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Wie die Eröffnung der Gotthardbahn Luzern veränderte
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Panoramaansicht der Stadt Luzern mit Vierwaldstättersee und Rigi vom Gütsch aus, Fotograf A. Spiess (VA-10144, Sammlung Verkehrshaus der Schweiz, Luzern).

Schon vor 150 Jahren kam es zu einem Bauboom Wie die Eröffnung der Gotthardbahn Luzern veränderte

6 min Lesezeit 2 Kommentare 29.11.2019, 11:03 Uhr

Bei meiner Arbeit als Praktikant im Verkehrshaus Luzern fielen mir zwei Fotografen aus den 1880er-Jahren auf, welche Luzern auffällig oft unter die Linse nahmen: A. Spiess mit Firmensitz in Basel und Luzern und Adolphe Braun aus Dornach im Elsass. Beide zeigen Luzern in einer früheren Phase eines Baubooms.

Wieso ist die Stadt Luzern ins Blickfeld dieser beiden Fotografen gerückt? Der Grund liegt in der Dokumentation der Gotthardbahn während dem Bau oder kurz nach der Fertigstellung des Gotthardtunnels im Jahr 1882. Die folgenden Aufnahmen sind mehreren Sammelmappen und einem Bildband über die Gotthardbahn entnommen.

Es wird sich wohl manch einer fragen, was denn die lokalhistorische Bedeutung dieser Aufnahmen sei. Die Fotografien sind von enormem historischem Wert, denn sie geben Einblick in ein Luzern des Umbruchs. Dokumentiert wurden die architektonischen Veränderungen, welche in den letzten 20 Jahren des 19. Jahrhunderts in Luzern stattfanden.

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Hier von ‹architektonischen Veränderungen› zu sprechen ist ein Understatement, ‹Bauboom› trifft es besser.

Die lokalgeschichtliche Bedeutung der Gotthardbahn und ihrer Dokumentation

Einerseits hing dieser mit dem Aufschwung Luzerns zur Tourismusstadt (siehe unseren Beitrag zum Tourismus in Luzern) und andererseits mit der zentralen Bedeutung für das Schweizer Eisenbahnnetz zusammen. Sichtbarer Ausdruck für die zweite Ursache war, nebst dem Bahnhof und der Umgestaltung des Bahnhofplatzes auf der linken Seeseite, der Bau des Verwaltungsgebäudes der Gotthardbahngesellschaft beim Luzernerhof.

Verwaltungs-Gebäude der Gotthardbahn, Fotograf A. Spiess (VA-10143, Sammlung Verkehrshaus der Schweiz, Luzern).

Ausgangspunkt für die massiven städtebaulichen Veränderungen in Luzern war die Ankunft der Eisenbahn in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit der Eröffnung der Gotthardbahn 1882, der wichtigsten Nord-Süd-Linie Europas, wuchs die Bedeutung Luzerns für den Schienenverkehr. Denn der Hauptsitz der 1871 gegründeten Gotthardbahngesellschaft befand sich – wer hätte es geahnt! – in Luzern.

Das Verwaltungsgebäude der Gotthardbahn

In den ersten Jahren nach der Eröffnung der Gotthardbahn befand sich ihr Verwaltungssitz an wechselnden Standorten in der Stadt Luzern. Deshalb befand der Verwaltungsrat 1885, dass ein Neubau hermusste. Dieser sollte künftig alle Verwaltungszweige der Gotthardbahn unter einem Dach vereinen.

1886 erfolgte der Kauf des Grundstückes vor dem Stadthof beim heutigen Luzernerhof. Die Leitung des Baus übernahm Gustav Mossdorf. Der Architekt Mossdorf war für sämtlichen Hochbauten der Gotthardbahn zuständig, weshalb ein Grossteil der Stationsgebäude zwischen Luzern und Chiasso auf seine Entwürfe zurückgeht.

Interessant ist, dass der Luzerner Stadtrat die Baubewilligung nur mit Zögern erteilte. Der Grund für die Haltung des Stadtrates war, dass das geplante Gebäude die maximale Bauhöhe um bis zu 4,5 Meter überstieg. Warum wurde der Bau des Verwaltungsgebäudes dennoch bewilligt?

Der Stadtrat argumentierte, dass die Überschreitung aufgrund der «Wichtigkeit des Bauwerkes und der Schönheit der Architektur» zu vernachlässigen sei.

