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In der Schweiz gestrandet
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  • Pony Hü: Kulturschock in Marokko
Sarah Bischof beim Sammeln für Marokko. (Bild: zvg)

Rückkehr in die Wahlheimat Marokko ungewiss In der Schweiz gestrandet

4 min Lesezeit 25.05.2020, 13:06 Uhr

Während die Schweiz versucht, sich Schritt für Schritt der Normalität anzunähern, herrscht in Marokko immer noch Lockdown. Für Sarah Bischof wird so ihr Ausflug in die Schweiz zur Bewährungsprobe. Die in Marokko lebende Luzernerin kann seit drei Monaten nicht zurück in ihre zweite Heimat.

Ich bin einmal mehr zwischen den beiden Welten, Schweiz und Marokko, hin- und hergerissen. Wie geplant bin ich im März mit unserer Tochter in die Schweiz gereist – nicht wegen Corona, sondern weil ich als freischaffende Journalistin Aufträge hatte.

Geplant waren drei Wochen, daraus sind bereits fast drei Monate geworden. Unser Rückflug wurde storniert und seither sitzen unsere bald zweijährige Tochter Luna und ich im Luzernischen bei meinen Eltern fest. Nun ja, es hätte mich schlimmer treffen können. Ich bin dankbar dafür, wo wir sein dürfen.

Wann wir zurückkönnen, ist noch unklar. Klar ist hingegen, dass unser gesamtes Oster- und Sommergeschäft in unserem Guesthouse am Meer leider flöten geht. Unterstützung vom Staat gibt es nur via Steuererlass während dem Zeitraum des Lockdowns, ansonsten nichts. 

Staatlicher Zustupf reicht nicht

Und was mache ich in der Zwischenzeit? Auf bessere Zeiten warten und Däumchen drehen ist nicht meine Art. Ich versuche von hier aus in Marokko zu helfen. Die meisten marokkanischen Familien trifft dieser Lockdown, der seit dem 2. März gilt, hart.

Ein Grossteil der Marokkaner sind Taglöhner. Wirkliche Ersparnisse haben nur wenige. Der Staat hat zwar Hilfe gesprochen, aber der Zustupf reicht nicht, um eine ganze Familie zu ernähren – wenn man ihn dann überhaupt kriegt. Viele, die abgelegen wohnen oder nie zur Schule gingen, hadern mit den Formalitäten.

Wir wissen von älteren alleinstehenden Frauen, die komplett von ihrer Nachbarschaft abhängig sind.

Impressionen von der Essensverteilaktion von Sarah’s Charity. (Bild: zvg)

Essenskörbe an Familien in Not

Meine Charity «Support-Flow to Morocco» hat ein Crowdfunding lanciert, um Familien in Not mit Essenskörben mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Wir konnten bereits über 30 Familien in unserer Gegend helfen.

Die Reaktionen waren herzberührend. Unerwartet haben wir an ihren Türen geklopft und ihnen unsere Hilfe angeboten. Die meisten hatten Tränen in den Augen. Viele Familien müssen auch noch die eigenen Eltern unterhalten. Noch läuft unser Crowdfunding, denn der Lockdown dauert bis am 10. Juni.

Ungemütlich …

Auch wenn in der Schweiz der Grossteil geschlossen war, konnte ich mich viel freier bewegen. Dass ich nicht ständig konsumieren konnte, hat mich null gestört. Mein marokkanisches Leben, wo es viel weniger Ablenkung und Konsummöglichkeiten gibt, hat mich gut auf die aktuelle Situation vorbereitet.

Ich bin aber froh, jetzt nicht in Marokko zu sein, denn das Leben ist relativ strikt: Es herrscht absolute Maskentragpflicht und wer sich aus dem Haus bewegt, muss eine Bewilligung mit sich führen. Erlaubt werden nur Einkäufe, Arztbesuch oder mit dem Hund Gassi zu gehen. Wobei man bei Letztgenanntem je nach Region nach Hause geschickt wird.

Ab 18 Uhr darf niemand mehr unterwegs sein. Es drohen saftige Bussen und die Abführung auf den Polizeiposten, wenn man die Regeln missachtet. 

Impressionen von der Essensverteilaktion von Sarah’s Charity. (Bild: zvg)

Wieso ist Marokko so strikt?

Marokko muss sich schützen. Mit nur rund 300 Beatmungsplätzen landesweit bei 36 Millionen Einwohnern könnte das Land eine solche Welle wie in Europa gar nicht stemmen!

Gelockerte Reglemente wären in den vielen kleinen Shops und Betrieben schwieriger umsetzbar und darum muss die Regierung wohl härter durchgreifen. Langsam, aber sicher schwindet die Geduld. Nachdem bereits der Fastenmonat Ramadan in einem ganz anderen Rahmen stattfinden musste:

Ohne gemeinsames Beten in der Moschee, ohne die Familie zum Iftar, dem abendlichen Fastenbrechen, zu treffen, ohne das nächtliche gemeinsame Leben. Immer mehr drückt auch die finanzielle Last auf die Schultern der Einheimischen.

Wenn ich in den letzten Wochen Schweizerinnen über die Doppelbelastung Job und Kinder zu Hause jammern gehört habe oder aber die, die nicht wie gewohnt in ihr Café können oder ihr Fitnessstudio konnten, musste ich zweimal leer schlucken.

Denn ich weiss, dass es in Marokko ums Überleben geht. Ich weiss, ich darf dieses Gefälle nicht bewerten, denn es sind zwei komplett unterschiedliche Welten.

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