Ich, die Serientäterin

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Früher war das Fernsehvergnügen eher ein limitiertes Zückerchen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Einen Drogenring im Luzerner Hinterland aufdecken à la Tatort oder lernen, wie man einen Mord vertuscht? Man kann Stunden mit Serienschauen verbringen, sich in eine andere Erlebniswelt begeben und dabei sein Leben verschwenden – oder etwas dabei lernen.

Einen Drogenring im Luzerner Hinterland aufdecken à la Tatort oder lernen, wie man einen Mord vertuscht? Man kann Stunden mit Serienschauen verbringen, sich in eine andere Erlebniswelt begeben und dabei sein Leben verschwenden – oder etwas dabei lernen. Anbei meine Erkenntnisse über eine meiner Leidenschaften abseits des Studiums.

Viereckige Augen

Begonnen hat meine Hingabe für Serien schon früh. Freudig zappte ich nach der Schule jeweils auf den Animationskanal Nickelodeon, zog mir die neuste Episode von «Hey Arnold» rein und verguckte mich beinahe in den naiven liebenswürdigen «Footballschädel». Ganze 20 Minuten konnte ich mich in die Welt von Arnolds Abenteuer begeben, dann wurde ich wieder in die Realität zurückgerissen. Limitiert war das Fernsehvergnügen bei mir zuhause, war es doch eher das Zückerchen, das ich erhielt, wenn die Hausaufgaben gemacht waren oder ich ausdrücklich versprach, sie noch zu machen. «Zvill Fernsehluege gid viereggigi Auge», hiess es jeweils von Seiten meines Vaters. Schon damals strahlten Serien eine gewisse Faszination aus. Doch worin besteht sie?

Learning by watching

Serien sind nicht nur eine willkommene Abwechslung zum Studienalltag, sondern sie bieten für mich als Hobbypsychologin interessantes Denkmaterial. Nicht selten ertappe ich mich bei einer Folge von «Masters of Sex» dabei, wie ich ganz freudianisch über das aggressive Verhalten von William Masters sinniere und dann zum Schluss gelange: «Womöglich wurden seine Triebe zu oft sublimiert». Umso zufrieden stelle ich dann fest, dass in der nächsten Episode genau dieser Thematik auf den Grund gegangen wird und ich Recht behalte. Doch genauso freue ich mich auf den Überraschungsmoment, welche durch die Fehlleitung des Zuschauers hervorgerufen wird. So erachte ich es bei Krimiserien (welche ich in den meisten Fällen überholt finde) als konstruktiv, wenn der Täter doch nicht die von allen verurteilte depressive Ehefrau mit dem perfekt frisierten Haarschopf ist, sondern der Handlanger von nebenan. Aha-Effekt! Vielleicht ist genau dieses Rätselraten, welches bei fast jeder Serie irgendwie zum Ausdruck kommt, was mich mitreisst. Den Täter finden, das Motiv und die Handlungen nachvollziehen können und überlegen, was ich in dieser Situation wohl tun würde. Nicht selten stelle ich auch (un)bewusst Vergleiche mit meiner Umwelt an. Hat nicht dieser eine Dozent eine unverwechselbare Ähnlichkeit mit Dr. House? Fallen mir solche Vergleiche auf, kommen sie mir einerseits suspekt vor und führen zur Degradierung der Serie als «Nicht-mehr-sehenswert» oder sie wird gerade deshalb zur neuen Lieblingsserie erkoren. Dieser Identifikationsaspekt ist wohl auch einer der Gründe für meine Faszination.

Small Talk – Streckmittel

Serien verfügen nicht nur über einen psychologisch wertvollen Charakter, sondern sind nicht selten auch Retter einer steifen Small-Talk-Runde. «Hast du die letzte Folge von «Game of Thrones» gesehen? Was nicht? Oh mein Gott, du musst endlich mal anfangen zu schauen! Du verpasst echt was!» oder «Ich kenn sie nicht, aber erzähle mir doch ein wenig davon», entgegne ich dann und schon sind wir im Gespräch. Verpasse ich wirklich was, wenn ich nicht up to date mit dem neusten Serienhit bin? Kann sein. Genau kann ich mich noch daran erinnern, als eine Kollegin mir erzählte, ich müsse unbedingt «Breaking Bad» schauen, diese Serie sei der ultimative Runner. «Ja, mach ich», erwiderte ich damals lustlos und fing kurz darauf doch damit an, wohl auch, weil sie bei fast jedem Treffen fragte, ob ich denn nun angefangen habe, da sie unbedingt darüber diskutieren wollte. Also irgendwie scheinen sie wohl doch «wichtig» zu sein, zumindest für das soziale Zusammenleben (von Serienjunkies). Vielleicht wird ihre Wichtigkeit aber auch überbewertet, wer weiss.  

Abendliches Ritual

Mit der Zeit hat sich bei mir ein bevorzugtes Format etabliert. Realistisch, nicht animiert und nachvollziehbar soll es sein. Also kein Zombie-Grusel-Wiedergeburts-Müll, sondern es soll Leute mit realen Problemen abbilden. Ich möchte mit den Figuren mitfühlen, mit ihnen sympathisieren, sie bis aufs Blut verachten, mich über das Ende grün und blau ärgern und auf eine neue Staffel fiebern wie ein Tennisfan auf den nächsten Grand-Slam-Titel von Roger Federer. Ob sie nun psychologisch, erzieherisch und sozial wertvoll sind, darüber kann diskutiert werden. Ich jedenfalls geniesse nach getaner studentischer Arbeit das rituelle Serienschauen und erwische mich, wie ich jeweils gespannt auf die Fortsetzung von «Previously on…» warte.

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