Nach der Grundsteinlegung im Mai 1887 ging der Bau rasant vorwärts: Schon im März 1889 erfolgte der Umzug vom vorherigen Standort Bellevue ins neue Verwaltungsgebäude am Luzernerhof.

Das Verwaltungsgebäude der Gotthardbahngesellschaft reiht sich in den grosszügigen Ausbau des Hofquartiers und später der Halde im Zuge des Tourismusbooms im ausgehenden 19. Jahrhundert ein.

Anekdote: Paradox des fehlenden Anschlusses

Die feierliche Eröffnung der Gotthardbahn fand am 1. Juni 1882 statt. Wie lange dauerte denn nun die Fahrt von Luzern in den Süden? Paradoxerweise war Luzern als Hauptsitz der Gotthardbahngesellschaft bei der Eröffnung der Linie gar nicht an die Gotthardbahn angeschlossen.

Wer also in den Süden wollte, musste die Kutsche oder das Schiff nehmen. Die dritte Möglichkeit war der Umweg über Rotkreuz und Zug mit der Nordostbahn. Wie kam denn diese sonderbare Situation zustande?

Ausgelöst wurde sie durch die Wirtschaftskrise in der Mitte der 1870er-Jahre und die finanziellen Nöte der Eisenbahngesellschaft (insbesondere der Gotthardbahn). Der Gotthardbahn ging Ende der 1870er also beinahe das Geld aus und die Sparmassnahmen trafen die geplante Linie zwischen Luzern und Immensee.

Dieser Umstand führte dazu, dass Luzern erst 15 Jahre nach der Eröffnung der Gotthardlinie an ihr Netz angeschlossen wurde. Zur Verdeutlichung: Der zweite Bahnhof in Luzern wurde ein Jahr vorher, 1896, eröffnet.

Wie die Eisenbahn (nicht ganz) nach Luzern kam

Als die Gotthardbahngesellschaft 1871 ihren Sitz in Luzern wählte, stand bereits seit 12 Jahren ein Bahnhof in Luzern. Die Strecke Olten–Emmenbrücke wurde aber schon Mitte 1856 von der Schweizerischen Centralbahn in Betrieb genommen.

Durch eine einfache Rechnung stellt sich heraus, dass Luzern kurioserweise erst drei Jahre später an die Strecke der Centralbahn angeschlossen wurde. Der Grund für die Verzögerung lag in der kontroversen Standortfrage des Bahnhofs.

Dem Bau des Bahnhofs durch die Schweizerische Centralbahn (SCB) ging ein Standortstreit voraus. Die Idee der SCB, den Bahnhof am linken Seeufer zwischen «Moosegg» (heute Hauptpost) und Inseli zu errichten, stiess auf einigen Widerstand. Kritiker waren der Meinung, der Bahnhof solle unterirdisch (wir warten immer noch darauf) vor den Toren der Stadt verlaufen.

Die Quartiervereine Wey und Hof hingegen meldeten selbst Ansprüche für den Standort des Bahnhofs an. Die Entscheidung für den heutigen Standort, die Fröschenburg, fiel im Jahr 1856 und der Betrieb im ersten Luzerner Bahnhof wurde im Mai 1859 aufgenommen.

Luzern, Stadtansicht mit See, Fotograf Ad. Braun + Cie (VA-9530, Sammlung Verkehrshaus der Schweiz, Luzern).

Im Vordergrund dieser Aufnahme ist der Kurplatz mit Brunnen zu sehen. Heute verbindet man den Kurplatz am ehesten mit dem Musikpavillon, der erst einige Jahre nach der Aufnahme, nämlich im Jahr 1908, errichtet wurde. Im Hintergrund ist das einstöckige, hölzerne Aufnahmegebäude des Bahnhofs zu erkennen. Schon der erste Luzerner Bahnhof wurde wegen seiner Lage nahe am See als Kopfbahnhof konstruiert.

Gleise am Seeufer

Welch wichtige Rolle Luzern als Warenumschlagplatz für den Gotthardverkehr einnimmt, zeigt das bis ans Seeufer reichende Geleise. So konnten Güter problemlos vom Bahnwagen auf die Schiffe geladen werden. Nach und nach verlor aber die traditionelle Handelsroute über den Vierwaldstättersee nach Flüelen an Bedeutung und der Güterverkehr verlagerte sich auf die Schiene.

