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Münzen oder Öllampen für die Überfahrt ins Jenseits

Welche Schätze sich auf Zuger Friedhöfen finden lassen

Heute bestimmen persönliche Vorstellungen, religiöse Überzeugungen und verwaltungstechnische Faktoren, wer wie bestattet wird. (Bild: Adobe Stock)

Im Sommer 2022 entdeckte die Archäologie in Baar eine kleine Sensation: das bislang älteste Grab in der Zentralschweiz (zentralplus berichtete). Grund genug für eine archäologische Spurensuche auf den urgeschichtlichen Friedhöfen im Kanton Zug.

Menschen bestatten ihre Verstorbenen seit mindestens 100’000 Jahren. Nur etwa 4’500 Jahre alt hingegen ist das bislang älteste Grab der Zentralschweiz in Baar. Es kündigte sich an der Oberfläche durch zwei grosse Steinplatten an. Darunter lag in einer Grube das Skelett eines 30- bis 50-jährigen Mannes in Seitenlage und mit angezogenen Beinen. Neben ihm stand ein verzierter Becher.

Diese Art der Bestattung unter «Megalithen» (griechisch für «grosse Steine») ist typisch für die Jungsteinzeit, als die Menschen begannen, von der Landwirtschaft zu leben. Gräber aus dieser Zeit sind sehr selten. Wahrscheinlich wurden nur wenige so bestattet.

Ältester Zuger Friedhof liegt in Cham

Der älteste Friedhof im Kanton Zug – und gleichzeitig einer der grössten seiner Zeit in der Nordschweiz – stammt aus der späten Bronzezeit um 1250 vor Christus. Im Äbnetwald bei Cham wurden beim Kiesabbau 22 Brandgräber entdeckt, die durch kleine Hügel oder eine Steinsetzung markiert waren.

Die Knochen wurden zusammen mit den verbrannten Trachtbestandteilen in eine Urne gelegt. In der Archäologie spricht man daher auch von der «Urnenfelderzeit». Speisen und Getränke in Gefässen dienten vielleicht als Wegzehrung für die Reise ins Jenseits oder als Vorrat für ein Weiterleben danach.

Kremationsgräber blieben noch bis zur römischen Epoche in Mode, mit einer Ausnahme: In der jüngeren Eisenzeit waren bei den Kelten während einer kurzen Phase um 300 bis 250 vor Christus wieder Körpergräber üblich. Davon zeugen einige Gräber aus Steinhausen Unterfeld und das Grab einer Frau aus Zug Oberwil.

An den Skeletten lässt sich wesentlich mehr über das Leben der Menschen ablesen als an den Überresten in den Urnen. So wissen wir, dass die Keltin aus Zug-Oberwil etwa 40 Jahre alt wurde, leicht gehbehindert war und vermutlich deswegen unter einer beginnenden Arthrose litt. Die vielen Schmuckbeigaben im Grab sprechen dafür, dass es sich um eine wohlhabende Frau handelte.

Auferstehung nur «als Ganzes» möglich

Nach der Eingliederung unseres Gebiets ins römische Reich wurden neue Bräuche und Beigaben Teil des Bestattungsrituals. Wer sich romanisiert geben wollte, legte seinen Angehörigen eine Öllampe oder eine Münze als Bezahlung für die Überfahrt ins Jenseits mit ins Grab. Und wer wie die Menschen in der Stadt Rom glaubte, dass die Seelen der Toten auf dem Friedhof wohnen blieben, benötigte keine Speisen im Grab.

Die Hinterbliebenen brachten diese nämlich an speziellen Totengedenktagen zum Friedhof. Menschen im Umfeld der römischen Verwaltung liessen sich gar nach stadtrömischem Vorbild einen Grabstein mit Relief und Grabinschrift setzen oder einen Grabbau errichten. Die Zugerinnen allerdings blieben mehrheitlich ihren einheimischen Bräuchen treu. So finden sich in ihren Gräbern oft typisch keltische Beigaben wie Gewandschliessen, Werkzeuge oder eine Lanzenspitze.

Intakter Körper für Auferstehung

Mit der Ausbreitung des Christentums im römischen Reich erfolgte wieder ein Übergang zu Körpergräbern. Es setzte sich die Haltung durch, dass für die Auferstehung ein intakter Körper erforderlich ist. Schriftliche Quellen liefern uns nun erstmals die Begründung für den Wechsel von der Feuer- zur Erdbestattung. Welche religiösen oder gesellschaftlichen Prozesse vorher solche Veränderungen auslösten, ist unklar.

Im frühen Mittelalter wurden die Toten noch reich mit Beigaben ausgestattet. Frauen und Mädchen erhielten Schmuck und persönliche Accessoires mit ins Grab, Männer Waffen, reich verzierte Gürtel und Werkzeug. Ganz in der antiken Tradition suchten Gläubige weiterhin die Friedhöfe auf, um dort der Toten zu gedenken. Über den Gräbern wichtiger Persönlichkeiten errichteten sie dazu kleine Bauten. Daraus entwickelten sich später Friedhofskirchen. In Baar entstand so um 700 nach Christus die Kirche St. Martin.

Haben Archäologen bald ausgedient?

Heute beeinflussen persönliche Vorstellungen, religiöse Überzeugungen, aber auch verwaltungstechnische Faktoren die Bestattungsweise. So bevorzugen Katholikinnen und Muslime eine Erdbestattung, während andere Menschen wünschen, dass ihre Asche verstreut wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass Archäologinnen in Zukunft über unsere Gräber rätseln, ist allerdings gering: In der Regel werden diese nach 20 bis 25 Jahren aufgehoben.

Viele der erwähnten Grabfunde sind im Museum für Urgeschichte ausgestellt. Noch mehr über Gräber vergangener Epochen erfährt man dort am Dienstag, 1. August 2023, von 10 bis 17 Uhr in einem speziellen Programm zum Zuger «Tag der offenen Türen».

Verwendete Quellen
  • Webseite des Museums für Urgeschichte in Zug
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Ob Hintergründe zu alten Gebäuden, Geschichten zu Plätzen, stadtbekannte Personen, bedeutende Ereignisse oder der Wandel von Stadtteilen – im «Damals»-Blog werden historische Veränderungen und Gegebenheiten thematisiert.
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