Ein Tag auf dem Hof der Familie Zimmermann – vor dem Unwetter
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Träger in der Reihe mit frischen Erdbeeren. (Bild: zvg)

Vorzeitiges Ende für die Erdbeerernte in Rotkreuz Ein Tag auf dem Hof der Familie Zimmermann – vor dem Unwetter

8 min Lesezeit 1 Kommentar 26.06.2021, 11:03 Uhr

Wir sind die Familie Zimmermann und bewirtschaften den Landwirtschaftsbetrieb Plegihof in Rotkreuz. Zur Familie gehören neben meiner Frau Andrea, unsere zwei Kinder Jann und Milena und meine Eltern Anna und Hans. 2008 haben wir den Betrieb von meinen Eltern übernommen. Zurzeit stecken wir mitten in der Erdbeerernte.

Der Tag beginnt für mich um 5.30 Uhr. Ich werfe einen Blick in den Mutterkuhstall und schaue, ob alles in Ordnung ist. Mit dem am Vorabend bepackten Auto fahre ich zum Erdbeerfeld und lade die Erdbeerschalen, die IFCO-Plastikkisten, die Waage und anderes Gebinde aus.

Bei den Erdbeertunnels, in denen heute gepflückt wird, öffne ich die Stirnseite. Dank der Tunnels können wir eine hohe Qualität erreichen, weil die Erdbeeren vor Regen, Wind und UV-Strahlen geschützt sind. Bis um 6.00 Uhr die Pflückerinnen und Pflücker eintreffen, habe ich alles vorbereitet.

Auch unser Lernender Pascal unterstützt uns heute Morgen beim Ernten. Seit 2008 sind wir ein Lehrbetrieb und bilden jährlich Landwirte aus. Wir pflücken direkt in 500-Gramm-Erdbeerschalen, welche auf zwei schmalen «Trägern» mit je fünf Schalen Platz haben. So können sich alle gut zwischen den Reihen bewegen und pflücken.

Für 2.-Klasse-Erdbeeren nehmen wir separate Schalen, damit sie auf Bestellung zum Verarbeiten weiterverkauft werden können. Ich nehme mir die Zeit und mache ein Foto für die Werbung in den sozialen Medien.

Erdbeeren pflücken.

Schnelle Reaktion gefragt

Während der Erdbeerernte macht mein Vater Hans den Stall. Er füttert die Mutterkühe, putzt alle Laufgänge und säubert die Liegeboxen. Die Liegeboxen werden jeden Tag mit frischem Häckselstroh eingestreut. Sehr wichtig ist bei den Mutterkühen die Kontrolle der Kuh und ihres Kalbes. Da sich alle Tiere (inklusive Stier) im Laufstall frei bewegen, brauchen wir eine gute Beobachtungsgabe. Wenn ein Tier krank wird, müssen wir dies schnell erkennen und es behandeln und pflegen.

Bei einer Geburt bin ich gerne in der Nähe oder schaue mit der Kamera per Handy oder am PC zu. Somit kann ich reagieren, wenn eine Geburt nicht problemlos abläuft. Heute früh kalbt unsere Kuh Viola zum vierten Mal. Grundsätzlich kalben unsere Kühe allein. Da die Geburt aber nicht vorwärtsgeht, ruft mich mein Vater vom Feld in den Stall. Ich kontrolliere die Lage des Kalbes und bemerke, dass es nicht wie üblich mit den Vorderbeinen und dem Kopf, sondern mit den Hinterbeinen gegen den Ausgang der Gebärmutter liegt.

Da es jetzt schnell gehen muss, rufe ich unseren Lernenden Pascal zu Hilfe. Zu zweit haben wir mehr Kraft. Zusammen ziehen wir das Kalb heraus. Da bei diesem Geburtsvorgang die Nabelschnur früher abgerissen wird und das Kalb erst später Luft bekommt als bei einer normalen Geburt, bin ich froh, dass das Kalb lebt und es Viola gut zu gehen scheint. Nach dem Wechseln der Kleidung und dem Händewaschen gehen Pascal und ich wieder aufs Erdbeerfeld und pflücken weiter.



Alle anderen Tiere der Mutterkuhherde gehen auf die Weide.

