Luzerner Polizei überfordert
Wie ein Streik in Luzern zum Einmarsch der Armee führte

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Bereits Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten italienische Saisonniers auf Luzerner Baustellen. (Bild: Carl Griot/ Emanuel Ammon/AURA)

Ende des 19. Jahrhunderts erreichte Luzern ein wahrhaftiger Modernisierungsschub, der für einen Bauboom sorgte. Hunderte Handwerker aus Italien fanden so den Weg in die Zentralschweiz. Der Alltag war hart: Unfaire Bezahlung, schlechte Arbeits- sowie Lebensbedingungen führten zu sozialen Unruhen.

Ab den 1880-er Jahren begannen sich in Luzern immer mehr Arbeiter aus derselben Berufsgruppe zu vereinen, zusammenzustehen und sich zu organisieren, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Arbeitstage über 12 Stunden und ausbeutende Löhne, die kaum zum Überleben reichten, waren alltäglich. Der Widerwille der Arbeitgeber etwas an den Arbeitsbedingungen zu ändern, sorgte bei den Arbeitern für grossen Unmut.

Erste Arbeitergewerkschaften in Luzern

Wie in vielen Regionen entstanden daraufhin auch in Luzern erste Gewerkschafts- und Arbeiterverbände. Die oft noch lose organisierten Berufsverbände, nannten sich häufig «Fachvereine». Bis zur Jahrhundertwende organisierten sich zum Beispiel die Luzerner Schreiner, Spengler, Maler, Steinhauer, Gipser oder Eisenbahnarbeiter zu eigenen Arbeiterverbänden.

Diese Verbände begannen sich nach und nach strikter zu organisieren und gaben den Arbeitenden ein Gemeinschaftsgefühl, das ihnen ermöglichte, für ihre Interessen einzustehen. In diesen Jahren entstand auch die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP). Der Gründer und damalige Parteichef war Josef Albisser, der sich mit politisch Gleichgesinnten von den Freisinnigen abspaltete.

Der Maurerstreik

Die günstigen, zuverlässigen und fleissigen Arbeiter aus Italien waren wegen des Baubooms äusserst gesucht. Der Grossteil von ihnen war im Maurerberuf tätig und lebte jeweils als Saisonnier in Luzern. Fast alle Italiener lebten an der Basel- und Littauerstrasse (heute Bernstrasse) in Armut und oftmals unzumutbaren Bedingungen. Platz- und Geldmangel, die schlechten Arbeitsbedingungen, aber auch Fremdenfeindlichkeit waren der Grund für ein bedrückendes Leben.

Die Parolen der Schweizer Arbeiterbewegungen fanden auch bei den ausländischen Arbeitern schnell Gehör und schon bald schlossen sich auch Italiener den Arbeiterbewegungen an. Im Jahre 1897 hatten sich schon über 100 italienische Maurer und Handlanger zu einem Fachverein der Maurer zusammengeschlossen. Diese Anzahl entsprach etwa einem Sechstel des gesamten Luzernischen Bausektors. Der Fachverein strebte nach einem vertraglich geregelten Zehn-Stunden-Tag und einem Minimallohn von 50 Rappen pro Stunde. Dieser entsprach vorher, bei «gut» verdienenden Arbeitern auf dem Bau, etwa 40 Rappen pro Stunde.

Der Baumeisterverband zeigt wenig Verständnis

Nicht nur die Arbeiter, auch die Arbeitgeber merkten, dass sie gemeinsam mehr Macht hatten und so schlossen sich auch diese, zu einem Verband zusammen. Die Arbeitgeber im Bausektor vereinte sich zum Baumeisterverband von Luzern.  

Die italienischen Maurer unterbreiteten ihre Forderungen also dem Baumeisterverband und forderten sie dazu auf, innerhalb einer zeitlichen Frist zu antworten. Die Baumeister gingen jedoch auf keine der Forderungen ein und liessen die Frist kommentarlos verstreichen. Am Sonntag, dem 10. Oktober 1897 sollte die Frist für eine Antwort ablaufen. An diesem Tag fand auch die Fahnenweihe des Fachvereins statt, an der über 300 Bauarbeiter die Stadt in Beschlag nahmen. Luzern verschwand inmitten von roten Fahnen und lauter Musik. Das Ignorieren jeglicher Probleme liess die Situation eskalieren und führte dazu, dass am nächsten Tag über 500 Luzerner Maurer streikten. Alle sollten zusammenstehen, um gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen einzustehen.

Keine Einsicht der Baumeister

Obwohl folgende Woche praktisch alle Baustellen in Luzern leer standen, gingen die Baumeister immer noch nicht auf die Forderungen der Maurer ein. Sie verlangten, dass die Arbeit sofort wieder aufgenommen werden müsste. Erst wenn wieder Ruhe einkehrte und die Arbeit wieder aufgenommen wurde, würde der Verband prüfen, ob die Forderungen überhaupt akzeptiert werden konnten. Die Baumeister stellten eine Liste aller Streikenden zusammen und drohten ihnen mit einer Sperre über die Ausübung eines Bauberufs, falls diese bis Ende Woche weiter streiken würden.

