Wegen Corona seit fast fünf Monaten vom Mann getrennt
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Sarah Bischof vermisst ihre zweite Heimat am Meer (Bild: Sarah Bischof)

Rückkehr frühestens im September Wegen Corona seit fast fünf Monaten vom Mann getrennt

5 min Lesezeit 3 Kommentare 20.07.2020, 11:02 Uhr

Er lebt in Marokko, sie mit Kind in der Schweiz: Seit Anfang März sitzt Sarah Bischof bei ihren Eltern in Hochdorf «fest». Nachdem sie im letzten Blog über die schwierige Situation speziell für Marokkanerinnen und Marokkaner berichtet hat, wird sie nun nach bald fünf Monaten Zwangstrennung persönlicher.

«Ja, ich bin (immer) noch hier.» Augenverdrehen, innerliches Grummeln und «Nein, nicht schon wieder diese Frage!» schreit es in meinem Hinterkopf. Bämm, die Frage meines Gegenübers sitzt!

Lasst mich das Gefühl beschreiben: Es macht mich traurig? Nein. Es macht mich sauer? Nein. Es lässt mich der ganzen Situation gegenüber ohnmächtig fühlen? Nein. Es ist mühsam? Ja…irgendwie…wobei: Eigentlich bin ich die Frage «Wie lange bist du noch hier?» gewohnt – seit ich zwischen Marokko und der Schweiz hin- und herpendle.

Also bereits fünf Jahre. Ich kann die Frage nicht mal jemandem verübeln. Freunde und Bekannte sind erfreut, mich zu sehen, und möchten checken, ob es eine Gelegenheit für ein Treffen gibt. Soll betont sein: Ich liebe meine Freunde und mein Umfeld in der Schweiz.

Ich möchte und könnte nicht ohne sie leben. Doch: Diese ewig gleiche Frage ist – verzeiht mir – mühsam. Besonders jetzt, wo es auf diese Frage seit viereinhalb Monaten Corona-bedingt schlicht und einfach keine Antwort gibt.

Technologie sei Dank

Viereinhalb Monate ist unsere kleine Familie geographisch bereits getrennt. Ja, die Situation ist nicht einfach. Angefangen bei der Fernbeziehung über Face Time und WhatsApp, über die wundervolle Entwicklung unserer zweijährigen Tochter, die mein Mann Youssef nur via Video oder Telefonie mitbekommt, bis zu Umbauten in unserem Guesthouse und das Organisieren meiner Charity-Projekte aus der Ferne.

Ich stelle mir vor, wie das vor 25 Jahren gewesen wäre, als es noch nicht die digitalen Möglichkeiten von heute gab. Darum will ich mich nicht beklagen. Auch sind wir alle sicher und uns allen geht es gut.

Dennoch: Es nervt, getrennt zu sein. Es nervt, sich nicht umarmen zu können. Es nervt, dass wir mit unserem schwerkranken Hund in Marokko nicht die sieben Stunden zu unserem Vertrauenstierarzt nach Rabat fahren konnten, weil während dem Lockdown Reisen zwischen Städten verboten war, und dass der nächstgelegene Tierarzt eine Fehldiagnose gemacht hat.

Es nervt, nicht zu wissen, wann man wiedervereint sein kann. Marokko fährt einen sehr restriktiven Kurs. Der Lockdown ist zwar an den meisten Orten vorbei, dennoch: die Grenzen öffneten sich erst diese Woche – und auch dies mit Vorbehalt.  

Grenzen öffnen sich langsam

Einheimische sowie Personen mit Aufenthaltsbewilligung können wieder einreisen, nicht aber Touristen. Die Bestimmungen sind kompliziert, zugelassen sind nur zwei Airlines und die Reise antreten kann nur, wer maximal 48 Stunden vorher einen Covid-19-Test gemacht hat und dieser negativ ausgefallen ist.

Immerhin etwas ist grossartig: Endlich kann mein Transporteur, der auch monatelang blockiert war, mit dem Hilfsmaterial meiner Charity «Support-Flow to Morocco» wieder fahren und so vor Ort Familien in Not helfen.

Das Positive sehen, statt sich zu nerven

Mein Aufenthalt in meinem «Exil» hat mich vieles gelernt. Anstatt mich über die Situation zu nerven, versuche ich mich an positiven Dingen aufzubauen. Auch wenn meine Eltern berufstätig sind, können sie mich mit meiner Tochter Luna unterstützen und mir bewusst Raum für mich selbst geben. Etwas, das seit Geburt unserer Tochter zu kurz gekommen ist.

Endlich habe ich Zeit und Musse – neben journalistischen Arbeiten und meinen Charity-Aktivitäten – zweimal wöchentlich online in einer Gruppe Darija, das marokkanische Arabisch, zu lernen. Ich besuche einen Online-Foto-Workshop und bewege mich mehr als sonst. Das alles tut mir unglaublich gut.

Overdose!

Meine Situation und meine Gefühle lassen mich reflektieren. Mit Sicherheit bin ich in meiner Vergangenheit schon tausend Mal in dieses Fettnäpfchen getreten: Eine Frage zu stellen, die das Gegenüber nicht hören möchte oder aber nicht mehr hören mag.

Overdose nennt man dies. Heute versuche ich solche Fragen, wenn möglich, gar nicht mehr zu stellen und mein früheres «Journalisten-Syndrom» auszutricksen – natürlich gelingt mir dies auch nicht immer. Zum Beispiel Freunde, die von einer langen Reise zurückkommen, würde ich nie mehr fragen: «Und jetzt? Was ist euer Plan?»

Ich habe aufgehört zu planen. Besser spreche ich von Ideen. Wer fest plant und dann kommt (wieder einmal) alles anders, ist nur enttäuscht. Eine Idee ist – zumindest für mich – viel leichtfüssiger und irgendwie anpassungsfähiger. Das betrifft auch unsere Rückreise in unsere zweite Heimat.

Also: «Wie lange bist du noch hier?» Endlich kann ich eine Antwort geben: Ich habe einen Direktflug für Luna und mich für September soeben gebucht. Ob es klappen wird? Das liegt in den Sternen. Wie so vieles – nicht nur jetzt.

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3 Kommentare
  1. Sarah Bischof, 31.07.2020, 15:22 Uhr

    das weiss eigentlich nur das Universum so ganz genau…we will see…

  2. Kasimir Pfyffer, 20.07.2020, 17:41 Uhr

    Zu diesem facettenreichen Text könnte ich Dutzende Fragen stellen. Aber eigentlich bewegt mich nur eine: Wie lange ist Pony Hü noch da?

    1. Gery Blum, 20.07.2020, 21:41 Uhr

      Das steht eigentlich im Text. Wie heisst es so schön: wer lesen kann, ist im Vorteil…

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