Erdbeeren im Hoflädeli

Die einzelnen Erdbeerschalen werden von meiner Mutter Anna auf 500 Gramm netto abgewogen und mit grosser Sorgfalt in die IFCO-Plastikkisten gelegt. Um 7.30 Uhr bringe ich die ersten Erdbeeren in den Hofladen. Meine Frau Andrea und ihr Vater Franz kümmern sich um den Hofladen und betreuen unsere Kundinnen und Kunden, während ich auf dem Feld bin. Wir haben einen Selbstbedienungsladen, trotzdem ist immer jemand vor Ort für Auskünfte, allenfalls fürs Rückgeld oder zum Nachfüllen unserer Produkte.

Andrea und Franz mit den frisch gepflückten Erdbeeren im Hofladen.

Während der Erdbeersaison ist viel Betrieb bei uns. Vor dem Hofladen werde ich bereits von den ersten Kundinnen und Kunden erwartet. Ein Kunde interessiert sich dafür, wie die Erdbeeren angebaut werden und wie viel Arbeit dahintersteckt. Ich erkläre ihm Folgendes:

Unmittelbar nach der letzten Ernte reissen wir alle Erdbeerpflanzen von Hand aus. Wir entfernen die Abdeckfolie gegen das Unkraut und die Bewässerungsschläuche und binden sie an die Tunnelwand, damit wir das Stroh und die inzwischen getrockneten ausgerissenen Erdbeerpflanzen zu Ballen pressen können. Diese verwerten wir als Einstreu bei den Mutterkühen. Wenn das Wetter trocken und windstill ist, binden wir die Plastikfolie der Tunneldächer unten an die Gestänge.

Nachher starte ich die Bodenbearbeitung mit Grubber und Egge und ich bringe etwas Grunddüngung aus. Mit der Beetfräse fräse ich in jeden Tunnel drei Beete à 100 Meter. Anschliessend beginnt wieder die Handarbeit. Die Tropfbewässerungsschläuche und die Abdeckfolien werden pro Beet und Erdbeerdoppelreihe wieder verlegt und mit rund 1’200 Bodennägeln befestigt. In drei Tagen setzen wir von Hand ca. 14’000 Erdbeerpflanzen für nächstes Jahr in die dafür vorgesehenen Löcher in der Folie. Da brauche ich nebst der Familie noch weitere Helferinnen und Helfer.

Ein Jahr im Leben einer Erdbeerpflanze

Bis spätestens Mitte Juli müssen die neuen Pflänzchen gesetzt sein, damit sie bis im Spätherbst genug Zeit zum Wachsen haben. In dieser Zeit wird das Feld dreimal von Hand gejätet, denn aus den Löchern wächst leider auch Unkraut. Im Winter machen die Pflanzen Winterruhe und brauchen keine besondere Pflege. Mitte März spannen wir die Plastikfolie wieder über die Gestelle. Dieser Vorgang dauert ungefähr zwei bis drei Tage. Es muss wieder trocken und windstill sein.

Die Plastikfolien schützen die Erdbeeren.

Bis Ende März wird das ganze Feld nochmals gejätet, damit das Unkraut nicht überhandnimmt und die Pflanzen hoffentlich optimal wachsen können. Mit den ersten Blüten anfangs April setze ich Hummeln aus, damit die Blüten der Erdbeeren besser bestäubt werden.

Leider kommt es hin und wieder auch im Frühling zu Frostnächten. Der Tunnel schützt nicht vor Kälte. Wenn eine Frostnacht gemeldet wird, decke ich am Abend alle Reihen mit Vlies ab, damit die zarten Blüten nicht erfrieren. Am Morgen nehme ich alle Vliese wieder weg.

Mitte April verteilen wir von Hand auf den ganzen 38 Aren Stroh, damit die reifenden Erdbeeren schneller abtrocknen und weniger Fäulnis auftritt. Während des Wachstums der Pflanzen und der Erdbeeren setze ich, wenn nötig, Pflanzenschutzmittel ein. Dieses Jahr konnten wir zwei Wochen später als andere Jahre, am 28. Mai, das erste Mal ernten, weil die Monate April und Mai sehr kalt und nass waren. Die Ernte dauert bei uns je nach Wetter und Temperatur einen Monat. Obwohl die Tunnel die Erdbeeren vor Regen schützen, haben wir dieses Jahr Probleme mit der Luftfeuchtigkeit. Leider haben wir deshalb einige faule Erdbeeren, welche das Ernten erschweren.

