Propaganda und Überwachung im 19. Jahrhundert
Religionskampf in den Luzerner Schulen

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Liberale Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder von Lehrschwestern unterrichtet wurden. (Bild: Peter Ammon)

«Mein Kind wird sicherlich nicht von einer Ordensschwester unterrichtet! Ich will nicht, dass sie es verdirbt!» So oder so ähnlich tönte es gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus vielen Haushalten Luzerns. Die Spannungen zwischen den liberalen und den katholisch-konservativen Kräften hatten sich seit den 1880er Jahren immer mehr zugespitzt. Nun entwickelten sie sich zu einem Konflikt, der landesweite Dimensionen annahm.

Der Lehrerberuf war damals in fester Männerhand. Trotzdem gab es einige Frauen, die in seltenen Fällen an einer öffentlichen Schule unterrichteten. Weil zu der Zeit ein grosser Lehrermangel herrschte, wurden immer öfter Lehrschwestern eingesetzt. In Luzern waren diese Schwestern meist vom Heiligen Kreuz aus dem Kloster Menzingen.

Kaum Frauen in der Männerdomäne der Lehrer

Es herrschten viele Vorurteile gegenüber den Frauen, die unterrichteten, denn sie waren schliesslich «nicht für den Lehrerberuf bestimmt». Häufig durften sie nur die jüngsten Kinder, und keine höheren Klassen unterrichten. Folgende Geschichte zeigt einerseits den Kampf um die Konfession an Schulen und andererseits eine emanzipatorische Entwicklung der Frauen im Schulalltag.

Der Konflikt nahm seinen Anfang im Jahr 1876 innerhalb einer Gemeindeversammlung in Ruswil. Es kam die Forderung auf, eine neue Bezirksschule für Mädchen zu gründen. Obwohl in der Schweiz ein Gesetz bestimmte, dass Bezirksschulen auch für Mädchen vorgesehen waren, gab es solche in kaum einer Gemeinde. In den Mädchenschulen sollten die damals als «weiblichen Arbeiten» geltenden Fächer, wie die Haushaltskunde, durch Wissenschaften wie Naturkunde oder Geometrie ersetzt werden.

Obwohl Ruswil als «Zentrum des Konservativismus Luzerns» galt, befürwortete eine Mehrheit des 4’000-Einwohner-Dorfes die neue Mädchenschule. Doch die Forderung nach einer neuen örtlichen Schule sollte sich von seinen Wurzeln immer weiter entfernen und schon bald für eine gehässige Diskussion sorgen.

Viel Zustimmung, viel Hass

Neben der Bevölkerung Ruswils fand die Forderung auch beim Regierungsrat viel Unterstützung. In der folgenden Abstimmung war die grosse Mehrheit für die neue Schule und nahm die Vorlage somit an. Auf den ersten Blick scheint das Ganze recht unspektakulär. Doch allmählich begannen zuerst wenige, doch dann immer mehr Leute gegen das Abstimmungsresultat zu protestieren. Was viele störte, war nicht die Schule an sich, sondern dass eine neue Lehrschwester ihren Dienst antreten und kein weltlicher Lehrer die Schule leiten würde.

Allen voran beklagte sich der liberale Ruswiler Mathias Schmidli über das Abstimmungsresultat. Als Mitglied des Vereines «Freisinnige Katholiken» wurde er schnell zur bestimmenden Person im Schul-Diskurs Ruswils. Schmidli warnte vor den Lehrschwestern und den konfessionellen Lehrkräften. Er und viele gleichgesinnte Liberale befürchteten, ein «klerikales und konfessionelles Lehrinstitut». Dazu kamen die hohen Kosten der Schule, die viele nicht mittragen wollten.

In den folgenden Wochen überzeugte Schmidli 200 weitere Ruswiler, gemeinsam gegen den Abstimmungsentscheid zu protestieren und bei der Luzerner Regierung einen Rekurs einzureichen. Die Regierung sah in einer Lehrerin mit konfessionellem Hintergrund aber keine Probleme. Deshalb zog Schmidli mit der Beschwerde weiter vor den Bundesrat. Doch auch dieser sah keine Probleme in dem Entscheid und unterstützte damit die Ruswiler Mehrheit.