Ein kleines, aber entscheidendes Detail ist, dass die Jesuitenkirche auf dieser Fotografie noch keine Zwiebelhauben besitzt. Die zwiebelförmige Doppelturmfassade wurde erst 1893 nachträglich aufgesetzt.

Dadurch lässt sich die Fotografie auf einen Zeitraum von 1882 (Eröffnung der Gotthardbahn) bis 1893 eingrenzen.

Blick auf Luzerns Seebrücke, Fotograf A. Spiess (VA-10099, Sammlung Verkehrshaus der Schweiz, Luzern).

Auf dieser Aufnahme dominieren Fussgänger das Strassenbild. Es gibt weder Fahrräder noch Autos noch Busse, die über die Seebrücke brausen. Auch die Geschichte der ersten Seebrücke ist mit dem Weg der Eisenbahn nach Luzern verbunden.

Ein führendes Fremdenzentrum Europas

Kurz nachdem 1856 der Standort des ersten Bahnhofs auf dem Gebiet des heutigen Bahnhofs festgelegt worden war, trieb der Stadtrat die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse in der Stadt voran. Der Anschluss der Quartiere, insbesondere der Hotels, am rechten Seeufer an die Eisenbahn erfolgte mit dem Bau einer direkten Verbindung: der Seebrücke, die 1870 eröffnet wurde. Mitfinanziert wurde sie von der Centralbahn.

Alfred Waldis fasst die Entwicklung Luzerns im 19. Jahrhundert folgendermassen zusammen: «Die Erschliessung der Stadt durch die Bahnen und die städtebaulichen Massnahmen wie auch die positive Einstellung zum Tourismus bildeten die Grundlagen für die Entwicklung Luzerns zu einem der führenden Fremdenzentren Europas.»

Ich danke Claudia Hermann, Leiterin Dokumentationszentrum im Verkehrshaus der Schweiz, für die freundliche Unterstützung bei der Bearbeitung dieses Beitrags. Im Dokuzentrum lagert nicht nur ein auf nationaler Ebene bedeutender Schatz in den Bereichen Schienenverkehr, Luft- und Raumfahrt, Strassenverkehr, Schifffahrt, Luftseilbahnen und Tourismus, sondern das Bildarchiv ermöglicht auch wunderbare lokalhistorische Einblicke in das Luzern der letzten 150 Jahre. Die Bibliothek und der Leseraum im Dokuzentrum des Verkehrshauses der Schweiz sind von Dienstag bis Freitag jeweils von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet.

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2 Kommentare
  1. Robin Longnose, 10.12.2019, 15:44 Uhr

    Lieber Herr Bucher

    Vielen Dank für diesen spannenden und auch kurzweiligen Beitrag. Als waschechter Luzerner, der in jungen Jahren vom Grossvater immer wieder Geschichten über den Wandel unserer Stadt gehört hat, war ihr Artikel eine schöne Reise zurück in meine Jugendzeit.

    Freundliche Grüsse,

    R. Longnose

  2. Kaufmann, 29.11.2019, 18:31 Uhr

    Nachtrag zum Gotthardgebäude
    Seit dem 5. Dezember 2002 beherbergt Gotthardgebäude die beiden sozialrechtlichen Abteilungen des Bundesgerichts. Zwei Jahre vorher hatte sich der Bund langfristig eingemietet. Das historisch wertvolle Gebäude von nationaler Bedeutung wurde im Jahr 2002 für gut 13 Millionen Franken mit Begleitung der Denkmalpflege für das damalige Eidg. Versicherungsgericht saniert.
    Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Gotthardbahn-Gesellschaft in Luzern wurde dann 2016 von der SBB an Swiss Prime Site für 78 Millionen verkauft. Der Bund wollte sein Vorkaufsrecht nicht nutzen und die SBB konnte seine Bilanz verbessern.
    Verschiedene Politiker mahnten vergeblich mit dem Hinweis der Verscherbelung des Schweizer Tafelsilbers. Sie monierten auch, der Bund ermögliche das verhökern von Schweizer Volksvermögen. Gleichzeitig werde der Standort der beiden sozialrechtlichen Abteilungen des Bundesgerichts in Luzern gefährdet.