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Niko Stoifberg über Sport und Politik

Kinderärzte an die Macht!

Der brasilianische Fussballer Sócrates engagierte sich sein Leben lang politisch – etwas, das heute kaum mehr geschieht. (Bild: Libcom)

Unser Blogger erinnert sich mit Wehmut an einen tollen Fussballspieler aus Brasilien – und er schlägt eine Quotenregel vor. Was Fussball mit Politik und Kultur mit freier Meinungsäusserung zu tun haben, liest du im Blogpost.

Vor 40 Jahren lief der brasilianische Fussballer und Kinderarzt Sócrates (sein voller Name würde das Format dieser Kolumne sprengen) in einem Trikot mit der Aufschrift «Demokratie jetzt!» aufs Feld. Dies, um sich gegen die damalige brasilianische Militärdiktatur aufzulehnen. Sócrates, einer der begnadetsten Spieler aller Zeiten, blieb sein ganzes Leben lang politisch engagiert. Und mit 50 Jahren gab er ein Comeback in der neunten englischen Liga. Sein früher Tod mit 57 hinderte ihn an weiteren Karriereschritten sportlicher, ärztlicher oder politischer Natur.

An der Fussball-WM in Katar würde Sócrates mit seiner aktivistischen Art nicht gut ankommen. Das liegt nicht nur an der katarischen Diskurskultur. Sport und Politik sind nach landläufiger Meinung strikt zu trennen. Ebenso wie Beruf und Politik, Freizeit und Politik, Religion und Politik sowie Kunst und Politik. Wer nicht mindestens ein geringes politisches Amt bekleidet oder von offizieller Seite Expertenstatus zugesprochen erhält, äussert sich lieber gar nicht zu dem Thema.

Engagement oder Zurückhaltung?

Das war früher anders. Sócrates’ Namensonkel Sokrates tat vor zweieinhalbtausend Jahren seine Meinung zu allem und jedem kund, obwohl sich sein Wissen bekannterweise darauf beschränkte, zu wissen, dass er nichts wusste, und obwohl er im Gegensatz zu Sócrates, dem dribbelnden Kinderarzt, nicht einmal über einen Doktortitel verfügte.

Heute würde Sokrates wohl ununterbrochen twittern, so wie der Schweizer Autor Jürg Halter. Dem fliegen die Beleidigungen links und rechts um die Ohren. Weil er sich erlaubt, Dinge wie Impfkampagnen oder Ehrenmorde zu kommentieren, ohne vorher darüber dissertiert zu haben. Egal ob Wortkünstler, Ballkünstler oder einfach Mensch mit Hirn – wer es wagt, sich für mehr zu interessieren als für Selbstoptimierung und Inneneinrichtung, wird als arroganter Naseweis abgetan.

Einschüchterung gegen persönliche Meinungen

Gerade gut gebildete Milieus haben ein schizophrenes Verhältnis zur freien Meinungsäusserung entwickelt. Einerseits wünscht man sich mehr intellektuelles Engagement: «Oh, waren das noch Zeiten, als sich Friedrich Dürrenmatt vor laufender Kamera Blutwurst in die Haare schmierte, um gegen den Guatemaltekischen Bürgerkrieg zu protestieren!» (Hat er natürlich nicht, nur schon, weil er gar keine Haare hatte, aber so ungefähr klingt diese Boomer-Nostalgie.) Andererseits heisst es dann aber wieder: «Dieser Halter soll endlich die Klappe halten. Für wen hält der sich eigentlich, für König Salomon? Und wieso muss er jeden Pissoirgedanken pompös mit «Jürg Halter» unterschreiben?»

Viele eigentlich gutmeinende Menschen lassen sich von solchen Attacken einschüchtern. Statt Beiträge zum Weltfrieden posten sie dann ihren Frühstückskaffee, Detailaufnahmen ihres Bauchnabels oder Haikus, die den Zauber des Herbstes einfangen. Im richtigen Leben ist es noch schlimmer: Wenn ich meine Arbeitskolleginnen in den USA nach ihren Prognosen für 2024 frage, verweisen sie mich auf die Langzeitmodelle der amerikanischen Wetterbehörde.

Wetter statt Werte

Vielleicht sehe ich das zu düster, aber wenn wir lieber übers Wetter reden als über Werte, wenn wir mehr Beruhigungspillen einwerfen als Stimmzettel, dann steht es nicht gut um die Demokratie. War die von den Alten Griechen nicht mal so gedacht, dass wir uns alle zusammen in der Polis treffen, die Ouzo-Flasche kreisen lassen und uns gegenseitig mit Ideen bewerfen?

Mir ist das eigentlich noch immer sympathisch, selbst wenn es zur Not nur auf Twitter stattfindet. Wir brauchen mehr Leute, die sich öffentlich äussern, nicht weniger – mehr Vordenkerinnen, Meinungsmacher, Mahnerinnen und Visionäre. Leute aus allen Ecken der Gesellschaft, mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Und was die offizielle Politik betrifft, bin ich dafür, dass bei jeder Parlamentssitzung ab sofort ein Kinderarzt dabei ist.

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