenzfall für «Papiersanierungen» im ganzen Land – auch jene entlang der Baselstrasse – werden.

Luzern gibt viel Geld aus

Bei der Lärmliga Schweiz überrascht der Zustand in der Baselstrasse wenig. Eher ist er exemplarisch für den Kanton. Gemäss den von der Lärmliga ausgewerteten Zahlen des Bundesamtes für Umwelt sind im Kanton Luzern derzeit 95 Prozent der Lärmbetroffenen ungeschützt. Das ist einer der höchsten Werte des Landes. Zum Vergleich: Im Kanton Freiburg sind es 58 Prozent.

Nun ist es aber nicht so, dass der Kanton kein Geld in die Hand genommen hätte, um Sanierungsprojekte umzusetzen. Bisher sind es rund 59,2 Millionen Franken. 4107 Personen wurden dank Sanierungen vor Lärm über dem Grenzwert geschützt. Die Kosten pro geschützte Person in Luzern belaufen sich somit auf rund 14’400 Franken.

«Die hohen Kosten deuten darauf hin, dass in Luzern vor allem Massnahmen umgesetzt wurden, die den Lärm nicht an der Quelle bekämpfen.»

Thomas Graf, Lärmliga Schweiz

Auch das ist, im Vergleich mit anderen Kantonen, sehr hoch. Im Kanton Neuenburg wurden bisher 4198 Personen durch Lärmschutzmassnahmen geschützt. Die Kosten pro Person belaufen sich jedoch lediglich auf rund 2300 Franken.

«Das deutet darauf hin, dass in Luzern vor allem Massnahmen umgesetzt wurden, die den Lärm nicht an der Quelle bekämpfen», erklärt Thomas Graf von der Lärmliga Schweiz. «Dazu gehören etwa teure Schallschutzwände oder Schallschutzfenster. In der Romandie wird hingegen seit Jahren eher auf lärmärmere Strassenbeläge oder neuerdings auf kostengünstige Temporeduktionen gesetzt.»

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3 Kommentare
  1. Urs Häner, 11.12.2020, 08:41 Uhr

    Auch ich danke für diesen Beitrag, allerdings legt der Titel eine falsche Fährte, weil die Baselstrasse ja eben mitnichten bereits «für viel Geld saniert» ist, sondern eher Symptombekämpfung betrieben wurde bisher. Es gilt, wie im Schlussabschnitt vermerkt, den Lärm an der Quelle zu unterbinden! Zu einer wirksamen Sanierung gehört daher ein lärmarmer Belag und natürlich Tempo 30. Und als Anwohner füge ich bei, dass auch die Anzahl Fahrzeuge ein Thema sein muss (pro-aktive Umsteigepolitik, Siedlungsplanung der kurzen Wege u.a.).

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  2. Lukas Stadelmann, 10.12.2020, 12:58 Uhr

    danke für den beitrag!
    ich frage mich bei solchen vorkommnissen und investionen der öffentlichen hand immer mal wieder; wer profitiert?
    es waren anhand der messungen definitiv nicht die anwohner der baselstrasse, oder sonst wo in der schweiz, die von lärm weniger belastet wurden, und doch wurde das geld wohl weislich ausgegeben.
    dass ein flüsterbelage einen wertvollen teil zur lärmverminderung beitragen, ist seit jahrzehnten unumstritten. dass temporeduktionen einen sehr starken anteil hat an der lärmbelastung hat, auch dies weiss man und ist mehrfach bewiesen.
    unser beitrag kann nur sein die richtigen personen in die exekutive zu wählen, dann haben wir eventuell eine chance, dass erstens belastungen und anderseits unser steuergeld richtig investiert wird.
    ich hoffe weiter…..

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  3. paul, 09.12.2020, 19:42 Uhr

    danke! sehr spannend!! hoffen wir auf besserung! aber der kanton luzern ist und bleibt sehr speziell! warum macht man in luzern immer vieles anders als in kantonen in denen etwas funktioniert? immer wirds anders gemacht oder „neu“ erfunden. wer profitiert? wer entscheidet? koster von 14‘400.-!!!! krass! und wenig nutzen! krass! bitte andere kantone kopieren!! … und dabei noch geld sparen …. einfach , gut und getestet.

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