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Georg Joseph Sidler: In Zug abgewählt, national anerkannt

Wie ein Zuger Napoleon den Krieg erklärte

Dieses Jahr feiert die Schweiz «175 Jahre Bundesverfassung». (Bild: Adobe Stock)

Bekannt wird der Zuger Gesandte Georg Joseph Sidler, als er 1811 die französische Besetzung des Tessins kritisiert. Daraufhin folgt eine höchstpersönliche Rüge des französischen Kaisers Napoleon. Seine politische Laufbahn ist damit lanciert, sein Lebenswerk ist eine Reform der Bundesverfassung. Doch der Zuger Klerus stellt sich quer.

Am 3. Juni 1811 hält der junge Zuger Gesandte Georg Joseph Sidler in der Solothurner Kathedrale eine Rede. Vor der versammelten Tagsatzung lässt er sich über die französische Okkupation des Tessins aus und drückt seine «tiefschmerzende Empfindung über die Besetzung» aus. Seine Ansprache trifft auf Zustimmung, die gesandten Diplomaten teilen seinen Standpunkt.

Wie Sidler später selbst zugibt, führt er seine Rede in leidenschaftlichem Ton. Der Inhalt sei dezent gewesen. Seine Stimme ist dagegen «laut, lebendig und an mehreren Stellen heftig (…)». Die Stimmung ist ausgelassen. Dies bringt einen Anwesenden dazu, einen folgenreichen Witz an den französischen Gesandten Talleyrand zu richten: «Monsieur Sidler vous a declaré la guerre» (übersetzt: Herr Sidler hat Ihnen den Krieg erklärt).

Talleyrand scheint besorgt über den aufrührerischen Charakter der Rede und den geschmacklosen Witz. Er deutet die kritischen Worte Sidlers als brandgefährlich. Umgehend benachrichtigt er Napoleon, welcher nicht lange auf eine Reaktion warten lässt.

Startschuss in eine politische Karriere

Entsetzt über die Worte des Gesandten Sidler empfängt Kaiser Napoleon am 28. Juni eine ausserordentliche Schweizer Delegation. In einer 45-minütigen Ansprache lässt er sich über die Vorkommnisse in der Tagsatzung in Solothurn vom 11. Juni aus. Sidlers Ansprache über die Besetzung des Tessins sei pure Agitation und respektlos gegenüber seiner Person.

Napoleon spricht eine direkte Warnung aus, dass er nach eigenem Ermessen über die Schweiz verfügen werde. Auch über den erst 29-jährigen Sidler beschwert er sich. «Überhaupt suchen einige, Missstimmung und Hitze zu verbreiten. Warme Köpfe, junge Leute können so ihr Vaterland verderben.»

Der Zuger Politiker Georg Joseph Sidler startet 1811 in seine politische Karriere.
Der Zuger Politiker Georg Joseph Sidler startet 1811 in seine politische Karriere. (Bild: zvg)

Für den jungen Zuger Gesandten Georg Joseph Sidler ist die kaiserliche Abmahnung die Initialzündung für eine bedeutende politische Karriere. Während Sidler durch seine Rede über die Besetzung des Tessins und die anschliessende Zurechtweisung Napoleons bekannt wird, steht er in seinem folgenden politischen Leben besonders für die überkantonale Solidarität und die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche ein. Er bekleidet eine Vielzahl von politischen Ämtern, kantonale sowie nationale. Zeitlebens setzt er sich für einen egalitären, liberalen Staat ein.

Sein Säkularismus (Trennung von Religion und Staat) trifft im katholischen Zug jedoch auf erbitterten Widerstand. Während Sidler in seinen Reden die soziale und humane Weiterentwicklung anpreist, warnt die katholische Geistlichkeit vor dem Zerfall der göttlichen Ordnung und dem Verlust der Sittlichkeit.

Identifikationsfigur der Reform

Die Meinungsverschiedenheit zwischen Sidler und dem Zuger Klerus lässt sich gut am Konflikt um die Bundesurkunde von 1833 aufzeigen. Diese war ein Revisionsprojekt der Bundesverfassung von 1815. Ziel der Bundesurkunde war es, durch umfassende liberale Reformen und wirtschaftliche Modernisierungen ein nationales Ganzes zu schaffen, welches sich durch eine egalitäre Staatsordnung auszeichnen sollte.

