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Ich bin kein Student!
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Die Vorurteile gegenüber Studierenden Ich bin kein Student!

4 min Lesezeit 01.03.2016, 13:20 Uhr

Viel freie Zeit, stetige Geldsorgen, wechselnde Partner und ein Hauch von Orientierungslosigkeit sind die wohl am häufigsten genannten Vorurteile über Studierende, die man zu hören bekommt. Wenn all dies wahr ist, bin ich kein Student!

«Sein oder Nichtsein» grübelt Shakespeares Hamlet, als er des Lebens müde der Angst vor dem Tod begegnet. Es ist die Suche nach der eigenen Identität, welche beim Königssohn zu eben jener inneren Zerrissenheit führt. Zumindest wird diese Szene von Personen, die sich näher mit dem Text befasst haben als ich, gelegentlich so interpretiert. Man könnte also auch frei nach Max Frisch Hamlet die Worte in den Mund legen «Wer bin ich und wer will ich sein?». Das klingt zwar nicht so verführerisch wie im Original, aber spricht eben jenen bereits erwähnten Punkt an: die Frage nach der eigenen Identität.

Die eigene Identität

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Hamlet konnte sich noch glücklich schätzen, denn – obschon geplagt von Zweifeln und getrieben von Rache – war er, als er sich die Frage über seine Existenz stellte, frei, diese selbst zu beantworten. Nicht jedem gebührt dieses Glück und häufig fällen andere diese Entscheidung für uns. An die Stelle des «Ich bin» tritt das «Du bist» und damit ein Bild, welches wir uns nicht selber gesucht haben, sondern was uns von anderen auferlegt wurde. Und obschon es sich dabei um nicht mehr als nur Vorstellungen und Vorurteile handelt, haben diese Bilder entscheidenden Einfluss auf das eigene Leben. Zum einen, indem sie vielleicht übernommen werden, und zum anderen durch das stetige «Auflehnen» gegen jene Bilder, die einem ohne das eigene Zutun übergestülpt wurden.

Und diese Vorstellungen über «den Studenten im Allgemeinen» ist das, was mich seit Beginn meiner Zeit an der Universität Luzern am Studierenden-Dasein stört und wogegen ich mich wehre. Es sind Vorstellungen, die zumindest auf mein Leben nicht zutreffen und die ich nicht als meine eigene Identität akzeptieren kann.

«Der Student»

Träfe ich mich heute zum Beispiel mit einem alten Spielgefährten aus Kindertagen, dessen Weg nicht an die Universität geführt hat, sein Bild meines Lebens wäre wahrscheinlich eine dunkle Bibliothek, in der ich, kauernd, über einem Stapel unverständlicher Texte brüte. Es ist eine Zeit des physischen Stillstandes, dessen Bedeutung für ihn so greifbar ist wie der Staub auf dem Buchrücken. Ich bin in seinen Augen in dieser Zeit nicht produktiv, baue weder Kartoffeln an noch schraube ich Autos zusammen, und ich kümmere mich auch nicht um das Wohl fernreisender Gäste. Das Resultat meines Schaffes sind häufig nur wenige Zeilen, vielleicht Seiten, die kaum einer je lesen wird.

Auch wenn dieses Bild in gewisser Weise nicht falsch ist, so wird das Wesentliche übersehen. «Der Student» hat in erster Linie nicht zu produzieren, sondern er soll verstehen. Er soll verstehen, wie Dinge messbar gemacht werden, wie Methoden angewandt und entwickelt und wie Probleme gelöst werden können. Darin liegt seine «Produktivität» oder – etwas ökonomischer ausgedrückt – der Nutzen seines Schaffens.

Der Identitätskonflikt

Dieses Bild eines «nutzlosen» Studierenden geht einher mit der Vorstellung, dass «der Student im Allgemeinen» auf die Unterstützung anderer angewiesen ist. Auch das mag insofern stimmen, als dass nur wenige Studierende dazu in der Lage wären, die Institution Universität durch entsprechende finanzielle Beiträge aufrechtzuerhalten. Für mein Leben ausserhalb der Universität jedoch kann ich ganz gut sorgen. Dazu habe ich eine Arbeit. Die Folge ist, dass das Studium etwas länger als vorgesehen dauert, was bei meinem alten Spielgefährten jedoch zum Umkehrschluss führen würde, dass ich mich nicht richtig anstrenge.

Nun sei dies nur ein kleines Beispiel für den stetigen Identitätskonflikt, welchem man als Student ausgesetzt ist. Es liessen sich noch viele weitere Vorstellungen über «den Studenten» herausarbeiten und alle sind so richtig, wie sie falsch sind. Was mich an diesen Bildern stört, ist die übermässige Bedeutung, welche dieser «fremden» Bildnisse zukommt. Dass ich sagen muss, was ich nicht bin, um zu zeigen, wer ich bin. Bei Max Frisch führen solche vorurteilbehafteten oder übergestülpten Identitäten schlussendlich zum tragischen Scheitern eines Protagonisten. Davon bin ich weit entfernt und dennoch wäre es schön, wenn die Definition des Begriffes «der Student» ebenfalls den Studierenden überlassen würde – nicht, dass doch noch irgendwann jemand zugrunde geht.

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