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Die strahlende Fee in meinem Haushalt
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  • Pony Hü: Kulturschock in Marokko
Rokaya unterstützt mich seit Kurzem. (Bild: Sarah Bischof)

In Marokko wird frau häuslich Die strahlende Fee in meinem Haushalt

4 min Lesezeit 17.10.2018, 11:00 Uhr

Nach Monaten der Orientierungslosigkeit ist Sarah Bischof nun in ihrer Wahlheimat Marokko angekommen. Allerdings musste sie dazu erst einige Gänge runterschalten. Dazu gehörte auch, dass sie in der Küche und im Haushalt Dinge anpackte, die für sie vorher im Takeaway-Regal griffbereit waren.

Dass Frauen ihren Alltag im Haus verbringen, ist hier im Dorf gang und gäbe. Sie kümmern sich um die Familie, kochen und putzen. Als ich nach Tamraght, ein Dorf an der Küste im Süden Marokkos kam, dachte ich: Wie um Himmels Willen ist das möglich? Wie kann man das wollen? Jetzt als junge Mutter mit eigenen vier Wänden an diesem sandigen Ort kommt mir das gar nicht mehr so abwegig vor. Denn ich weiss, wie aufwändig hier alles ist – besonders die Gerichte.

«Schnell schnell» was in die Pfanne gehauen wird hier selten, höchstens mal ein Ei. Das Brot ist hausgemacht – ist es doch von grosser Bedeutung und ersetzt bei vielen Speisen die Gabel. Besonders anstrengend ist der Freitag. Dann wird nach dem Gebet in vielen Familien das traditionelle Gericht Couscous aufgetischt. Im Westen ist dieses Gericht als Schnellnahrungsmittel bekannt: Heisses Wasser und Öl auf den Couscous aus der Packung giessen, 5 Minuten ziehen lassen und fertig. Nicht so hier, Couscous wird im Dampf in einem langen Prozedere gekocht.

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Vielfältige Speisen auf dem Familientisch.

Vielfältige Speisen auf dem Familientisch.

(Bild: Sarah Bischof)

Klar gibt es Fast Food und Sandwichshops für den Hunger zwischendurch. Dennoch: Man verpflegt sich viel lieber zu Hause. Einerseits eine finanzielle Frage – von einer grossen Tajine mit einem Hähnchen, sowie Brot dazu ernährt sich die ganze Grossfamilie – andererseits ist man stolz die Speisen traditionsgerecht und im Stil der Familie zuzubereiten, das Essen der Mutter oder Schwester zu geniessen. Von Generation zu Generation werden die Kochkünste weitergegeben. Auch wenn die Gerichte den gleichen Namen tragen, in jeder Region, ja sogar in jeder Familie schmecken sie ein bisschen anders. Es ist spannend den Gaumen die ganz sanften Unterschiede erkennen zu lassen.

Vom Duracelpony in den Retreatmode

Hätte man vor einigen Jahren jemanden gefragt, wer denn «diese Sarah» sei, die heute auf zentralplus über Marokko bloggt, hätte es geheissen: «Das ist die, die immer spricht!» oder «Das Duracelpony, das nie stillsitzen kann.» So ist es. So war es! Getrieben vom Aktivismus war ich, genauer mein Mund, durch meinen Radiojob ständig in Bewegung. Wenn ich mal still war, hatte ich schon wieder tausend Pläne im Kopf und ein schlechtes Gewissen wieso ich nun stillsitze.

In einem meiner ersten Blogs habe ich beschrieben, wie mich das Leben nach Marokko katapultiert hat. Hier, wo sich die Schweizer Uhr rückwärts dreht. Gemütlichkeit, der Moment, aber auch Ineffizienz geben den Takt an. Ich nahm den Puls dieses Ortes an und ging in den «Retreatmodus». Ich verbrachte viel Zeit im Haus und ging wie eine Mehrheit der einheimischen Frauen zum Sonnenuntergang spazieren. Einziger Unterschied: Ich mit Hund, sie nicht.

Hausfrau Sarah? No!

Eins vorweggenommen: Die Macherin in mir ging nicht verloren. Das Marokkoerlebnis hat sie auf eine neue Art und Weise wachgerufen. Durch die nicht «Ständige Abgelenktheit und Verlockungen der Stadt» konnte ich hier im Dorf reflektieren. Ich bin der Frage meines Seins in Marokko nachgegangen, habe neue Projekte geplant und vor allem eine neue Kultur studiert. Ich zog mich zurück – nicht etwa weil mein Partner mir das so vorgab. Im Gegenteil.

Lumpen, Kübel, Javelwasser und Besen – die simple Variante

Lumpen, Kübel, Javelwasser und Besen – die simple Variante

(Bild: Sarah Bischof)

Mir tat es nach meinem Lebensstil im Eiltempo gut einige Gänge runterzuschalten. Auch ist es mir als «Schweizer Käse» tagsüber viel zu heiss. Ich ziehe das kühle Haus dem Brutzeln am Strand vor. Zugegeben monatelang war ich orientierungslos und wusste nicht, wohin mich mein Weg Marokko führen will. Auch das gehört zum Leben. In dieser Zeit lehrte ich mich selber in der Küche und im Haushalt Dinge, die für mich vorher im Takeaway-Regal griffbereit waren oder über die ich mir niemals Gedanken gemacht habe. Den Stapel Bücher, den ich lesen wollte, ist immer noch gleich hoch.

Auch wenn ich in der Zwischenzeit einen leckeren marokkanischen Tee oder eine Tajine zubereiten kann, blühe ich bei diesen Hausarbeiten nicht auf. Im Gegensatz zu Rokaya. Sie unterstützt mich seit Kurzem zwei Mal pro Woche im Haus. Ihre positive Energie und Freude an den ihr aufgetragenen Arbeiten sind ansteckend. Und sie geht erst nach Hause, wenn alles blitzblank ist. Habe ich in vergangen Blogs doch immer mal wieder an der Arbeitsmoral zweifeln müssen, gilt hier das Umgekehrte: Eine, die es ernst nimmt, was sie tut. Genau wie ich.

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