Die Diskussion bekommt Aufwind

Mit der Niederlage vor dem Regierungs- und dem Bundesrat gaben sich viele Liberale jedoch nicht zufrieden. Sie verfassten diverse Briefe an den Bundesrat, in welchen sie die katholischen Lehrkräfte übel verunglimpften. Sie behaupteten, die Lehrschwestern und katholischen Lehrkräfte würden die Schulen unterwandern und die Kinder mit ihrer katholischen Propaganda verderben. Die Lehrerinnen würden Kinder aus liberalen Haushalten diskriminieren. Die Lehrschwestern wurden als grosse Bedrohung für die Kinder und somit die Zukunft der Schweiz dargestellt.

Immer wieder betonten sie, dass Frauen mit klerikalem Hintergrund als Lehrkräfte nicht mit dem Gesetz vereinbar wären. Das Gesetz besagte, dass Angehörige aller Bekenntnisse, ohne Beeinträchtigung ihrer Glaubens- und Gewissensfreiheit, die öffentlichen Schulen besuchen könnten. Diese schwammige Formulierung sorgte für viel Diskussionsstoff und verhalf dem Diskurs zu seiner grossen Tragweite. Zeitungen begannen das Thema aufzugreifen und machten auch vor groben Anschuldigungen und Vorwürfen keinen Halt. Lehrer würden den Kontakt zu nichtreligiösen Mitschülern verbieten, die Gesellschaft unterwandern und den Kindern mit ihrer Propaganda religiöse Dogmen aufzwingen.

Dispens vom Religionsunterricht

Weil der Rekurs eine rechtliche Grundlage hatte, erforderte er eine ordentliche rechtliche Prüfung durch den Bundesrat. War es tatsächlich nicht mit dem Gesetz vereinbar, dass Lehrkräfte einen konfessionellen Hintergrund hatten? Der Bundesrat verlangte von der Luzerner Kantonsregierung eine Stellungnahme, wie sie zu der Frage stand.

Die Luzerner äusserten erneut, dass es keine Rolle spielte, ob die Lehrer einen konfessionellen oder weltlichen Hintergrund hatten. Alle Lehrerinnen mussten die gleichen Bedingungen erfüllen und benötigten die gleichen Kompetenzen, um an einer Schule zu unterrichten. Weiter meinten sie, dass es keine Probleme mit konfessionellen Lehrkräften gab. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, sein Kind vom Religionsunterricht dispensieren zu lassen.

Gefahr durch die Lehrschwestern?

Um sich der Sache anzunehmen, setzte der Bundesrat einen Ständerat aus Ruswil, Martin Birmann, ein, um die örtlichen Ruswiler Schulen zu inspizieren und zu untersuchen. Er sollte prüfen, ob konfessionelle Lehrkräfte, allen voran Lehrschwestern, wirklich keine Probleme verursachen würden. Dieser Schritt löste bei den Katholisch-Konservativen grosse Empörung aus. Man empfand die Überwachung als grosses Misstrauen gegenüber den Lehrerinnen.

Innerhalb weniger Wochen hatten sich Katholisch-Konservativen auf der einen Seite und die Liberalen auf der anderen Seite jeweils zusammengetan. Sie begannen, Petitionen zu starten und Unterschriften zu sammeln, um ihre Seite zu unterstützen. Während die katholischen Kräfte in kürzester Zeit über 40’000 Unterschriften sammelten, sorgten der Grossrat von Luzern und der Obergerichtsschreiber aus Zug dafür, dass eine fast 100-seitige Erklärung verfasst wurde, welche die grosse Gefahr der Lehrschwestern abbildete und die Notwendigkeit einer Überwachung aufzeigte. Weiter forderten die Liberalen ein sofortiges Verbot über das Ausüben des Lehrerberufes von Lehrschwestern an öffentlichen Schulen.

