Wie das «National» immer wieder in die Weltgeschichte verstrickt wurde
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Hotel National à Lucerne. Der Altbau und heutige Westflügel des Grand Hotel National. Im Vordergrund erkennbar: Die neu gepflanzten Bäume des Nationalquai. (Bild: ETH Pics http://ba.e-pics.ethz.ch/#1593375311417_10))

Als in Luzern vor 150 Jahren der Tourismus zur Welt kam Wie das «National» immer wieder in die Weltgeschichte verstrickt wurde

8 min Lesezeit 1 Kommentar 10.07.2020, 10:56 Uhr

1870 und 2020 erlebten die Mitarbeiter des Grand Hotel National, Luzern, wohl dasselbe: gähnende Leere, ausbleibende Touristinnen und tiefrote Zahlen. Wiederholt wurde das Grand Hotel National in die Weltpolitik hineingezogen. Ist es heute eine Pandemie, so war 1870 ein Krieg die Ursache für das Ausbleiben der Gäste. Doch die Angestellten litten lange Zeit auch ohne Krisen unter schlechten Bedingungen.

Während die Eröffnung aufgrund der weltpolitischen Lage weit unter den Erwartungen der Hoteldirektion blieb, so etablierte sich das Hotel National bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Institution der Superlative in Luzern. Besonders dank kühnen und innovativen Pionieren wie Cäsar Ritz und Auguste Escoffier.

Der Nationalquai präsentiert sich noch nicht seit Langem in seiner heutigen Pracht mit aneinandergereihten Luxusetablissements, Unterhaltungsmöglichkeiten, Badeanstalt und Flaniermeile. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war das rechtsseitige Seeufer in Luzern noch Sumpfgelände, das lediglich von Schiffern und Ziegelbrennern genutzt wurde.

Erst im Zuge des Wandels vom verschlafenen Fischerdorf zur «fashionablen» Tourismusmetropole (zentralplus berichtete) wurde das Gebiet des heutigen Grand Hotel National aufgeschüttet und vielfältiger nutzbar gemacht. Auslöser für diesen Wandel war nebst der zunehmenden Begeisterung für die Berge und den Alpinismus auch die Ankunft neuer Technologien in Luzern wie der Eisenbahn (zentralplus berichtete).

Der Bau des Hotel National von 1868 bis 1870

Die Devise des Luzerner Stadtrates im Jahr 1865 war eindeutig: Am rechten, bisher touristisch ungenutzten Seeufer sollte etwas «Schönes, Monumentales» entstehen, wo die ausländischen Gäste die bezaubernde Aussicht geniessen konnten.

Nachdem die Familie Segesser ein Grundstück am rechten Seeufer erworben, 1865 das Hotel Luzernerhof eröffnet und von der Stadtregierung die Vorgabe erhalten hatte, bis 1870 eine «erstklassige Logiermöglichkeit» zu eröffnen, ging alles Schlag auf Schlag: Im Mai 1868 wurde das Baugesuch bewilligt und das Hotel National konnte fristgerecht bis zur Saison 1870 erstellt werden.

Postkarte vom Hotel National zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gut erkennbar die verzierte Fassade, die in den 1950er-Jahren «purifiziert» wurde. (Bild: www.iluplus.ch)

Das Neue am Hotel National – der Zusatz «Grand» sollte erst später hinzukommen – war, dass es schweizweit der zweite historisierende Palastbau war. Das bedeutete, dass die Fassade des Hotels, die an Renaissance- oder Frühbarockbauten erinnern sollte, extrem formenreich war. Diese ursprüngliche Fassade besteht heute leider nicht mehr: In den 1950er-Jahren wurde sie mitsamt ihren Figuren, Säulen und Blumenranken der damaligen Mode entsprechend «purifiziert».

Das Hotel National wird in die Weltgeschichte hineingezogen

Die Eröffnung des Hotels National lief überhaupt nicht nach Plan: Aufgrund des Deutsch-Französischen Kriegs, der am 19. Juli 1870 ausbrach, kam der Fremdenverkehr ein Jahr lang fast komplett zum Erliegen. Nun gab es statt eines rauschenden Eröffnungsfests lediglich einen kurzen Zeitungsartikel über die offizielle Eröffnung. Es sollte das erste, aber bei Weitem nicht das einzige Mal sein, dass das «National» in weltgeschichtliche Ereignisse verstrickt wurde.

Das Luxushotel als «Geschlossene-Gesellschaft-Insel»

Häufig blicken wir romantisierend auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und den Aufschwung des Tourismus in Luzern zurück. Dabei wäre ein Grossteil von uns im Hotel National der 1870er-Jahre wohl nicht willkommen gewesen. Ein Besuch in einem der Restaurants oder Kaffees? Als Normalsterblicher kaum möglich.

