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Von der Asylunterkunft in den Luzerner Hörsaal
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Ein Hochschuldiplom ist – je nach Land – mit mehr oder weniger Aufwand verbunden. (Bild: zvg)

Wenn das Studium nichts zählt Von der Asylunterkunft in den Luzerner Hörsaal

3 min Lesezeit 21.10.2019, 11:02 Uhr

Zur Uni gehen, das Studium abschliessen, einen Traumjob finden und Geld verdienen. So stellen wir uns unsere Karriere vor. Doch dann stehst du da, mit dem Bachelor in der Tasche, aber doch mit nichts in der Hand – dafür in einem fremden Land.

2014 habe ich den Bachelor in Umweltwissenschaften an der Universität Kabul abgeschlossen. Danach habe ich als Umweltexperte bei der nationalen Umweltschutzbehörde der Afghanischen Regierung gearbeitet. Und dann kam alles anders: Ich musste flüchten, mein Heimatland verlassen und landete schliesslich in einer Unterkunft des Asyl- und Flüchtlingsdienstes Uri.

Ich bin Ghulam Abbas Askari, 25 Jahre alt, und komme aus Afghanistan. Ich bin seit einigen Monaten in der Schweiz und hier habe ich das Gefühl, dass mein Studium nichts wert ist.

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Zurück an die Uni

Im letzten Semester besuchte ich das Schnupperstudium an der Uni Luzern. Das ist ein Angebot, bei dem Flüchtlinge (mit Bewilligung B, F oder N) an Lehrveranstaltungen der Uni teilnehmen können. Zwar war ich nur als Hörer zugelassen und konnte keine Credits sammeln, dafür lernte ich das Schweizer Hochschulsystem besser kennen. Darüber hinaus durfte ich die vielen Angebote (wie Beratung, Hochschulsport, Bibliothek und mehr) der Uni nutzen. Darüber war ich sehr froh.

Doch eigentlich hätte ich lieber wieder im Umweltbereich gearbeitet. Einen Job zu finden, ist mir trotz meines Bachelors bisher noch nicht gelungen. Das geht vielen Flüchtlingen mit akademischer Ausbildung so. Ich denke, die Gründe dafür sind einerseits, dass die Unternehmen in der Schweiz nicht mit unseren Studiengängen vertraut sind. Andererseits sind die Anforderungen an die Studierenden in der Schweiz viel höher.

Deutsch büffeln statt Vorlesungen besuchen

Wegen der politischen Situation in Afghanistan kann ich nicht zurückkehren und mich dort für die Umwelt einsetzen. Deshalb würde es mich auch sehr interessieren, in der Schweiz im Bereich des Umweltschutzes zu arbeiten.

Damit ich bald einen Job in der Schweiz finden kann, bleibt mir nichts anderes übrig, als zuerst besser Deutsch zu lernen. Neben dem täglichen Deutschkurs hatte ich nicht viel Zeit, um viele Vorlesungen an der Uni zu besuchen. Trotzdem hat mir das Schnupperstudium in vielerlei Hinsicht geholfen: Ich habe auch die Schweiz besser kennengelernt und viele Leute getroffen.

Ein paar Studierende engagieren sich freiwillig als Mentorinnen und Mentoren für die Flüchtlinge im Schnupperstudium. Die Studierenden versuchen uns zu helfen und organisieren Anlässe für Studierende und Geflüchtete. Für das Engagement der Uni Luzern und der Studierenden bin ich sehr dankbar.

Fehlerloses Deutsch ist schwierig

Einmal pro Woche habe ich ausserdem mit der Studentin Daniela Dürr Deutsch gelernt. So konnte ich die gelernte Sprache anwenden und wurde darauf hingewiesen, wenn ich einen Fehler machte. Daniela stolperte dabei selbst über Konjunktiv-, Akkusativ- und Superlativ-Fallen. Oft hat sie mir gesagt, wie froh sie doch sei, dass sie nie selbst Deutsch habe lernen müssen… Sie half mir auch beim Bewerbungen Schreiben, Formulare Ausfüllen und erzählte mir von ihrem Leben in Luzern.

Bald wieder richtig die Schulbank drücken

Damit ich bald einen Job finde, der meinen Interessen und Kompetenzen entspricht, möchte ich ein neues Studium beginnen. Ab dem nächsten Semester werde ich den Bachelor of Science in Energy and Environmental Systems Engineering an der Hochschule Luzern machen.

Bis dahin lerne ich weiterhin fleissig Deutsch und schreibe Bewerbungen – das falle auch vielen Leuten von hier schwer, hat Daniela mal gemeint… Daniela hat diesen Text für mich verfasst, um meine Geschichte hier zu erzählen.

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