Währenddessen wurde die neue Schule in Ruswil schon eröffnet und die neue Lehrschwester eingesetzt. Die Mädchen wurden ganz herkömmlich unterrichtet und schnell wurde vielen Eltern klar, dass die weibliche Lehrschwester gar keinen Unterschied darstellte und die Kinder viel Gutes über sie berichteten. Viele der liberalen Kritiker waren jetzt doch zufrieden und wollten ihre Unterschriften in den Protestschreiben zurückziehen. Doch schon lange hatte sich die Diskussion zu einer nationalen Angelegenheit entwickelt.

Erziehungssekretär mit Überwachungsfunktion

Um die hitzige Diskussion rund um das Schulwesen zu beruhigen, beschloss der Bundesrat eine neue Stelle, ganz nach dem Vorbild des Ruswiler Schulinspektors, zu schaffen. Sie setzten einen sogenannten Erziehungssekretär ein. Dieser hatte die Aufgabe, die Zustände an den Schulen zu kontrollieren und zu bewerten, um Klarheit in diesen Konflikt zu bringen und eine objektive Faktenlage zu schaffen.

Es brauchte also einen nationalen Inspektor. Schon der Auftrag, die örtlichen Schulen Ruswils zu überwachen, hatte für riesigen Unmut gesorgt und Zehntausende dazu gebracht, sich dagegen zu wehren. Doch diese neue Stelle, die eine Kontroll- und Überwachungsfunktion auf nationaler Ebene darstellte, sorgte für eine noch weitaus grössere Empörung.

Initiator dieser Überwachungsfunktion scheint wohl Bundesrat Karl Schenk gewesen zu sein. In einem Dokument, das durch geheime Hand an die Öffentlichkeit gelangte, hatte er sich dazu geäussert, dass er das Ziel verfolgte, jegliche konfessionelle und klerikale Faktoren sowie Lehrkräfte aus dem öffentlichen Schulsystem zu verbannen. Er wollte durch gezieltes Einsetzen des Inspektors erreichen, dass die öffentlichen Schulen vollkommen weltlich unterrichtet würden.

Der Schulvogt

Schnell kam im Volksmund die zynische Bezeichnung des Erziehungssekretärs als «Schulvogt» auf. Diese Bezeichnung zeigt, wie sich die Katholisch-Konservativen in ganz traditioneller Manier vom bösen Vogt «befreien mussten». Innert weniger Monate sammelten sie über 200’000 Unterschriften, um die neue Stelle wieder abzuschaffen. So kam es zu einer Abstimmung, welche nach einem heftigen Abstimmungskampf mit dem Resultat endete, dass die grosse Mehrheit der Schweizer gegen die «Überwachung» war.

Über 65 Prozent stimmten für die Abschaffung. In den katholisch-konservativ geprägten Urkantonen wurden die Mehrheiten von bis zu 90 Prozent erreicht. Wie wichtig die Abstimmung den Luzernern war, zeigt, dass das Referendum an sich von fast 50 Prozent aller Luzerner unterschrieben wurde. So wurde die Initiative schliesslich auch in Luzern mit 86 Prozent abgelehnt und die liberalen Kräfte mussten sich mit der Niederlage abfinden.

Aus der Forderung nach einer neuen Mädchenschule entstand eine landesweite Diskussion, die klären sollte, wer mehr Macht in der Bestimmung über die Ausrichtung des Schulsystems hatte. Weil die Stelle des Erziehungssekretärs so klar abgelehnt wurde, war das Thema vorerst vom Tisch. Das Kräftemessen endete ohne einen wirklichen Sieger. Die Geschichte zeigt, wie stark die Demokratie den politischen Diskurs schon vor 100 Jahren bestimmte und in der Gesellschaft verankert war. Trotzdem wird einem eindrücklich vor Augen geführt, dass auch damals nicht vor Beleidigungen, Vergleichen mit Stereotypen und groben Verunglimpfungen Halt gemacht wurde.

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2 Kommentare
  1. Christina Livas, 03.03.2022, 06:15 Uhr

    Interessant

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  2. Yann-Alexander, 26.02.2022, 15:44 Uhr

    Interessant wie lange der Diskurs um eine säkulare Bildung uns als Gesellschaft schon begleitet und polarisiert.
    Spannender Einblick!

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