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Filmemacher Edwin Beeler über Magie im Kino

Warum Filme in Zürich, nicht aber in Luzern zu sehen sind

1957 stand man vor dem Pariser Kino Le Grand Rex noch Schlange. (Bild: le grand rex)

Die Zuschauerzahlen in den Schweizer Kinos gehen stetig zurück – der Zentralschweizer Filmemacher Edwin Beeler sieht dafür mehrere Gründe. Und er hofft, dass die in Kinosäälen herrschende Magie andere Medien wieder verdrängen kann.

Carlo Mierendorff hat 1920 seinen Essay «Hätte ich das Kino!!» veröffentlicht. Darin beschreibt er das junge Kino als Massenphänomen, als Medium des «klassenlosen Publikums».

Vom Bildungsbürgertum bisher eher als Jahrmarktspektakel verachtet, könne es gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen und müsse von der «literarischen Intelligenz» endlich akzeptiert werden. Das Kino sei universal, massenwirksam und eigne sich zur politischen Propaganda. Die Filmkunst müsse endlich als solche anerkannt werden.

Kinos in der Krise

Hundert Jahre später stecken die Kinos in der Krise. Zwar laufen ein paar Blockbuster immer noch gut: «Top Gun: Maverick» hat dieses Jahr in der Schweiz 574‘170 Eintritte erzielt, «Spider-Man: No Way Home» 556‘764 Eintritte. Verglichen mit dem Durchschnitt von 2015 bis 2019 sind die Zuschauerzahlen in diesem Jahr bisher um rund 35 bis 40 Prozent zurückgegangen. Vor allem Arthouse- bzw. Studio- Filme haben es schwer. Darunter fallen auch Dokumentarfilme.

Worauf ist dieser Publikumsrückgang zurückzuführen? Ich sehe drei Faktoren: Erstens die mit den Streamingdiensten und der Verfügbarkeit von Grossbildmonitoren einhergegangen Veränderungen der Sehgewohnheiten. Zweitens die Pandemie und die damit verknüpfte Angst, sich im öffentlichen Raum – trotz der gerade in den Kinos herrschenden, sehr strikten Schutzmassnahmen – anzustecken. Und drittens das schleichende Aussterben des am Arthouse- und Autorenfilm interessierten Kinopublikums.

Fellini? Wer ist das?

Für dieses Publikum, filmkulturell sozialisiert in den 60er, 70er und 80er-Jahren, war fast jeder neue Arthousefilm ein Ereignis. Es war die Zeit der Filme eines Truffaut, Fellini, Fassbinder, Tanner oder einer Wertmüller, Chytilowa, Schepitko. Deren Filme waren exklusiv in den Kinos zu sehen und wurden in der Tagespresse umfassend besprochen.

Allein in der Stadt Luzern gab es drei Filmredaktionen. Ich erinnere mich an Rolf Breiner, zuständig für Filmkritiken im Luzerner Tagbatt. An die Filmartikel von Urs Hangartner, die er regelmässig in den Luzerner Neuesten Nachrichten publizierte, oder an Charly Schum, der fürs Vaterland schrieb. Inzwischen wurden die Filmredaktionen ausgedünnt oder ganz abgeschafft.

Magisches Raumerlebnis Kino

Vermutlich hat das geschrumpfte Publikumsinteresse für Arthouse- und Studiofilme nicht nur, aber auch, mit mangelnder filmhistorischer Bildung und filmhistorischem Bewusstsein zu tun. Vermutlich bin ich ein unverbesserlicher Nostalgiker, wenn ich mich dankbar an meine Mittelschulzeit erinnere, als ich Filmklassiker, in 16 Milimeter-Kopien auf eine relativ grosse Leinwand projiziert, entdecken durfte, vom «Blauen Engel» zu «Citizen Kane» bis zu «Im Lauf der Zeit» oder «Easy Rider». Ich war angefixt. Und von Anfang an war mir klar, dass ein Kinofilm in diesen magischen Raum auf die Leinwand gehört und nicht ins Pantoffelkino.

