Linus Bolzern über den ersten Wettkampf der Saison
Gewonnen, aber trotzdem verloren

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Linus Bolzern steuert sein Kanu entlang des Ufers von Mantova.

Nach einem harten Trainingswinter kam bei Linus Bolzern in Norditalien die Generalprobe auf dem Wasser: das erste Saisonrennen. Es kann motivieren, Vorfreude auslösen, Respekt vor den kommenden Wettkämpfen erzeugen oder gar den ganzen Lebensinhalt eines Sportlerlebens in Frage stellen.

Vorbei mit Büffeln. Jetzt geht’s ans Eingemachte. Was kann ich? Bin ich wirklich fit? Wie viele Sekunden schneller wurde ich durch die endlosen Wintertrainingsstunden? Der erste Wettkampf im Jahr. Bei mir ist es Mantova. Die wirklich sehr schöne, zeitgeprägte Stadt im Norden Italiens. Sie verschafft mir Herzklopfen. Nicht etwa wegen der hübschen Altstadt, nein, ich meine das wörtlich. Den ganzen Winter war ich im Trainingsmodus und nun ist sie da, die erste Regatta im Jahr.

Wettkampfmodus auf «on» und «ready, set, go»! Bei diesem Startsignal macht mein Herz stets einen Sprung. Vor allem aber setzt es mich jedes Jahr aufs Neue in leichte Aufregung. Nun gilt es alles zu geben. Doch wie viel ist das im Vergleich zu letztem Jahr? Und reicht es aus, um zu gewinnen?

Simpel, aber anspruchsvoll

Der Kanu-Regatta-Sport ist simpel. Ein See, neun Gegner, 200, 500 oder 1000 Meter paddeln und das Ziel, alle zu besiegen. Es gibt keine Hindernisse, keine Technikbewertung, keinen Schnickschnack. Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. Klar es gibt auch bei uns Renntaktik, mentale Stärke und Doping, aber vor allem braucht es hunderte Trainingsstunden jedes Jahr. Während der Saison zeigt sich dann, wer im Winter am meisten geleistet hat. Und der erste Wettkampf ist der erste Vergleich dieser Saison. Er kann motivieren, demotivieren, Vorfreude auslösen, Respekt vor den kommenden Wettkämpfen erzeugen oder gar den ganzen Lebensinhalt des Sportlerlebens in Frage stellen.

Der Startschuh (eine Schranke, die Frühstarts verhindert) verschwindet im Wasser und dann wird erstmals gespurtet. Die ersten 30 Schläge sind kurz und kraftvoll. Ich komme gut voran. Mit einer Frequenz von bis zu 140 Schlägen pro Minute starte ich mein Rennen. Danach geht es über in den Streckenschlag. Noch gut 100 Schläge pro Minute. In den Augenwinkeln sehe ich, wie mir meine Konkurrenten langsam, aber sicher davonziehen. Kühlen Kopf bewahren! Die 500-Meter-Boje schaukelt an mir vorbei. Halbzeit. Pause gibt es keine. Ich konzentriere mich: Gerade aufsitzen, Körperrotation intensivieren, weit vorne mit dem Paddel einstechen und langsam den Druck auf das Paddel steigern. Meine Taktik geht auf, ich kann meine Geschwindigkeit halten. Ich hole auf. Am Schluss ist es Platz eins – im B-Finale. Gewonnen, aber trotzdem verloren.

Der Lauf um die Zeit

Der Kanu-Regatta-Sport ist simpel. Genau darum ist er auch so anspruchsvoll. Was muss ich noch verbessern? Wieso sind die anderen schneller? Es ist doch so simpel, einen Kilometer geradeauszufahren. Am ersten Wettkampf wird man mit seinen Schwächen konfrontiert. Klar, auch mit den Stärken, aber die blendet man eher mal aus. Danach weiss man wieder, woran man arbeiten soll. Arbeiten. Sportler sind gut im Arbeiten. Gut im Trainieren. Doch auch wir wollen nicht nur arbeiten. Auch wir freuen uns auf den Zahltag. Den Wettkampf. Die Medaille. Der erste Wettkampf zählt meist nicht viel. Keine Weltmeisterschaft, keine Qualifikation, nichts. Doch auch hier will man sich vergleichen. Was zählt ein gewonnenes B-Finale?

Ich bin zufrieden mit meinen Rennen. Doch ich weiss: Da muss noch mehr kommen. Etwas unsicher bin ich auch. War das genug, was ich diesen Winter trainiert habe? Kann ich überhaupt mehr? Und reicht es aus, um meine Ziele zu erreichen? Ich weiss es nicht. Was bleibt mir übrig? Egal wie die Antworten ausfallen, das Ergebnis ist dasselbe. Ich arbeite an mir, bis ich da bin, wo ich sein will.

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