Der Filmemacher auf dem Balkon seiner Wohnung: Ein perfekter Ausblick auf die Mall of Switzerland. (Bild: ida)
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Der Filmemacher auf dem Balkon seiner Wohnung: Ein perfekter Ausblick auf die Mall of Switzerland. (Bild: ida)

Auch nach drei Jahren ist die Mall nicht seine grosse Liebe

6min Lesezeit

Rolf Arnet aus Dierikon warf – stets mit seiner Filmkamera ausgerüstet – über drei Jahre lang einen Blick über die Schulter der Bauarbeiter der Mall. Der Hobbyfilmer ist hin- und hergerissen zwischen Faszination und Groll über den neuen Giganten. Der 77-Jährige erklärt, weshalb er so viel Zeit und Mühe in dieses Grossprojekt investiert hat.

Vom Spatenstich bis zur Vollendung: Rolf Arnet hat dreieinhalb Jahre lang den Bau der Mall of Switzerland mit seiner Filmkamera dokumentiert.

«Ich könnte jetzt nicht sagen, dass ich in die Mall of Switzerland verliebt bin», beginnt Rolf Arnet lachend, während er seinen Blick über das Einkaufs- und Freizeitzentrum schweifen lässt. Und er gibt zu, dass es einem paradox erscheinen mag, dass er so viel Zeit und Mühe investiert hat in diese Dokumentation – denn Arnet spricht selbst von einer «Verschandelung», die die Mall mit sich gezogen habe.

Vielleicht sei es auch ein böser Ausdruck, von einer Verschandelung zu sprechen, meint er weiter.

Er könne auch von einem verdichteten Bauen sprechen. «Es fand eine hypermoderne Umgestaltung der Landschaft statt.» Ein riesiger Koloss versperre nun die räumliche Sicht. «Ich vermisse die grossen, grünen Felder», sagt Arnet etwas reumütig. Viel mehr hätte er sich gewünscht, dass ein Freizeitpark errichtet worden wäre.

Gefangen zwischen Faszination und Groll

«Die Mall braucht es nicht», sagt der 77-jährige Rolf Arnet. Der Hobbyfilmer wohnt nur 600 Meter davon entfernt. Es gebe genug andere Einkaufsmöglichkeiten und der damit verbundene Mehrverkehr erzürne nicht nur ihn.

«Es ist unglaublich, was in diesem Bau steckt.»

Rolf Arnet, Hobbyfilmer

«Ich möchte an und für sich keine Reklame machen für die Mall», erklärt Arnet. Ihn habe das Entstehen des Zentrums interessiert. Getrieben hat ihn der Reiz, zu wissen, wie auf einer grünen Wiese Schritt für Schritt etwas Neues entstehe. «Es ist unglaublich, was in diesem Bau steckt», so der 77-Jährige. Und Arnet muss es ja wissen – hat er doch mehr als drei Jahre lang regelmässig einen Blick über die Schulter der Bauarbeiter geworfen. Der Bau sei sehr emotional gewesen und habe ihn berührt. Am meisten fasziniere ihn beim Filmen, dass er – während er durch die Linse blicke – nie wisse, was in der nächsten Sekunde passiere.

Mit Helm und Stahlkappenschuhen bewaffnet fand er immer wieder den Weg zur Baustelle. Mit nur einer zwei Monate langen Auszeit, als er aus gesundheitlichen Gründen abwesend gewesen ist. Als einer der Ersten durfte er die Mall betreten, als die Läden mehr und mehr Gestalt annahmen. Nicht ganz ohne Stolz erzählt Rolf Arnet von seinen zahlreichen Besuchen in den leeren Läden, als der Zutritt für andere noch nicht gewährt worden ist.

«In den Medien liest man zumeist nur über negative Aspekte der Mall. Mir fehlt die Würdigung der Bauarbeiter.»

Rolf Arnet

Es sei schon eine etwas kontroverse Einstellung und Erfahrung, die er gemacht habe, gibt Arnet zu. Und man spürt, wie Arnet von der Mall hin- und hergerissen ist. Wie er einerseits von dem Bau fasziniert ist und zugleich über die überbauten grünen Flächen Bedauern zeigt.

