Einmal Jägersteak, bitte!

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Das Salatbuffet ist des Kulturwissenschaftlers bester Freund. (Bild: Helen Stadlin)

Vegi-, Flexi- oder Pescetarier – sich vegetarisch zu ernähren, liegt im Trend. Auch die Uni ist voller Studierender, die mehrheitlich auf Fleisch verzichten. Reduzierter Konsum ist derart in, dass er sich zu einer unreflektierten Norm entwickelt.

Universität Luzern, Mensa, Dienstagmittag, 12 Uhr. Während ich an einem der Tische  auf meine Kommilitonen warte, gehe ich in Gedanken die Menüauswahl der Mensa durch und überlege mir, was ich heute essen könnte: Penne mit Tomatensauce, das vegetarische Budgetmenu? – Nein, nicht schon wieder Pasta. Gemüse und Reis vom «Free Choice»-Buffet? – Auch nicht, denn das ess› ich bereits heute Abend. Gerade, als ich mir überlege, doch wieder einen Salat zu holen, werden meine Gedanken von einigen jungen Studis unterbrochen, die sich neben mich an den Tisch setzen. Ich mustere sie und versuche unwillkürlich, ihren Studiengang zu erraten. Die Mehrheit an Frauen und die Art, wie sie sich kleiden, lässt auf Studierende der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät schliessen. Sind es Soziologinnen? Ethnologen? Oder Politologinnen? Auf jeden Fall sind es Geisteswissenschaftler, da bin ich mir sicher.

Die Gruppe beginnt zu essen, mein Blick fällt auf ihre Teller und ich bemerke ein Detail, das mich meine Annahme sofort korrigieren lässt. Das sind keine Geisteswissenschaftler. Denn sie essen Fleisch. Alle jungen Männer und Frauen neben mir haben sich für das Tagesmenu und somit für Fleisch entschieden. Ein «Schweinssteak Jägerart an Kräuterjus mit Teigwaren und Karotten» auf ausnahmslos jedem Teller einer Gruppe Kulturwissenschafts-, Philosophie- oder GeschichtsstudentInnen? Niemals! Nicht heutzutage.

Das eine oder andere – welches auch immer

Denn heute sind wir Vege-, und Pescetarier, oder – wenn weder das erste noch das zweite zutrifft – zumindest «Flexitarier», wie man die gemässigten Fleischesser auch nennt. Letztere, zu denen auch ich mich zähle, beschränken ihren Fleischkonsum auf gewisse Wochentage und essen nur an den Wochenenden oder an bestimmten Anlässen wie Grillfesten, Geburts- oder Feiertagen Fleisch. Seinen Fleischkonsum auf diese Weise zu reduzieren, ist praktisch, denn als Studi kann man sich einen uneingeschränkten Fleischkonsum ohnehin kaum leisten. Zum einen aus finanziellen Gründen und zum anderen je länger desto mehr auch aus gesellschaftlichen. 

Seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, dass es ungewöhnlich, fast schon rebellisch ist, in unserem studentisch-urbanen Umfeld viel Fleisch zu essen. Denn uns ist ja bewusst, welche ökologischen Auswirkungen das Essen von Bratwurst, Poulet oder Steak hat, und da ist es nur logisch, dass wir darauf verzichten. Also essen wir wenig bis kein Fleisch, weil es sinnvoll ist, weil wir davon überzeugt sind – und vor allem: Weil man das heute so macht. Es ist hip, sich gesund und nahezu vegetarisch zu ernähren und – so zumindest mein Eindruck – es gehört für viele zum Uni-Lifestyle fast schon dazu.

Natürlich habe ich auch Kommilitonen, die sich seit Jahren bewusst vegetarisch ernähren und selbstverständlich trifft mein Eindruck nicht auf alle Studiengänge zu, denn irgendetwas studieren auch jene, die jeweils in der Schlange vor dem Tagesmenu stehen.

Also bei uns ist das hip

Aber meine geisteswissenschaftlichen Mitstudierenden? Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen oder eine von ihnen mit einem Fleischgericht in der Mensa gesehen habe, oder wann ich mich das letzte Mal für ein solches Menu entschieden habe.

A propos – wann habe eigentlich ich das letzte Mal Fleisch gegessen? Wahrscheinlich am Wochenende. Denn auch als studierende Halb- oder Fast-Vegi macht man ab und zu eine Ausnahme und isst Fleisch. Besonders häufig geschieht dies ausserhalb der Uni und unter dem Einfluss von Alkohol und Hunger. Etwa, wenn man morgens um vier müde aus einem Club gestolpert kommt. An der Kasse einer Fastfood-Kette nahe des Luzerner Bahnhofs stehend, knicke auch ich, der 80-Prozent-Vegi, regelmässig ein, übersehe das fleischlose Angebot grosszügig und bestelle einen Burger. Dann nämlich, müde, hungrig, und mit Alkohol im Blut, ist es erlaubt, zu sündigen.

Darin zeigt sich, dass es umwelttechnische Gründe, der Gedanke an das Tierwohl oder der Uni-Ernährungs-Habitus sind, die mich als Teilzeit-Vegi davon abhalten, viel Fleisch zu essen. Und nicht, wie man denken könnte, die fehlende Lust dazu. Nicht dass es jeden Tag Läberli, Cervelat und Züri Gschnätzlets sein müssen, aber zum Jägersteak vom Nachbarteller würde ich jetzt auch nicht nein sagen. Trotzdem werde ich mich nachher in der Mensa aus Gewohnheit und Pflichtbewusstsein wohl wieder für die Vegi-Pizza oder die Tofu-Lasagne entscheiden.

Falsch gelegen?

In Gedanken wieder bei der Menuwahl, höre ich, wie sich meine Tischnachbarn unterdessen über einen Text unterhalten, den sie für ein Seminar lesen mussten. Ich kenne diesen Text; sie sind also doch Geisteswissenschaftler. Seltsam, denke ich, vielleicht habe ich mich mit meiner Annahme, sie würden normalerweise kein Fleisch essen, auch einfach getäuscht. Ich will gerade aufstehen und mir ein Tablett holen, als ich eine der jungen Frauen neben mir sagen höre: «Es war eine gute Idee, heute ausnahmsweise das Tagesmenu zu wählen! Ich wusste gar nicht mehr, wie gut so ein Steak schmeckt!»

Ich stehe auf, hole mir einen Teller und stelle mich in der Mensa in die Schlange. Ich warte, bis ich an der Reihe bin, und sage dann, meinen ganzen Mut zusammennehmend, laut und deutlich jenen Satz, den ich seit Monaten nicht mehr gesagt habe: «Grüezi, einmal das Tagesmenu bitte!»

 

 

 

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1 Kommentare
  1. Antonietta Tumminello, 18.06.2015, 10:58 Uhr

    Eine vegane Ernährung ist deutlich umweltfreundlicher als die übliche, fleisch- und käsebetonte Durchschnittskost: Sie verbraucht weniger Energie, Rohstoffe und Wasser, belegt weniger Landfläche und erzeugt deutlich weniger Klimagase. Aus ethischer Sicht ist die vegane Ernährung die konsequenteste Art, verantwortlich mit unserer Mitwelt umzugehen und so wenigen Mitlebewesen wie möglich durch unsere Lebensmittelauswahl zu schaden.

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