Denn Luxushotels wurden im 19. Jahrhundert als «Mikrokosmos der Extraklasse» konzipiert. Das Hotel National war also lediglich der zahlungskräftigen Kundschaft, der Aristokratie und dem aufstrebenden Bürgertum vorbehalten: Geschlossen und exklusiv war also das Leben am Nationalquai. Dies änderte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Zahl der illustren Gäste schwand und die Grandhotels notgedrungen ihren Mikrokosmos für das breite Publikum öffnen mussten.

Sehen und gesehen werden im Hotel

Etagenbäder im Hotel National? Aus heutiger Sicht unvorstellbar, in den 1870er-Jahren aber der Standard, auch in Luxushotels in Luzern. Während wir heute Hotels meist über die Gästezimmer definieren, war das vor 150 Jahren anders: Das Leben der Hotelgäste spielte sich in den Gesellschaftsräumen ab und ein Hotel wurde auch anhand deren Qualität bewertet.

Zu den Gesellschaftsräumen gehörten unter anderem ein Lese- und Schreibzimmer, ein «Salon de conversation», ein Frauensalon, ein «Salon de thé et musique», ein Billardraum, eine Bar und natürlich die Ball-, Fest- und Speisesäle.

In letzteren traf man sich abends und speiste zusammen mit den anderen Gästen und dem Hoteldirektor an einer langen Tafel, der «Table d’hôte». Auch bemerkenswert: Es gab ein einheitliches Menu, auf individuelle Wünsche nahm man keine Rücksicht.

Ein weltbekannter Name kommt nach Luzern

Die Erwartungen an das Hotel National waren gross: Es sollte die ausländische Noblesse nach Luzern locken und ein Aushängeschild für die Tourismusstadt werden. Aufgrund der kriegerischen Ereignisse und einer einsetzenden wirtschaftlichen Depression blieben diese Erwartungen vorerst unerfüllt.

Das Wort der Stunde im Hotel National Ende der 1870er-Jahre hiess deshalb Innovation. Für den damaligen Direktor Alphons Maximilian Pfyffer kam nur eine Person in Frage für die Übernahme der Hoteldirektion: der junge und ambitionierte Bauernsohn aus dem Wallis, Cäsar Ritz. Genau jener Ritz, der während seiner Zeit in Luzern als Unternehmer zum Inbegriff der Luxushotellerie wurde und zahlreiche Innovationen in der Hotelbranche vorantrieb.

Hôtel National in Luzern im Jahr 1880, von Gustav Bauernfeind (1848–1904). (Bild: www.iluplus.ch)

Als Hoteldirektor riss Cäsar Ritz ab 1878 das Ruder im Hotel National herum: Er ordnete eiligst Renovationen vor Beginn der Sommersaison an oder schrieb persönliche Briefe an seine bisherige Kundschaft aus seiner Zeit als Oberkellner im Hotel Rigi-Kulm oder dem Pariser «Les Trois Frères Provencaux». Ihm gelang sogleich ein Coup: Er konnte Auguste Escoffier, den wohl gefragtesten und berühmtesten Küchenchef seiner Zeit, für das Hotel National gewinnen.

«Wo Ritz ist, will ich auch hingehen»

Bald war das Hotel National bekannt für exzellenten Service und Cäsar Ritz, der auf jedes noch so kleine Detail achtete, für seine perfekte Gastfreundschaft. Mit Ritz als Hoteldirektor verbesserte sich nicht nur der Ruf des «National», sondern auch dessen Finanzen.

Das Ziel von Ritz und Escoffier war dasselbe: Einfachheit sollte mit Perfektion einhergehen. Der Hoteldirektor liess deshalb einige Änderungen im «National» vornehmen: Die schweren Vorhänge wurden entfernt und Begrüssungsfloskeln weggelassen. Der Küchenchef seinerseits wählte fortan einfache und doch raffinierte Gerichte für die Gäste aus.

Was wir heute bei einem Restaurantbesuch im Hotel als selbstverständlich erachten, war im ausgehenden 19. Jahrhundert eine Weltneuheit: Gemeinsam präsentierten Ritz und Escoffier in den 1880er-Jahren den «Service par petites tables». Statt des gemeinsamen Nachtessens an der «Table d’hôte» konnten sich die Hotelgäste nun an kleineren Tischen privat unterhalten und aus der Speisekarte ein individuelles Menu wählen.

Adlige – die Influencer des 19. Jahrhunderts

Obwohl das Erfolgsduo Ritz – Escoffier eine Reihe von Stammgästen hatte, die den beiden zu ihren jeweiligen Wirkungsstätten folgten, blieb der Konkurrenzkampf um prominente Gäste in Luzern hoch. Bestes Marketinginstrument und Statussymbol waren adlige Gäste. Sie wurden, wie alle in Luzern ankommenden Hotelgäste, öffentlichkeitswirksam im Tourismusmagazin «Fremdenblatt» aufgeführt, die Namen von besonders prominenten Personen sogar in Fettdruck.