Einen Ausschnitt aus der Dokumentation von Rolf Arnet sehen Sie hier:

Lobeshymne für Bauarbeiter

Rolf Arnet war es wichtig, durch die Dokumentation den Fokus auf die Arbeiter zu lenken, die sich rund 41 Monate mit der Mall auseinandersetzten.

Über Rolf Arnet

Rolf Arnet wurde 1941 geboren. Er absolvierte eine Kochlehre in Baden und arbeitete unter anderem im Stadtkeller in Luzern.

Arnet besuchte die Hotelfachschule Montana, wo er auch seine heutige Frau Maria kennenlernte. 1963 erhielt er den Fähigkeitsausweis zur Führung eines Gastbetriebes, ein Jahr später folgte die Hochzeit.

Es folgten diverse Anstellungen, unter anderem als Lastwagenchauffeur, Archivchef bei einer Versicherung und Buchhalter bei einer Bank. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Arnet bei Schindler als Planarchivar und Mitarbeiter. Heute lebt der Pensionär in Dierikon – rund 600 Meter von der Mall entfernt.

Die Dokumentation über die Mall wird diesen Donnerstag um 20 Uhr vom Fotoclub Ebikon im Pfarreiheim Ebikon gezeigt.

«In den Medien liest man zumeist nur über negative Aspekte der Mall», so Arnet. «Mir fehlt die Würdigung der Bauarbeiter.»

Denn diese hätten bei jeder Witterung draussen gestanden und viel Zeit und Schweisstropfen geopfert. Der immens grosse Maschinenpark, den es für die Mall benötigt habe, hat Arnet imponiert. Aber auch der Einbau der zwei Passerellen zur S-Station Buchrain. Dafür hat der Filmemacher sogar extra zwei Nachtschichten eingelegt, um die Arbeiter begleiten zu können.

Arnets Hauptanliegen war es, mit den involvierten Leuten zu kommunizieren. Und für die nächsten Generationen eine Dokumentation zu hinterlegen, die aufzeigt, was an jenem Ort passiert ist. Das Zustandekommen der Mall. Und wie dabei neues Leben entstanden sei.

Die Zuschauer sollen durch den Film Einblicke erhalten, «die vorher niemand so zu sehen bekam». Die Dokumentation dauert eine Stunde, Filmmaterial habe er über drei Stunden gemacht. Mit dynamischer Musik hat Arnet seine Bewegtbilder untermalt – die Dokumentation enthält aber keine Interviews und anderen Konversationen. Schritt für Schritt sieht man, wie der Gigant in Ebikon entsteht – und welche Arbeiten die Bauarbeiter auf sich genommen haben.

Schicksalsschläge im Fokus des Filmens

«Ich bin ein wenig ein Nostalgiker», sagt Arnet über sich selbst. Bereits den Abriss des Floragartens in Luzern im Jahre 1974 habe er dokumentiert.

Mehr als 80 Filme hat der Hobbyfilmer in seinem Leben bis anhin gedreht. Zumeist beinhalten diese schwere Schicksalsschläge von Personen. So drehte Arnet eine Dokumentation über Demenzkranke, aber auch zwei Filme über eine blinde Frau – wie sie sich als junges Mädchen und als erwachsene Dame in ihrem Leben zurechtfindet. Aufsehen erregte er auch mit seinem Film über Transvestiten, den er vernichtet hat, nachdem viele sich darüber aufgeregt hatten.

Seine Filme hat Rolf Arnet sorgfältig auf Videokassetten gesichert und bewahrt sie in einem Koffer auf – immer griffbereit, falls die Wohnung einmal in Brand geraten sollte. Dem passionierten Hobbyfilmer aus Dierikon liegen seine selbstgemachten Dokumentationen sichtlich am Herzen.

Ob Arnet die Mall überhaupt noch sehen kann nach all den Jahren, in denen er sich intensiv damit auseinandergesetzt hat? «Ja natürlich», sagt Arnet und nimmt einen grossen Schluck Kaffee. «Des Öfteren trinke ich auch einen in der Mall», meint er und lächelt.

Rolf Arnet bei seiner Arbeit.
Rolf Arnet bei seiner Arbeit. (Bild: zvg)

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