Ein Brief an Nicht-Studierende
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Warum Studierende das Studieren vermeiden. (Bild: unsplash)

Warum sich viele in das «echte Leben» stürzen Ein Brief an Nicht-Studierende

3 min Lesezeit 31.05.2021, 10:59 Uhr

Es ist eine gängige Meinung, dass Studierende sich vor dem «echten Leben» drücken und keine Ahnung von der Arbeitswelt haben. Weshalb flüchten dann neuerdings viele Studierende aus dem Uni-Leben, wenn das Studium doch ein Zuckerschlecken sein soll? Campus-Bloggerin Noemi Wolf schreibt einen Brief an alle Nicht-Studierenden.

Liebe Nicht-Studenten und Nicht-Studentinnen

Wie Sie mittlerweile sicherlich alle schon erfahren haben, besteht das Leben eines Studenten oder einer Studentin momentan zu einem grossen Teil aus Instagram, Zoom-Meetings und einer daraus resultierenden enorm hohen Bildschirmzeit. Mir wird diese netterweise jeden Montag anschuldigend von meinem Handy vorgehalten. Und was Sie sicherlich auch alle wissen: Die meisten haben genug davon. So haben wir uns das Studieren nicht vorgestellt.

Die Zeit an der Uni Luzern und das Studieren assoziierte ich vor Corona mit 50 Prozent ernsthaftem Lernen und 50 Prozent guter Zeit. Mittlerweile beläuft sich ersteres aber eher gegen gefühlte 20’000 Prozent. Erklären kann ich mir dies ehrlich gesagt auch nicht, aber die zu erledigende Arbeit scheint nie weniger zu werden. Vielleicht weil der Ausgleich durch gute Zeit gesunken ist? Aus diesem Grund haben viele meiner Mitstudierenden begonnen, sich vor dem Studium zu drücken.

Wie man Studieren vermeiden kann

Studieren kann man beispielsweise durch ein halbes Jahr Praktikum vermeiden. Dadurch wird der Abschluss hinausgezögert, was zwei gute Auswirkungen hat. Zum einen wird verhindert, dass man zum Corona-Abschlussjahrgang gehört – so umgeht man das Label «hat nichts gelernt und nur im Trainer auf dem Sofa gelegen» auf dem Arbeitsmarkt. Ein Praktikum dient dann als Lebenslaufverbesserung. Man kann damit behaupten, sogar in der Situation einer Pandemie ehrgeizig gewesen zu sein und das Beste versucht zu haben.

Einigen Studierenden war ein Praktikum nicht genug und sie flüchteten sich direkt ins «echte Leben». Sie exmatrikulierten sich und suchten einen Job. Arbeiten war vielen willkommener, als unter diesen Umständen zu studieren. Verpassen konnte man ja nichts – keine Partys, kein Anstossen auf bestandene Prüfungen, kein gemütliches Beisammensein. Wieso also nicht ein wenig Geld verdienen?

Wiederum andere versuchten sich an einem Austauschsemester. Es verschafft den nötigen Nervenkitzel, auch wenn die Situation im neuen Land eventuell nicht besser ist. Aber hey – eine interessantere Erfahrung war es sicher. Und immer schwang die Hoffnung mit: Wenn man zurückkehrt, geht das Uni-Leben wieder wie gewohnt weiter, mit Kaffeepausen und echten Vorlesungen.

«Das echte Leben»

Arbeiten ist für viele von uns momentan leichter als zu studieren und wir stürzen uns auf den Arbeitsmarkt. Ist dies das «echte» Leben, frage ich euch? Wer studiert, arbeitet häufig auch hart und sieht sich vielen Herausforderungen ausgesetzt. Man lernt beispielsweise mit Druck umzugehen, wird selbstständig und eignet sich wichtige Kompetenzen an – nicht zuletzt auch für einen künftigen Job. Die genussreiche Seite des Studiums, die momentan leider zu kurz kommt, gibt es natürlich auch. Die sollte es aber hoffentlich auch in der Arbeitswelt geben. Was ist also «echtes Leben» überhaupt?

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass Studieren als eine Leistung angesehen wird, die nicht einfach nur als Zuckerschlecken gilt – weder unter Corona-, noch «normalen» Umständen. Ich wünsche mir, dass junge Menschen ihre Lebenserfahrung im Studium, bei der Arbeit oder im Auslandspraktikum sammeln können, und das dies okay ist. Ich wünsche mir, junge Erwachsene stünden nicht so unter Druck, ihre jetzige Zeit so organisieren zu müssen, dass die Pandemie in ihrem Lebenslauf für eine Bewerbung als ausradiert gilt.

Können wir es nicht dabei belassen, dass jedes Leben, egal was es inhaltlich mit sich bringt, egal ob Studium oder Job, «echtes Leben» mit Höhen und Tiefen ist?

Mit freundlichen Grüssen

Eine Studentin

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