Der Kinosaal war (und ist) für mich ein ganz spezieller, traumhafter, emotionsbehafteter Ort. Eines der unvergesslichsten Kinoerlebnisse hatte ich in Paris, im Cinéma «Le Grand Rex». Stanley Kubricks Monumentalfilm «Spartacus» wurde gerade gezeigt. Zuerst ging der Vorhang hoch und öffnete den Blick auf einen zweiten Vorhang dahinter. Dazu ertönte die rund 10-minütige Filmmusik-Ouvertüre. Uniformierte Damen mit Bauchläden gingen durch die Zuschauerränge, verkauften Süssigkeiten, Snacks und Getränke. Dann öffnete sich der zweite Vorhang seitwärts, und die eigentliche Filmvorführung begann.

So wenig Filme wie möglich, so lange wie möglich zeigen

Das «Grand Rex» fasst heute 2750 Zuschauer. Das Luzerner Kino Capitol bot einst 800 Personen Platz. Mit etwa 14 habe ich dort den Sandalenfilm «Ben Hur» gesehen. Ein Securitaswächter stand an der Eingangstür und liess die andrängenden Kinobegeisterten schubweise ein. Jahre später hat Georges Egger, der Gründer und Eigentümer der Filmuntertitelungsfirma «Cinetyp» an der Luzerner Obergrundstrasse (mit einer Filiale auf den Golanhöhen), das Kino Capitol gekauft und in ein Multiplexkino umgebaut.

Geschlossenes Kino in Santa Maria Maggiore, Val d’Ossola, Italien, 2022.
Geschlossenes Landkino in Santa Maria Maggiore, Val d’Ossola, Italien, 2022. (Bild: Edwin Beeler)

In einem Interview hat er mir damals seine Filmprogrammphilosophie erklärt: «Die Kunst des Programmierens ist es nicht, die guten Filme zu spielen, sondern so viele Filme als möglich nicht zu spielen.» Er zeige so wenige Filme wie möglich, so lange wie möglich in so vielen kleinen Sälen wie möglich.

Stattkino: Zusammenarbeit mit dem Zürcher Filmpodium?

Wir wollten damals mehr Filmreihen, Filmklassiker und Arthousefilme in den Luzerner Kinos sehen. Vertreterinnen des Filmclubs, der Viper, Einzelpersonen und später auch von Spezialfilmreihen-Veranstaltern schlossen sich im «Verein Filmhaus» zusammen. Mit dem Ziel, ein kommunales Kino aufzubauen. Daraus ist das «Stattkino» entstanden. Kurz zuvor wurde in Zürich das Filmpodium eröffnet.

Leider ist es nie zu der von mir erhofften engeren, dauerhaften Zusammenarbeit oder zum Programmaustausch zwischen Filmpodium und Stattkino gekommen. Sodass sehr schwer zugängliche, filmhistorisch spannende Kinofilme, wenn sie schon mal nach langen Recherchen gefunden und von den Rechteinhabern freigegeben wurden, nur in Zürich, nie aber in Luzern auf die Leinwand gekommen sind.

Aus der Kulturszene nicht wegzudenken

Nun steckt das Stattkino in Schwierigkeiten und hat zur finanziellen Unterstützung aufgerufen. Es ist zu hoffen, dass nicht auch noch dieser Kinosaal geschlossen wird. Die Kinos im Bourbaki-Komplex mit der dazugehörigen Gastronomie sind aus der Luzerner Kulturszene nicht wegzudenken, auch nicht für uns Zentralschweizer Filmschaffende. Wir können dort unsere Filme auf die Leinwand bringen und mit dem Publikum ins Gespräch kommen.

Vielleicht dauert es nicht mehr allzu lange, und das YouTube-Gratisfilmgucken ab Handy und anderen leuchtbriefmarkengrossen Geräten im Einzelzimmer oder en passant beim Chatten verliert zugunsten der Kinomagie langsam aber sicher an Attraktivität.

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