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Im Sport erkenne ich mich manchmal selbst nicht mehr
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So gemütlich wie hier beim Curling in St. Moritz geht es in der nationalen Elite nicht mehr zu. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Der nicht immer leichte Aufstieg in eine höhere Liga Im Sport erkenne ich mich manchmal selbst nicht mehr

4 min Lesezeit 29.10.2019, 10:57 Uhr

Wenn man in eine neue Liga aufsteigt, kommt der Druck von alleine. Die Konkurrenz wird besser und das eigene Team muss sich steigern. Doch nicht selten steht beim Fortkommen der eigene Ehrgeiz im Weg, weiss die Luzerner Curlerlin Selina Witschonke.

Diese Saison befinde ich mich mit meinem Team in einem Übergangsjahr. Auf internationaler Ebene sind wir noch ein Juniorinnenteam, bei den nationalen Turnieren gehören wir altershalber (21 Jahre) bereits zur Elite. Deshalb spielen wir dieses Jahr verschiedene Turniere in beiden Altersklassen. Es ist nicht zu unterschätzen, wie unterschiedlich diese Anlässe sein können.

Doch welches sind die Herausforderungen, die Ziele und die Gefühle in den beiden Ligen? Und wer ist mein grösster Gegner im Curling?

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Vom Favoriten zum Kämpfer

Da wir in den letzten drei Jahren im Junioren-Schweizermeisterschafts-Finale standen und diesen zweimal gewinnen konnten, gehörten wir bei den Juniorinnen in der vergangenen Saison zu den Favoriten. Fast jeder war der Ansicht, dass wir den Schweizermeistertitel ein drittes Mal holen werden.

Auf der einen Seite war es schön, in der Favoritenrolle zu sein, gleichzeitig waren wir dadurch aber immer einem enormen Druck ausgesetzt. Sobald wir ein Spiel in der Meisterschaft gewinnen konnten – kein Kommentar. Vielleicht eine kurze Gratulation. Haben wir aber einen Match verloren, hiess es: «Was hast du gemacht?» Oder: «Nicht euer Spiel was?» Diese Kommentare waren nicht immer einfach wegzustecken.

Ganz anders ist es in der Elite. Da sind wir das neue, junge, motivierte Team. Wir können mit wenig Druck gegen bessere Teams antreten und uns über jeden Sieg freuen. Der Unterschied des Niveaus an einem Eliteturnier ist deutlich spürbar. Passiert ein Fehlstein, wird dies meistens sofort bestraft. Bei den Junioren konnte ein Fehlstein oft rasch wieder ausgebügelt werden.

Unterschiede in der Zielsetzung für die Junioren- und Eliteturniere

In den beiden vergangenen Jahren war das Ziel an den Juniorenturnieren immer der Sieg. Die Leistungsziele waren sekundär.

Bei den Eliteturnieren ist es nun etwas anders. Natürlich wollen wir jedes Spiel gewinnen und geben alles für diesen Sieg, dennoch müssen wir realistisch bleiben und zu Beginn auch mit dem Erreichen der Viertelfinals oder der Halbfinals sehr zufrieden sein. Momentan sind die persönlichen Leistungsziele wichtiger als das Rangziel. Mein persönliches Hauptziel ist es im Moment, dass ich mein Können bestmöglich abrufe und mich nicht von den guten Eliteteams blenden lasse.

Mein grösster Gegner im Sport

Der grösste Gegner im Moment für mich – das bin ich selbst. Ich bin wirklich ein sehr ehrgeiziger Mensch. Mein Ehrgeiz hat viele Vorteile, kann sich manchmal aber auch negativ auswirken. Es ist nunmal ein Fakt, dass wir in der Elite mehr Spiele verlieren werden als noch bei den Junioren. Dadurch verliere ich manchmal etwas mein Selbstvertrauen und meine Lockerheit.

Zum Glück halten diese negativen Gefühle meistens nur kurz an. Ich arbeite jedoch hart daran, sie immer besser oder gar ganz unterdrücken zu können. Mit meinem Sportpsychologen habe ich bereits mehrere Male darüber gesprochen. Ein Satz, welcher mir sehr im Gedächtnis geblieben ist: «Behandle dich so wie du deine beste Freundin behandelst.»

Selbstkritik ist ganz schön unangenehm

Zu Fragen wie: «Was denkst du über dich, wenn du einen Fehlstein hattest?» und: «Was denkst du, wenn deine Mitspielerin einen Fehlstein hatte?» wurde mir nach kurzer Überlegung klar, dass meine Gedanken über meine eigenen Fehler viel negativer sind als jene von meiner Mitspielerin, die gerade den Fehler machte.

Eigentlich gibt es keinen Grund dafür, dass ich so hart mit mir umgehe. Ich bin jedoch so motiviert und ehrgeizig, dass ich unbedingt gewinnen will und es deshalb nicht verstehen kann, wie ich nach so vielen Trainings noch solch einfache Fehler machen kann. Eigentlich ist es normal und menschlich, doch habe ich immer wieder damit zu kämpfen. Nach einem schlechten Match brauche ich jeweils einige Minuten für mich alleine, bis ich mit jemandem sprechen möchte. Schon oft habe ich mich gewundert, was der Sport in meinem Inneren auslösen kann.

Dranbleiben lohnt sich

Im Leben neben dem Sport bin ich ruhig und eher schüchtern. So mag ich es lieber zuzuhören als zu sprechen. Doch wenn ich im Sport unterwegs bin, dann erkenne ich mich manchmal selbst nicht mehr. Leider kann ich bisweilen etwas arrogant und laut werden. Ich habe mich aber im Vergleich zu vor zwei Jahren verbessert, bin jedoch noch nicht an meinem Ziel angekommen.

Diese Gefühle, das Denken und das Verhalten gegenüber meinem Team und vor allem mir selber gegenüber werden für mich noch länger ein Thema bleiben, an dem ich arbeiten werde.  

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