Das Dilemma mit den alten Uni-Notizen
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Wohin mit den alten Uni-Notizen? (Bild: pexels)

A trip down memory lane Das Dilemma mit den alten Uni-Notizen

3 min Lesezeit 08.03.2021, 11:00 Uhr

Alte Vorlesungsnotizen sind nicht nur eine akademische Gedächtnisstütze – es hängt viel mehr daran. Das hat unsere Bloggerin beim kürzlichen Kellerrundgang erfahren.

In meinem Keller stehen drei Aktenkisten und fünf Ordner. Sie enthalten die Texte und Notizen aus meinem Studium. In den ersten zwei Semestern war ich noch so gewissenhaft, sie fein säuberlich in Ordnern mit Registern abzulegen, danach landeten sie lose und soso-lala chronologisch in Kisten mit Beschriftungen wie «Herbstsemester 2010–Herbstsemester 2011».

Vorteile des Digitalen

Es ist unwahrscheinlich, dass ich die physischen Kopien dieser Texte je wieder benötige, denn die Scans sind alle auch auf meiner Uni-Festplatte gespeichert. Wenn ich Glück habe, erinnere ich mich, in welchem Seminar ich mal einen Text über die Pseudoöffentlichkeit von Einkaufszentren gelesen habe. Dann suche ich im digitalen Ordner zum Seminar nach dem Seminarprogramm und kann die Texte abklappern. Wenn ich den digitalen Ordner gut organisiert habe und wenn die Texte sinnvoll benamst sind, klappt das erstaunlich schnell. Ein weiterer Vorteil der Digitalisierung: Heute stammen die Texte häufig aus E-Books und sind damit durchsuchbar. Wenn ich mich erinnere, dass in einem von drei Texten über die Stadt als Ort der Identitätsbildung irgendwo eine Erklärung zu Georg Simmels Theorie auftaucht, leuchtet im PDF bald ein passendes Suchresultat auf.

Nostalgie zwischen den Zeilen

So praktisch die digitalisierte Version der Literaturorganisation ist, so wenig kann ich mich dazu entschliessen, meine alten Kisten voll von leuchtstiftmarkiertem Papier zu entsorgen. An manchen Texten hängen liebgewonnene Erinnerungen. Wie wir im kleinsten Kinosaal des «Bourbakis» über den Machtbegriff nach Foucault diskutierten und ich das erste Mal vom Panoptikum hörte. Die Formelsammlung für die grosse Statistikprüfung im Unionsaal, vor der wir alle so grossen Respekt hatten, die dank der eisernen Lerndisziplin aber doch ganz gut gelang. Oder der Grasfleck auf einem Ausdruck. Das muss die Seminarstunde gewesen sein, als es im neuen Uni-Gebäude wegen der fehlerhaften Lüftung so unerträglich heiss war und wir die Sitzung nach draussen verschoben haben.

Vom Vorher und vom Nachher

Ich gebe zu, meine Anhänglichkeit hat damit zu tun, dass ich ganz einfach die Zeit vermisse, als wir zusammen im Seminarraum sassen. Als wir uns gegenseitig abschreiben konnten, wenn wir verpasst hatten, was die Dozentin eben Zentrales gesagt hatte. Als wir die Tische zusammenschoben, weil die Seminargruppe so klein war, damit wir alle näher beieinander sitzen konnten. Als wir in der Vorlesung gemeinsam erschraken und dann lachten, wenn von draussen ein Riesenschrei erklang, weil wir vergessen hatten, dass die Määs wieder diesen Turm zum freien Fall aufgestellt hatte. Als wir beim gemeinsamen Treppenhinabsteigen darüber diskutierten, ob wir den eben besprochenen Text alle gleich verstanden hatten. Als wir nach der letzten Stunde zusammen auf dem Inseli einen Glühwein trinken konnten. Ich vermisse das Studieren vor Ort. Bei allen Vorteilen, die das Fernstudium hat, es hat weniger Herz, weniger Freude, weniger Leichtigkeit. Wir treten ins zweite Pandemiejahr ein und langsam komme ich dazu, den Keller auszumisten. Doch eines wird sicher bleiben: drei Kisten und fünf Ordner voller studentischer Freiheit.

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