Aus einer Spielerei zur Projektreife
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Marco Portmann, Automatiker im 2. Lehrjahr. (Bild: zvg)

So kann ein Projekt zur Reife entwickelt werden Aus einer Spielerei zur Projektreife

8 min Lesezeit 28.12.2020, 10:54 Uhr

Damit Innovationen an die Oberfläche kommen, braucht es verschiedene Akteure. Unser Autor zeigt auf, wie der junge Berufsmann Marco Portmann ein Projekt zur Reife entwickelt, welche Schritte dafür nötig sind und wie der Projektverfasser für die Teilnahme am nationalen Wettbewerb von Schweizer Jugend forscht gewonnen werden konnte.

Marco Portmann war während des Lockdowns im Frühjahr 2020 bereit, mehr Zeit als andere in seine Projektarbeit zu investieren. Dies sah auch sein Berufskundelehrer, Bruno Steinmann. Von dieser Tatsache erzählte er Claudia Hegglin, der Leiterin der Talentförderung in berufspraktischer Hinsicht am Gewerblich-industriellen Bildungszentrum Zug GIBZ.

Sie versuchte daraufhin den jungen Berufsmann für die Teilnahme am nationalen Wettbewerb von Schweizer Jungend forscht (SJf) zu gewinnen.
Das nachfolgende Interview mit den verschiedenen Akteuren dreht sich rund um die nötigen Schritte eines Projekts bis zur Projektreife.

zentralplus: Herr Gempeler, Sie leiten ehrenamtlich die Wettbewerbskommission der Stiftung Schweizer Jugend forscht. Welche Ziele verfolgt die Stiftung?

Mathias Gempeler: Neugier, Kreativität und Innovation sind essenzielle Voraussetzungen, damit die Schweiz langfristig im globalen Wettbewerb bestehen kann. Bei Schweizer Jugend forscht handelt es sich um eine nationale Stiftung, die seit über 50 Jahren talentierte junge Menschen fördert, ihre Neugier für Wissenschaft und Technik weckt und sie zu selbstständigem Forschen anregt.

Die frühe Förderung ist wichtig, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen. Im Rahmen eines jährlichen Wettbewerbs können Jugendliche aus allen Landesteilen ihre Projekte und Arbeiten vorstellen und werden dabei durch ausgewiesene Fachexpertinnen begleitet.

zentralplus: Welche Ansprüche stellen Sie an Arbeiten, damit diese beim nationalen Wettbewerb eine Chance haben?

Gempeler: Neben den formalen Aspekten zum Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit ist vor allem der Inhalt zentral: Wichtig ist es, dass man eine Neugier spürt, ein Interesse, an etwas vertieft zu arbeiten und sich auch weiter zu entwickeln. Forschungsneugierde, Kreativität und der innovative Charakter des Projekts sind dabei zentrale Elemente, daneben spielen auch weitere Dinge wie die gesellschaftliche Relevanz eine Rolle.

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Jugendlichen, wenn sie sich bei SJf anmelden, sehr gut vorbereitet sind und ihre Arbeit auch sehr professionell präsentieren. Ich denke, hier merkt man, dass die Jugendlichen während der Schulzeit bereits lernen, eine Arbeit zu präsentieren.

«Ich stelle fest, dass durch die Pflicht der Maturaarbeit den Gymnasiastinnen die Anmeldung einfacher fällt».

Mathias Gempeler

zentralplus: SJf begrüsst es, wenn Lernende am nationalen Wettbewerb teilnehmen. Inwiefern haben Lernende der Berufsbildung Chancen am Wettbewerb, wenn ihre Kontrahenten oftmals Gymnasiasten sind?

Gempeler: Jede Arbeit ist bei uns gleichberechtigt, unabhängig vom Bildungsweg des Verfassers. Ich stelle jedoch fest, dass durch die Pflicht der Maturaarbeit den Gymnasiastinnen die Anmeldung einfacher fällt, nicht weil die Arbeiten besser wären, sondern weil sie mit dieser Art von Projektarbeit mehr Erfahrung haben.

Dennoch sehen wir jedes Jahr sehr interessante Arbeiten aus der Berufsbildung, die unsere Kriterien erfüllen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Ambassadoren der Berufsfachschulen, also Lehrpersonen, die sich in unserem Netzwerk engagieren. Sie unterstützen die Jugendlichen in der frühen Phase der Arbeit und motivieren sie, sich bei SJf anzumelden.

Wenn diese erste Hürde einmal überwunden ist und die Berufsschüler auch merken: «Hey, meine Arbeit ist ja mindestens so gut wie die der anderen», sind sie am Finale genauso erfolgreich wie die Maturandinnen.

zentralplus: Claudia Hegglin, Sie sind Ambassadorin von SJf am GIBZ. Ausserdem arbeiten Sie in der Fachstelle Lernbegleitung mit. Was genau macht Ihre Tätigkeit aus?