An diesen fehlte es dem «National» während er Ära Ritz – Escoffier nicht. Besonders häufig zu Gast in Luzern waren Mitglieder der deutschen Kaiserfamilie, beispielsweise 1893 Kronprinz Wilhelm von Preussen, der spätere deutsche Kaiser Wilhelm II. Auch aus Fernost kam die Prominenz nach Luzern: Der indische Maharadja von Baroda weilte mit einem Gefolge von 45 Personen einen Monat lang im Hotel National.

Sich auf den Lorbeeren des Erfolgs auszuruhen, daran dachte Hoteldirektor Cäsar Ritz keinesfalls. Stets organisierte er für sein auserlesenes Publikum neue Unterhaltungsanlässe. Von Bällen, Regatten, Jagdausflügen, Konzerten bis zu Feuerwerken war für jeden etwas dabei.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt – Löhne und Arbeitsbedingungen im 19. Jahrhundert

Mit dem Aufschwung Luzerns zum Tourismus-Hotspot und Ritz als Hoteldirektor des «National» stieg auch der Bedarf an einfachem Hotelpersonal. Durch den Überschuss an Arbeitskräften in der Region fielen die Löhne entsprechend niedrig aus. Oftmals wurde Angestellten wie Kellnern, Pagen oder Portiers, die häufig im Kontakt mit den Gästen standen, gar kein Lohn ausgezahlt, sondern sie waren vollständig auf Trinkgelder angewiesen.

Nicht nur die Arbeitsbedingungen waren schrecklich, denn in der Hochsaison wurde sechs Tage die Woche bis zu 15 Stunden pro Tag gearbeitet, auch die Unterkünfte der Angestellten waren nicht besser: Diese wohnten in einfachen, mit mehreren anderen Personen geteilten Räumen. Erst als sich die Union Helvetia ab 1898 für die Interessen der Hotelangestellten einsetzte und in Lausanne die erste Hotelfachschule Europas errichtet wurde, verbesserten sich die Bedingungen für das Hotelpersonal.

Das Ende einer Ära und der Blick ins 20. Jahrhundert

1890 verliess Cäsar Ritz zusammen mit Auguste Escoffier das Hotel National, um sich seinen eigenen Projekten wie dem Hotel Savoy in London zu widmen. Um dem Anspruch von Luxus und Superlative gerecht zu werden, änderte der neue Hoteldirektor des «National» Hans Pfyffer, Sohn von Alphons Pfyffer, den Namen des Hotels: Das Hotel National wurde in Grand Hotel National umbenannt.

Hans Pfyffer war weit mehr als ein Hotelier. Er war massgeblich an der Professionalisierung des Tourismus in Luzern beteiligt und war Mitinitiant einer Reihe von Projekten wie zum Beispiel dem ab 1910 über Luzern schwebenden Luftschiff namens Ville de Lucerne. Sie sollten Luzerns Status als «modernste Metropole der fashionablen Fremdenwelt» zementieren.

Auch die baulichen Erweiterungen des Grand Hotel National fielen unter seine Ägide. So wie sich das Gebäude heute präsentiert, existiert es erst seit 1910, abgesehen von kleineren Änderungen in den 1950er- und 1970er-Jahren. Der ursprüngliche Bau war viel kleiner und wurde 1897 durch einen neuen Speisesaal erstmals erweitert.

Erfolg und Behauptung im 20. Jahrhundert

Im Jahr 1900 erfolgte mit dem zweiten Expansionsschritt der fulminante Start ins neue Jahrhundert: Der heutige Osttrakt des Hotels wurde unter dem Namen Nationalhof errichtet und war als beheizbares Winterhaus gedacht. Als Architekt wurde der Luzerner Emil Vogt beauftragt, der später auch Projekte in Ägypten und das Hotel Kind David in Jerusalem realisierte.

Im Juli 1900, exakt 30 Jahre nach der Eröffnung des Hotels National, wurde der Neubau eingeweiht. Die zusätzlichen Betten waren dringend nötig, denn längst waren die zahlungskräftigen Gäste nach den Kriegswirren und der wirtschaftlichen Depression nach Luzern zurückgekehrt. Damit erreichte der Fremdenverkehr Luzerns seine Glanzzeit: die Belle Époque, die noch bis 1914 dauerte.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs geriet das Grand Hotel National in eine Abwärtsspirale, die bis 1945 dauerte und aus der es sich als eines der wenigen Hotels in Luzern nur knapp retten konnte. Erst in den 1970er-Jahren wurde es durch den findigen Investor Umberto Erculiani aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und vor dem Abriss bewahrt. Die Schande, dass ein solch geschichtsträchtiges Gebäude einem Shoppingcenter am See hätte weichen müssen, konnte also zum Glück verhindert werden.

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1 Kommentare
  1. Andreas Peter, 11.07.2020, 10:42 Uhr

    Ein schöner Beitrag. Das wusste ich alles nicht so genau. Spannend!
    Etwas „Schönes, Monumentales“ ist ja nicht immer verkehrt.
    Der Nationalquai schafft es bis heute, Luzern einen Hauch von Grandezza zu verleihen.

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