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Ramadan: der antizyklische Monat
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Wie Sarah Bischof die muslimische Fastenzeit erlebt Ramadan: der antizyklische Monat

4 min Lesezeit 23.05.2018, 16:27 Uhr

Nichts essen, nichts trinken, nicht rauchen, keine Zärtlichkeiten – von vier Uhr morgens bis zum Sonnenuntergang: so die Regeln während dem Ramadan, dem Fastenmonat der Moslems. Diese Regel stellt den Alltag unserer Bloggerin Sarah Bischof in ihrer zweiten Heimat Marokko komplett auf den Kopf.

Wo sonst morgens die Fischerboote aufs Meer fahren, herrscht gähnende Leere. Die Läden öffnen später und das Leben verlagert sich in die Nacht. Für einmal kann ich morgens (fast) unbeobachtet am Strand Yoga machen. Dennoch: Der Typ mit den Sonnenschirmen und -liegen stellt wie gewohnt sein Setup auf. «Ich muss was zu tun haben, so geht die Zeit schneller um», gesteht er mir.

Damit ist er eher eine Ausnahme. Denn während des Ramadan lebt die Mehrheit der Moslems dem natürlichen Biorhythmus gegenüber antizyklisch. Bis zum Sonnenuntergang fasten ist kräfteraubend. Die Menschen sind gezeichnet, sie berichten von Konzentrationsschwäche und die Spannung liegt in der Luft – besonders in den ersten Tagen.

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Kopfschmerzen sind bei den meisten in den ersten Tagen vorprogrammiert. Wer kann, bleibt tagsüber zu Hause und im Schatten. Auch wenn bei uns in der Gegend die Surf-Hauptsaison vorbei ist, haben die meisten Camps noch vereinzelt Gäste. Die Surflehrer sind trotz Fasten den ganzen Tag am Strand im Einsatz. Ohne zu trinken! «Es ist Einstellungssache», sagen sie.

Frei von Ablenkung

Fasten hat jedoch auch einen erlösenden Effekt: Körper, Seele und Geist sind für einmal nicht abgelenkt von aller Zufuhr, die via Gurgel in uns eindringt. Die Aufmerksamkeit wird auf etwas anderes gerichtet. Zwischen dem Sonnenaufgang, begleitet vom Fajr-Gebet, und dem Sonnenuntergang, dem Beginn des Maghreb-Gebets, wird weder gegessen, getrunken oder geraucht, noch eine Kopfwehtablette genommen. Sex und körperlicher Austausch ist strengstens untersagt.

Dafür erklingen mehr sowie längere Gebete und Gesänge über die Lautsprecher der Moscheen. Innerhalb der 30 Tage des neunten Monats des islamischen Kalenders wird in jeder Moschee der ganze Koran gelesen. Wir wohnen nahe bei der Moschee. Den Gebeten lausche ich und bin im gleichen Moment nicht fähig, etwas anderes zu tun. Die Stimmung zieht mich unweigerlich in ihren Bann – obwohl ich nicht Muslimin bin. Derweil lachen und grölen die Gäste im Surfcamp nebenan lauthals, als ob wir in zwei verschiedene Welten leben würden.

Verstösse nur im Geheimen

Jeder praktizierende Moslem ist zum Ramadan verpflichtet. Es ist einer der fünf Grundpfeiler des islamischen Glaubens. Während in der Schweiz kaum jemand mehr der katholischen Fastenzeit folgt, ist es in Marokko doch die Mehrheit, die fastet. Klar gibt es Menschen, die sich damit nicht identifizieren können und verdeckt ein ganz normales Leben führen.

«In den Supermärkten spürte man eine Art Weltuntergangsstimmung.»

Es gibt auch solche, die nach einigen Tagen aufgeben. Untertags in aller Öffentlichkeit essen oder trinken würden sie aber niemals. Dies aus Respekt vor den anderen und dem Glauben. Vom Ramadan ausgenommen sind Kranke, Schwangere, Altersschwache, Kinder und Reisende. Frauen, die ihren Monatszyklus haben, dürfen den Ramadan unterbrechen und diese Zeit später im Jahr nachholen.

In der Nacht wird kulinarisch zugeschlagen

Bereits vor dem Start des Ramadan ist die Stimmung anders. Viele sind nervös, denn man weiss nie ganz genau, wann die Fastenzeit exakt beginnt. Dann nämlich, wenn die erste Sichel des Neumondes des neunten Monats des islamischen Kalenders am Himmel zu erkennen ist. Dieses Jahr fiel der Start in Marokko auf Donnerstag, 17. Mai. In den Supermärkten spürte man eine Art Weltuntergangsstimmung. Frauen schieben überladene Einkaufswägen vor sich hin. Prall gefüllt mit Datteln, Eiern, Jogurts. Die Regale mit Mehl sind leergefegt.

Denn der Ramadan ist nicht nur die Zeit des Fastens, sondern auch der sehr aufwendigen Speisen und Süssigkeiten, die schon im Vorfeld zubereitet und eingefroren werden. Kulinarisch wird in der Nacht zugeschlagen: Üppige Tische mit vielen Backwaren. Dabei bleibt viel Essen liegen und wird an Tiere verfüttert oder entsorgt. Viele bleiben bis zur letzten Minute wach – teilweise wegen dem Gebet, teilweise weil sie bis zur letzten Minute essen und trinken wollen. So ist es in jeder Religion und bei jeder Regel, jeder hat seine ganz eigene Art und Weise der Umsetzung.

Wieso jeweils um 19.30h Nervosität ausbricht und welche Tücken ich als Nicht-Fastende in einer Beziehung mit einem Fastenden zu bewältigen habe, darüber im nächsten Blog.

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