Sidler ist im Herbst 1832 an der Ausarbeitung des Reformvorschlags mitverantwortlich. Zu diesem Zeitpunkt ist er Landammann und Zuger Kantonsrat. Öffentlich wird er mit dem Reformprojekt identifiziert. 1828 hält er bei einer Tagsatzung eine Rede, welche das aufkommende Zusammengehörigkeitsgefühl unter Schweizern anpreist. Sidler argumentiert, dass Gemeinschaft ausschlaggebend sei, um positive gesellschaftliche Neuerungen anzustossen. Seine Rede polarisiert. Während sie in liberalen Kreisen gefeiert wird, stösst sie in konservativen Kreisen jedoch auf Ablehnung.

Das «Schosskindlein»

Um die Bundesurkunde auch der katholischen Kirche schmackhaft zu machen, reist Sidler 1833 nach Solothurn. Dort will er den Bischof von seiner Reform überzeugen. Damit will er dem bischöflichen Kommissar zuvorkommen, welcher auf eine Ablehnung der Urkunde drängt. Der «Waldstätter Bote», ein katholisches Klosterblatt, beschreibt Sidlers Bischofsbesuch als «Nacht-und-Nebel-Aktion». Sie schreiben: «bei Nacht und Nebel im höchsten Incognito auf Solothurn hinaufzustiefeln, damit ja in der befürchteten Visite seinem Schosskind kein Bein abgedreht würde».

Der persönliche Besuch zeigt jedoch keinen Erfolg. Der Klerus veröffentlicht am 4. Februar 1833 eine Petition an die Regierung. Sie bemängeln, dass der Bundesurkunde jegliche christliche Grundlage fehle. Ein Konfliktpunkt ist das «freie Niederlassungsrecht». Es würde Juden und Reformierten die Einwanderung erlauben. Der Klerus tut dies als Infragestellung des «römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses als Religion des Kantons Zug» ab.

Infolge intensiviert die Geistlichkeit ihre Kampagne. Durch die Petition, die Kanzel und die individuelle Seelsorge kann die katholische Kirche die Öffentlichkeit beeinflussen. Es steht schlecht um Sidlers «Schosskindlein».

Öffentliche Degradierung

Auch die Debatte um Sidler als führende politische Kraft in Zug schaukelt sich hoch. An der Land­rats­sitzung vom 21. Februar 1833 hindern konstante Zwischenrufe Sidler daran, über die Bundesrevision zu referieren. Einige Tage später folgt eine Petition gegen die Bundesreform, welche schon bald von der Mehrheit der stimmberechtigten Männer unterschrieben wird. In einem Schreiben an den Zürcher Bürgermeister vom 1. März beschreibt er sich als «Hauptgegenstand des öffentlichen Gesprächs». Schuld an der Ablehnung der Bundesurkunde gibt er der «Geistlichkeit».

Sein Reformprojekt ist gescheitert. Für Sidler hat dies schwerwiegende Folgen. Er wird im Mai 1833 von seiner Gesandtenstelle an der Tagsatzung abgewählt. Nach 33 Jahren muss er dieses Amt gezwungenermassen abgeben. Auch in seiner Position als Landammann wird er nicht mehr bestätigt.

Späteres Leben

In den Folgejahren nimmt Sidlers Einfluss auf die kantonale Politik ab. National gewinnt er jedoch an Anerkennung. Zwar setzt er sich 1844 mit allen Mitteln gegen den Beitritt des Kantons Zug in den Sonderbund ein, bleibt jedoch erfolglos. Ab 1839 lebt Sidler im zürcherischen Unterstrass. Er wird in den Grossrat des Kantons Zürichs gewählt. Bei den ersten Parlamentswahlen wird Sidler 1848 vom Zürcher Stimmvolk in den Nationalrat gewählt. Dort hält er als Alterspräsident die erste offizielle Rede des Nationalrats.

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