Mario Wälti zum Kunstkonsum
Die Schnelllebigkeit von Publikum, Medien und Kultur

  • Lesezeit: 5 min
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Wie schnelllebig darf und muss Kunst sein? Wie viel Neues muss bei jedem Kunsterzeugnis geboten werden? Darf der Kunstkonsument in regelmässigen Abständen eine Neuerfindung des Rades erwarten? Eine Abrechnung mit den Folgen des Internetzeitalters.

Neues Jahr, neues Glück, und wir beginnen diesen Artikel mit einem Allerweltstatement: Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Was hat diese Plattitüde in diesem Text verloren? So einiges.

Eine Rückblende

Wir schreiben das Frühjahr 2014 – in Luzern entladen ein paar Vertreter der inzwischen überregional bekannten 041-Crew mit dem Song «2041» (Emm, Mimiks, Dave, Mike & Luzi von GeilerAsDu; produziert von Kackmusikk) gerade ein kleines Rapfeuerwerk. Grosser Profiteur (zu Recht) von diesem Song ist Mimiks, dessen letzter Gastauftritt vor seinem Debut-Album «VodkaZombieRambogang» Erwartungshaltung und Vorfreude auf die Platte in ungeahnte Höhen schnellen lassen. Geneigte Leser kennen den Rest der Geschichte – «VodkaZombieRambogang» stieg auf Platz 1 der Charts ein, Medienvertreter von Funk über Radio bis Fernsehen und Kulturköpfe rieben sich verwirrt die Augen. Rap aus Luzern, so gross und so überregional?

Die Überraschung wich dann alsbald dem Stolz: Nach dem «Rock City»-Kater (gibt es einen abgedroscheneren Ausdruck?) war Luzern wieder wer, zwar in einer anderen musikalischen Ecke, aber immerhin im selben Zirkus. Und da Mimiks im Rucksack noch ein paar andere Luzerner Talente mitbrachte und unterstützte, welche in seinem Windschatten eine erhebliche Vergrösserung ihrer Fanbase feiern konnten, entwickelte sich in der Folge eine positive Wechselwirkung zwischen Zentralschweizer Medien, Künstlern und – nicht zuletzt – dem Publikum. Keinem der Beteiligten ging der Stoff aus: Die Musiker produzierten, die Medien schrieben darüber, die Kulturmenschen feierten die Produktionen voraus und nachher mit, die Booker buchten die Acts an die Festivals und in die Konzerthallen (und diese verkauften sie aus), und die Leute kauften die Platten (oder streamten sie zumindest) und sorgten an den Konzerten für gute Stimmung. Mimiks war in der Zwischenzeit im musikalischen Schweizer Olymp angelangt – eine Swiss-Music-Award-Nomination zehn Monate nach dem Debut-Album und eine Tour im Vorprogramm von Stress sprechen Bände.

Zurück in die Gegenwart

Wir schreiben das Jahr 2016, und es gilt, auf das Zitat ganz oben zurückzukommen – wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Das Mimiks-Album Nr. 2 namens «C.R.A.C.K» steht vor der Tür, und während der Autor dieses Artikels fest davon ausgeht, dass auch für dieses Album eine sehr hohe Chartrangierung zu Buche schlagen wird, ist es trotzdem unübersehbar, dass die Erwartungshaltungen der Leute in Richtung unrealistisch gehen: Setzte das erste Mimiks-Album in Sachen raptechnischer Fähigkeiten ein neues Level, so erwarten die Leute von «C.R.A.C.K» nicht weniger als das Pulverisieren der mit dem Debut-Album «VodkaZombieRambogang» eigens gesetzten Messlatte – idealerweise mit der gleichen Differenz, mit der Mimiks damals seine Mitstreiter hinter sich liess.

Publikum wie Medien wie Kultur sind schnelllebig. Sie gewöhnen sich schnell an ein Niveau, nehmen dieses fortan für selbstverständlich und als Benchmark einer jeden neuen Beurteilung und Kritik. Und dieses härtere neue Regime kriegen auch die anderen, kleineren Szenevertreter zu spüren: Der Effekt des «Wir sind wieder wer» scheint verflogen, man hat sich an das Level gewöhnt, ab jetzt dürfen nur noch Überalben releast werden, ansonsten wird man entspannt im Ordner «medioker» abgelegt. Diese Entwicklung, wenngleich wohl normal, ist gefährlich, denn sie ignoriert, dass eine jede Szene sich ab und zu auch setzen muss und nicht immer nur im Vorwärtsgang befindlich sein kann. Wird diese Tatsache von den Kulturschaffenden (und den Medien und den Bookers) ignoriert, dann droht der jeweiligen Musikecke das Versinken im Niemandsland.

Als Beispiel mag hier die Luzerner Gitarrenszene dienen, welche in den letzten ca. fünf oder sechs Jahren wohl kaum an musikalischer Qualität eingebüsst hat, aber durchaus an Relevanz: Die positive Wechselwirkung zwischen Künstlern, Kultur, den Medien und, letzten Endes, dem Publikum, ist kleiner geworden, ohne dass die Platten schlechter geworden wären. Aber die Produktionen werden, weil nicht mehr komplett ungewohnt, als weniger bahnbrechend (und darum fälschlicherweise als qualitativ weniger erheblich) empfunden, was dazu führt, dass die Resonanz dieser musikalischen Ecke abgenommen hat und letzten Endes wohl für den Moment von der elektronischen Musik und von Hip Hop abgelöst worden ist. Und es scheint, als sei auch die Luzerner Hip-Hop-Szene in Gefahr, diese Entwicklung zu nehmen: Egal, wie gut der Output der Szene ist, ohne das Zusammenspiel der verschiedenen «Aggregatoren», die eine musikalische Welle unterstützen, darüber schreiben, diese feiern und die Acts buchen, wird die Relevanz von Luzerner Hip Hop zuerst früher oder später drastisch abnehmen – zuerst in der Breite, dann auch in der Tiefe. Gäbe es in den USA nicht gefühlte 200 (mehr als anständige) Musikblogs und damit Leute, die den Output der Künstler feiern und medial weitertragen, könnte die urbane Musikindustrie dort weder der EDM-Bewegung noch Taylor Swift irgendwas entgegenhalten. Aggregatoren sind Teil des Spiels, Teil des sich drehenden Rads: Klar, niemand kann gute Musik feiern, wenn niemand gute Musik macht. Aber man muss sich auch aktiv dazu entscheiden, Musik zu feiern, damit viel solide und ab und an bahnbrechende Ware entstehen kann.

Fazit

Ohne Figuren, die die Kunst aktiv und unterstützend weitertragen, hat Kunst einen enorm schwierigen Stand. Darum bleibt für 2016 (und für jede musikalische Ecke der Zentralschweiz) nur zu hoffen, dass alle Beteiligten, von Künstlern bis Medien, von Kultur bis Publikum, unser aller Musikleben in aktiver Bewegung behalten. Es gibt auch gute Alben, die das Rad nicht komplett neu erfinden, die aber trotzdem wichtig sind und, im Sinne der Gesamtbewegung, ihren Teil des Scheinwerferlichts verdienen. Auch in schnelllebigen Zeiten ist das noch so.

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