Überall in der Stadt tummelten sich die Streikenden, versammelten sich und liefen durch die Strassen. Immer wieder kam es zu Tumulten, Handgreiflichkeiten und Ausschreitungen zwischen Streikenden und Nicht-Streikenden. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun und stiess schnell an ihre Kapazitätsgrenzen. Der Stadtrat sah im Streik und den Ausschreitungen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und sah sich gezwungen, die schweizerische Armee aufzubieten. So marschierten einige Tage später über 200 Soldaten in Luzern ein, um für Ruhe zu sorgen. Sie patrouillierten durch die Stadt und bewachten die Baustellen und Ansammlungen der Streikenden. So fanden die gewaltsamen Ausschreitungen schnell ein Ende und schon nach wenigen Tagen war in Luzern wieder «Ruhe» eingekehrt. Schnell wurde ein Grossteil der Soldaten wieder zurückberufen.

Der Streik geht weiter

Der Luzerner Gewerkschaftsbund der Arbeiter machte sich als einziger Verband für die Arbeiter stark und unterstützte den Streik und den Fachverein der Maurer mit finanziellen Mitteln. Der Grossteil der einheimischen Luzerner hatte keinerlei Verständnis für die Unruhen und den Streik. Auch die Kantonsregierung war sich keiner Schuld bewusst und sah keine Probleme mit den Arbeitsbedingungen. Sie setzten sich nicht für die Italiener ein. Allen Drohungen trotzend, streikten hunderte Arbeiter weiter und riskierten eine Sperrung über ihre Berufsausübung.

Trotz der klaren Botschaft des Stadtrates durch das Grossaufgebot des Militärs weigerten sich die Maurer, ihren Streik zu beenden. Sie hatten ihre Ziele noch nicht erreicht und liessen sich durch die Soldaten nicht einschüchtern. Da die Baumeister jedoch keinen Grund darin sahen, die Forderungen zu erfüllen, sondern die Arbeiter viel eher zu bestrafen, wurde die ausgesprochene Drohung zur Realität und es kam zum Berufsverbot für über 200 weiterhin streikenden Maurer. Der Stadtrat trauerte den Maurern nicht nach und plante einfach Arbeiter aus dem Tirol anzuwerben, um die Lücken zu füllen, die die Maurer hinterliessen. Obwohl dieses Projekt fehlschlug, verebbte der Streik nach und nach und vielerorts wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

Der Fachverein der Maurer hatte viel zu wenig Mittel und Ressourcen, um den Arbeitern ein anständiges Streikgeld zu bezahlen und sah den Streik so langsam auseinanderfallen, ohne etwas dagegen tun zu können. So verliess auch der Streikpräsident des Vereins, Bartolomeo Tonazzi, das sinkende Schiff und besiegelte somit auch das Ende des Fachvereins. Die lose Organisation des Vereins und die schwache Einbettung in das wirtschaftliche Netzwerk führten dazu, dass viele die Hoffnungen auf eine Besserung verloren. Sie nahmen entweder ihre Arbeit wieder auf oder kehrten nach Italien zurück, da der Winteranbruch sowieso nahe war.

Kein Verständnis für die Streikenden

Der Gewerkschaftsbund legte bei der Kantonsregierung eine Beschwerde ein und setzte sich für die Streikgemeinschaft ein. Sie hielten die starke Bedrohung durch das Grossaufgebot des Militärs für gesetzeswidrig. Die Kantonsregierung sah das aber ganz anders. Für sie waren die Streikenden und die Ausschreitungen eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit.

Weil das Kantonsparlament alle durchgesetzten Aktionen für gültig und gesetzeskonform erklärte und der Gewerkschaftsbund die Beschwerde nicht ans Bundesgericht weiterzog, resultierte der Streik für die Maurer in einer grossen Niederlage. Die Maurer erhofften sich bessere Arbeitsbedingungen, doch erhielten sie stattdessen ein Verbot über die Ausübung des Berufs oder mussten unter den genau gleichen Bedingungen weiterarbeiten.

Verwendete Quellen
  • Heidi Bossard-Borner, Vom Kulturkampf zur Belle Epoque, Der Kanton Luzern 1875-1914, Band 46, Staatsarchiv des Kantons Luzern und Stadtarchiv Luzern (Hg.), Basel, 2017.
  • Heidi Bossard-Borner, Luzern (Kanton), 5.3 Gesellschaft, Version vom 30.01.2022, in: Historisches Lexikon der Schweiz.
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4 Kommentare
  1. genre, 08.02.2022, 08:19 Uhr

    Intereesanter Artikel über eine Entwicklung, die 1918 zum Generalstreik führte. Wenn ich mich nicht irre, zeigt die obige Aufnahme das sich im Rohbau befindliche Volkshaus am Pilatusplatz, das von der UNIA vor ein paar Jahren an private Investoren verkaufte Gewekschaftsgebäude also. Zufall oder bewusste Wahl….?

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  2. Hegard, 04.02.2022, 20:30 Uhr

    Interessant isst das die Baslerstrasse jeher ein Armenviertel war.
    Sogar ein Armespital
    Den Kreuzstutz haben sie richtig dekoriert,den dieser Ort war ein wichtiger Treffpunkt für die Italiener also Handwerker und heute ist dieser Bereich Multikulturell
    Auch eine Geschichte wert

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  3. Hegard, 04.02.2022, 20:20 Uhr

    Damals war die SP realistisch und hat vielen Handwerker und Familien geholfen (heute Caritas)
    Karl Marx ist heute ihre Bibel (theoretisch Interessant) Ihre Realität heute führt zu Honecker

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  4. Lp, 04.02.2022, 16:56 Uhr

    Interessant!

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