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Katastrophe beeinflusste die Luzerner Schifffahrt

Der Luzerner Konditor, der auf der Titanic endete

(Bild: Gemeinfrei)

Am 15. April 1912 ereignete sich eine der grössten Schiffskatastrophen der Menschheitsgeschichte. Der Untergang der Titanic beendete nicht nur das Leben eines Zentralschweizer Konditors. Das Unglück beschäftigte auch die Luzerner Regierung.

Am 14. April 1912 kurz vor Mitternacht rammte das damals grösste Passagierschiff einen Eisberg. Etwa zweieinhalb Stunden später war die Titanic gesunken und hatte 1500 Menschen das Leben gekostet – darunter auch einem jungen Luzerner.

Adolf Mattmann war 20 Jahre alt gewesen, als er wenige Tage zuvor die Titanic bestiegen hatte. Einmal mit dem grössten Schiff der Welt zu fahren, das war sein Ziel gewesen. Erfahrung auf hoher See konnte der gelernte Konditor aus Inwil bereits reichlich sammeln: Er hatte mit der Olympic, dem Schwesternschiff der Titanic, mehrmals den Atlantik überquert.

Schweizer Know-how für die Titanic

Mattmann war kein reicher Mann. Dass er die Überquerungen mit der Titanic trotzdem bestreiten konnte, lag daran, dass er sie nicht bezahlen musste. Er war nämlich einer der rund 900 Angestellten, die auf dem Dampfer für das Wohl der Gäste sorgten. Für das grösste Schiff der Welt kamen natürlich nur die besten Fachkräfte infrage – und diese stammten aus der ganzen Welt. Acht Schweizer waren insgesamt an Bord. Sieben davon – Mattmann eingeschlossen – arbeiteten im À-la-carte-Restaurant des Schiffs.

Das A-la-Carte-Restaurant auf der Titanic.
Das À-la-Carte-Restaurant auf der Titanic. (Bild: Gemeinfrei)

In diesem luxuriösen Restaurant sorgten 68 Angestellte für das Wohl der gutbetuchten Gäste. Mattmann selbst hatte als Eismann angeheuert, war also für die Zubereitung von Glacé verantwortlich. Sein Können hatte er sich zuvor bei der Konditorei Haeberle an der Weggisgasse 34 in Luzern angeeignet. Nachdem er sich in der Westschweiz zum Patissier weitergebildet hatte, vertiefte er sein Wissen im Hotel Löwen in Weggis.

Die Anstellung auf der Titanic war für Mattmann der vorläufige Karrierehöhepunkt. Sein Leben nach der Überfahrt hatte er derweilen schon geplant: In einem Londoner Hotel wollte er seine Künste verfeinern.

Acht Tage Ungewissheit

Die Familie von Mattmann hat erst mit Verzögerung vom Unglück der Titanic erfahren. Am 17. April 1912 erschien im «Vaterland» eine erste Kurzmeldung, wonach das Schiff gesunken sei. In den folgenden Tagen, als das Ausmass der Tragödie auch in der Schweiz klar wurde, war das Unglück in den Zentralschweizer Medien ein Dauerthema.

Die Familie von Mattmann war sich indes nicht sicher, ob ihr Sohn wirklich auf der Titanic gewesen war. Am 20. April erkundigte sich der Vater bei der Reederei White Star Line diesbezüglich. Acht Tage später erschien im «Luzerner Tagblatt» eine Todesanzeige. Damit war klar: Adolf Mattmann war auf der Titanic ums Leben gekommen. Ein offizieller Totenschein wurde aber erst Monate später ausgestellt.

Nun schaltete sich die Regierung ein. Auf Bitten der Gemeinde Inwil sendete der Luzerner Regierungsrat am 6. Mai ein Gesuch an den Bundesrat. Dieses enthielt die Bitte, man möge sich doch um die Auszahlung der Entschädigungen für die Schweizer Titanic-Opfer kümmern. Am Ende erhielt die Familie rund 120 britische Pfund, was nach damaligem Kurs rund 3074 Franken entsprach.

Nach dem Unglück: Die Rettungsboote der Titanic im New Yorker Hafen.
Nach dem Unglück: Die Rettungsboote der Titanic im New Yorker Hafen. (Bild: Gemeinfrei)

Unglück weckt Sicherheitsbedenken in Luzern

Doch der Untergang der Titanic hatte die Luzerner Regierung bereits zuvor beschäftigt. Der Umstand, dass das Schiff zu wenig Rettungsboote mitgeführt hatte, verunsicherte die Luzerner Schiffspassagiere. Zur Erinnerung: Auf der Titanic befanden sich nur 20 Rettungsboote, was gerade einmal für 1176 der rund 2200 Personen an Bord gereicht hatte.

Bereits am 27. April reichte der Regierungsrat Dr. Oswald eine Interpellation ein, in der er sich besorgt über die Sicherheitsvorkehrungen der hiesigen Dampfschiffe äusserte. Darin ist unter anderem zu lesen:

«Hr. Regierungsrat Dr. Oswald interpelliert den Rat darüber, was er in Hinsicht auf den jüngst erfolgten Untergang des Ozeandampfers Titanic zu tun gedenke, damit die Dampfschiffe auf dem Vierwaldstättersee die nötigen Rettungsboote mitführen. Interpellant konstatiert dabei, es werde vielfach gefragt, dass die Rettungsvorrichtungen auf den genannten Dampfschiffen in verschiedener Beziehung zu wünschen übrig lassen.»

Staatsarchiv Luzern, Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates, 27.04.1912, RRB 1106
(Bild: Staatsarchiv Luzern)

Der Luzerner Regierungsrat sendete diese Frage am 13. Mai an die Dampfschiff-Gesellschaft Vierwaldstättersee (DGV) weiter. Diese wiederum antwortete rund einen Monat später und berief sich darauf, dass die Sicherheit Sache des Bundes sei. Insgesamt erachtete man die getroffenen Vorkehrungen aber als ausreichend:

«Wenn Sie die Frage stellen, ob diese Vorrichtungen unsererseits als auch für ein grösseres Schiffsunglück als ausreichend betrachtet werden, so erklären wir, dass unseres Erachtens alles getan ist, was billigerweise verlangt werden kann. Eine Erklärung für alle Fälle, auch solche höherer Gewalt, kann wohl von uns Niemand verlangen.»

Staatsarchiv Luzern, Auszug AKT 410G/359

Am Ende spielte die Dampfschiff-Gesellschaft den Ball zurück an die Regierung und forderte diese auf, die «seepolizeilichen Vorschriften» strenger zu überwachen, «soweit dieselben in die Kompetenz der kantonalen Organe fallen». Immerhin würde dies am Ende auch der Sicherheit der Dampfschiffe zugutekommen.

Verwendete Quellen
  • Staatsarchiv Luzern
  • Vox.com
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