Claudia Hegglin: Ich koordiniere die verschiedenen Fragestellungen, welche an unserer Schule bezüglich der berufspraktischen Talente gestellt werden. In den 28 unterschiedlichen Berufen, welche man am GIBZ erlernen kann, werden ganz unterschiedliche Lernziele bearbeitet. Innovationen können in jedem Beruf erschaffen werden.

Damit ich motivierten jungen Menschen hilfreich zur Seite stehen kann, ist es zentral, dass die an den individuellen Lernbiografien beteiligten Akteure meine Arbeit kennen und im gegebenen Fall auf mich zukommen. Ich prüfe mithilfe von Fachexperten das Potenzial von Fragestellungen und kläre, ob wir finanziellen, räumlichen oder fachlichen Support leisten können.

zentralplus: Bruno Steinmann, Sie arbeiten als Berufskundelehrer und Berufsverantwortlicher Automatiker am GIBZ und haben viel Erfahrung in der Unterstützung von Lernenden. Wie ist Ihnen das besondere Potenzial von Marco Portmann aufgefallen?

Bruno Steinmann: Bevor ich die Frage beantworte, möchte ich vorerst den Prozess des Projektablaufs umschreiben. Am 27.3.2020 bekamen Automatikerinnen im 2. Lehrjahr den Auftrag, ein lauffähiges Projekt mit einem Arduino oder Raspberry PI zu entwickeln. Für alle Beteiligten war es eine Herausforderung, im Fernunterricht solche Projekte mit allen Projektphasen zu realisieren.

«Von einem Tag zum anderen wurden neue Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Frusttoleranz, Durchhaltewillen und Disziplin verlangt.»

Bruno Steinmann

Neue Ideen und Vorgehensweisen waren gefragt. Unsere Kommunikation während des Fernunterrichts hat sich vom Buch übers Telefon hin zu Internet und Smartphone bewegt. Mit der 6-Schritte-Methode (Iperka) wurden die Aufträge und Projekte systematisch bearbeitet. Diese Methode eignet sich für selbstständiges Arbeiten. Jeder Lernende erstellte eine Liste von Bauelementen, welche für sein persönliches Projekt gebraucht wurden. Danach besorgte ich das Material und schickte es den Lernenden nach Hause.

Obwohl die Lernenden bei der Planung über die Realisierung bis zum Video betreut wurden, ging die Schere auseinander. Von einem Tag zum anderen wurden neue Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Frusttoleranz, Durchhaltewillen und Disziplin verlangt. Marco Portmann entwickelte bis zum Abgabetermin ein tadelloses Produkt. Aufgrund der Projektbewertung habe ich gesehen, dass er als Automatiker im 2. Lehrjahr ein besonderes Potenzial aufweist.

zentralplus: Worin besteht Ihre Arbeit, bis sich Marco Portmann für den nationalen Wettbewerb anmelden kann?

Steinmann: Weitere Kolleginnen und Kollegen haben sein Projekt ebenfalls begutachtet. Aufgrund der Rückmeldungen erachten wir es als sinnvoll, dass er sein SJf-Projekt ohne Zeitdruck noch weiterentwickeln darf. Ich werde ihn, sofern erforderlich, über weitere Monate technisch unterstützen.

zentralplus: Sara Pezzatti, Sie unterstützen Lernende beim Erstellen von schriftlichen Dokumentationen. Warum ist Ihre Arbeit nötig?

Sara Pezzatti: Ich sehe mich in der Rolle eines Coachs, der die Lernenden zunächst darin unterstützt, die eigenen Ideen zu versprachlichen. Eine klare, zu Papier gebrachte Zielformulierung bringt Ordnung in die eigenen Gedanken und ebnet den Weg hin zum Ziel. 

Nebst der konzeptionellen Beratung biete ich auch Unterstützung bei der sprachlichen Formulierung. Als Erstleserin bin ich für die Lernenden ein Spiegel hinsichtlich der Verständlichkeit Ihres Schreibentwurfs. Weiter achte ich bei der Betreuung darauf, dass die Arbeit wissenschaftlichen Kriterien entspricht. Dazu gehören unter anderem korrektes Zitieren und Bibliografieren.

zentralplus: Welchen Kriterien müssen Arbeiten, die bei SJf eingereicht werden, genügen?

Pezzatti: Ein besonderes Gewicht wird dem Innovationsgehalt der Projektarbeit beigemessen. Die Arbeit soll durch Originalität und Tiefgang bestechen und nicht zuletzt auch sprachlich überzeugen.

«Mit seiner bescheidenen, unkomplizierten Art schafft es der charmante Technikfreak sogar, die wenig technikaffine Geisteswissenschafterin in den Bann zu ziehen».