Geeiste Erdbeeren zum Feierabend

Nach dem längeren Kundengespräch gehe ich wieder Erdbeeren pflücken. Dazwischen mache ich die Qualitätssicherung und die Mengen-Koordination. Wir möchten nur beste Qualität und immer tagesfrische Erdbeeren im Hofladen.

Hochbetrieb herrscht auch in der Küche, denn Andrea kocht für die ganze Familie (drei Generationen) und den Lernenden. Für die Pflückerinnen und Pflücker gibt es ein Znüni, das ich aufs Feld bringe. Wir pflücken die Erdbeeren bis ca. 11 Uhr, da es danach für die Erdbeeren und die Pflückerinnen und Pflücker zu warm wird im Tunnel (über 40 Grad).

Verdienter Feierabend: Meine Frau und ich geniessen geeiste Erdbeeren.

Vor dem Mittagessen legen Pascal und ich die Fliegennetze in der Kirschenkultur bereit, damit wir sie am Nachmittag anbringen können. Damit schützen wir die Kirschen vor Hagel, Vögeln und Schädlingen wie zum Beispiel der Kirschessigfliege. Danach mulcht Pascal eine Weide, so wächst das Gras wieder gleichmässig für unsere Mutterkuhherde.

Andrea, meine Mutter und ich wechseln uns am Nachmittag ab mit Nachfüllen der Produkte im Hofladen und der Kundenbetreuung. Andrea koordiniert den Verkauf der 2.-Klasse-Erdbeeren. Einige Kunden kommen während der Erdbeerzeit regelmässig, so lernt man sich gegenseitig etwas kennen und es gibt auch mal einen kurzen Schwatz, was uns besonders freut. Nun ist Abend, die Erdbeeren sind verkauft und um 20.30 Uhr schliesse ich den Hofladen. Die Kinder sind im Bett. Zum Abschluss des Tages geniesse ich mit meiner Frau auf dem Balkon zur Erfrischung geeiste Erdbeeren. Hinter uns sind die Erdbeertunnel zu sehen.

Unwetter sorgt für vorzeitiges Ende der Erdbeerernte

Auch uns hat das Unwetter am Abend des 21. Juni sehr stark getroffen. Noch immer sind wir fassungslos und wie gelähmt. Binnen kurzer Zeit wurde so viel zerstört. Dieses Jahr haben wir «unser» 50 Jahr Jubiläum. Retos Eltern haben dazumal das erste Mal Erdbeeren gepflanzt. So viel Herzblut und Leidenschaft steckt dahinter. Die Ernte wäre bald fertig gewesen. Aber die Planung für die nächstjährige Ernte ist schon gemacht. Und jetzt wissen wir nicht wie und ob weiter. 

Auch die Kirschenanlage ist beschädigt worden. Die Obstbäume stehen noch, aber der starke Hagel wird wohl auch keine Obsternte erlauben. Weiter gibt es Schäden im Garten, auf dem «Pflanzblätz» und am Stall und Haus. Wir und alle Tiere sind wohlauf. Aber der Schock sitzt tief.

Die Erdbeerernte 2021 ist somit per sofort beendet. Was nicht zerfetzt wurde, ist im Regen- und Hagelwasser ertrunken. Wir danken allen für die vergangenen Einkäufe und das Vertrauen und das entgegengebrachte Verständnis diese Saison.

Betriebsspiegel

Andrea und Reto Zimmermann, Blegistrasse 9, 6343 Rotkreuz
Betriebsgrösse: 20,7 ha
Betriebszweige: Mutterkuhhaltung, Erdbeeren, Niederstammobst, Direktvermarktung
Tiere: 35 Mutterkühe mit ihren Kälbern, 1 Stier, Hühner, Zwergkaninchen, Hofkatze Milou
Kulturen: Kunst- und Naturwiesen, Silomais, Weizen, Erdbeeren, Kirschen, Zwetschgen, Kernobst

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1 Kommentare
  1. Erdbermarmelade, 28.06.2021, 09:59 Uhr

    Beste Erdbeeren in kanton zug! Ich gehe immer wieder gerne in den plegihof welche holen

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