Sara Pezzatti

zentralplus: Was hat Sie in der Arbeit mit Marco Portmann beeindruckt?

Pezzatti: Er scheut keinen Aufwand, um seiner Faszination für die Technik Ausdruck zu verleihen. Dabei wirkt er aber keineswegs verbissen. Seine Freude am Herumtüfteln ist ansteckend und mit seiner bescheidenen, unkomplizierten Art schafft es der charmante Technikfreak sogar, die wenig technikaffine Geisteswissenschafterin in den Bann zu ziehen.

zentralplus: Marco Portmann, Sie wurden motiviert, am nationalen Wettbewerb von SJf teilzunehmen. Wie war das für Sie?

Marco Portmann: Zuerst war ich überrascht, als mich Herr Steinmann darauf ansprach, denn ich hätte so etwas nie erwartet. Danach freute ich mich sehr, dass mein Projekt so gut angekommen war.

zentralplus: Was mussten Sie tun?

Portmann: Zuerst musste ich mich über den Wettbewerb informieren und schauen, ob mich dieser anspricht. Danach trat ich mit Frau Pezzatti in Kontakt, um mein Projekt mit ihr anzuschauen und Änderungen in Erwägung zu ziehen, weil ich bis dahin keine Forschung gemacht hatte, sondern eine Entwicklung.

zentralplus: Warum leisten Sie in Ihrer Freizeit Überstunden für diese Projektarbeit?

Portmann: Dies frage ich mich ab und zu selber, ich denke, dass ich das mache, um Erfahrungen zu sammeln und etwas zu entdecken. Zudem probiere ich gerne etwas Neues aus.

zentralplus: Wie wurde Ihre Arbeit durch Sara Pezzatti und Bruno Steinmann geprägt?

Portmann: Er hat mich für die ganze Sache motiviert und unterstützt mich bei technischen Fragen. Sara Pezzatti hilft mir bei der Dokumentation und bringt eine Drittmeinung ein, welche immer nützlich sein kann.

zentralplus: Welches sind Ihre nächsten Schritte?

Portmann: Da mein Projekt bis jetzt aus einer Entwicklung besteht, muss ich noch ein paar Änderungen daran vornehmen. Da ich allerdings im Moment einen ausgebuchten Terminkalender habe, habe ich nicht die nötige Zeit bis Neujahr, um ein neues Projekt auf die Beine zu stellen. Deshalb werde ich meine Idee erst im nächsten Jahr umsetzen.

Ich habe auch keine Ahnung, ob meine Vorstellung überhaupt möglich ist, diese bezieht sich auf den forschenden Teil meiner Arbeit. Was ich allerdings sagen kann, ist, dass mein Projekt mit Musik und Technik zu tun hat.

Abschliessend fragten wir uns noch: Was macht Marco Portmann eigentlich so innovativ?  Die Worte «Spielerei» und «Fleiss (Arbeitswilligkeit)» beschreiben zwei Wesenszüge, die Herrn Portmann hinsichtlich seiner Innovationskraft wohl besonders auszeichnen. Dass daraus viel Gutes entstehen kann, zeigen auch die nachfolgenden zwei Beispiele.

Spielerei

Der Physiker und Nobelpreisträger (1965) Richard P. Feynmann hatte auch eine starke Affinität zur Spielerei, was folgende Anekdote verdeutlicht:

«Ich hatte nichts zu tun, und so fing ich an, die Bewegung des rotierenden Tellers zu berechnen.» «Feynmann, das ist ja recht interessant, aber was ist daran so wichtig? Warum machen Sie das?» «Ha!», sage ich. «Daran ist überhaupt nichts wichtig. Ich mache dies nur aus Jux und Tollerei.»

Es war nichts wichtig an dem, was ich tat, aber schliesslich doch. Die Diagramme und die ganze Geschichte, wofür ich den Nobelpreis erhielt, das kam vom Herummachen mit dem eiernden Teller.
Quelle: «Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynmann. Abenteuer eines neugierigen Physikers.» Edward Hutchings. Piper Verlag 2008.

Fleiss (Arbeitswilligkeit) 

Mit dem Namen Léon Foucault ist der legendäre Pendelversuch zum Nachweis der Erddrehung verbunden. Einige sahen damals in Foucault den führenden Physiker Frankreichs, andere wiederum sahen kaum mehr als einen begabten Bastler. Unumstritten jedoch ist, dass Foucault ein vielseitiger Autodidakt war und zu seinen Stärken gehörte zweifelsohne sein enormer Fleiss, der für das präzise Experiment unabdingbar ist. Sein Name wurde zu Recht für die Nachwelt in die Eisenträger des Eiffelturms gegossen.

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