Blick nach Bern: Wie die Nachtleben-Lobby einer Stadt den Stempel aufdrücken kann
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Setzt sich in Bern für das Nachtleben ein: FDP-Politiker Tom Berger auf der Schützenmatte bei der Reitschule. (Bild: Patrick Helfer)

Interessenorganisation in Luzern gegründet Blick nach Bern: Wie die Nachtleben-Lobby einer Stadt den Stempel aufdrücken kann

6 min Lesezeit 23.02.2021, 18:21 Uhr

In Luzern wurde eine Organisation gegründet, die den Interessen des Nachtlebens eine stärkere Stimme geben will. In Bern gibt es eine solche bereits seit zehn Jahren. Und sie hat der Politik in der Bundesstadt den Stempel aufgedrückt und einige Erfolge gefeiert. Tut sich beim Nachtleben nun auch in Luzern etwas?

Wie viel Platz soll dem Nachtleben in der Stadt zur Verfügung stehen und vor allem, wo? Dies sind Fragen, die seit Jahren immer wieder zu reden geben. Am hitzigsten wurden sie seither wohl diskutiert, als das Kulturzentrum «Boa» im Oktober 2007 wegen Konflikten mit den Nachbarn schliessen musste. Um einen zweiten Fall «Boa» zu vermeiden, mussten die Bewohner der neuen Überbauung zwischen der Kanti Alpenquai und dem Treibhaus einwilligen, dass sie an den Wochenenden einen gewissen Lärmpegel, ausgehend vom Treibhaus, aushalten müssen.

Auch momentan gibt es in der städtischen Politik Bestrebungen, das Nachtleben besser zu schützen. Allenfalls mit eigens dafür vorgesehenen Zonen. Im vergangenen Mai reichte die SP einen entsprechenden Vorstoss ein (zentralplus berichtete). Der Stadtrat sieht indes kaum Möglichkeiten, entsprechend aktiv zu werden, wie er in seiner Antwort festhielt.

Neue Interessenorganisation in Luzern

Um den Anliegen der verschiedenen Player des Nachtlebens insbesondere gegenüber der Politik mehr Gewicht und Gehör zu verschaffen, wurde in der Stadt Luzern nun eine eigene Bar- und Clubkommission ins Leben gerufen. Morgen Mittwoch stellt sie sich offiziell den Medien vor und informiert über ihre Ziele und den Zweck. Mitte März soll dann die Arbeit aufgenommen werden.

Mit ihrer Initiative sind die Luzerner Kulturbetriebe und Betriebe der Nachtökonomie hierzulande aber nicht alleine. Eine recht erfolg- und einflussreiche Schwesterorganisation gibt es seit gut zehn Jahren in Bern. Diese entstand als Reaktion auf einen ähnlichen Fall wie das «Boa». Der beliebte Club Sous Soul in der Innenstadt musste wegen der Lärmklagen einer zugezogenen Nachbarin dicht machen.

Corona hat Interessen weiter gebündelt

Co-Präsident der Berner Bar- und Clubkommission (Buck) ist FDP-Stadtparlamentarier Tom Berger. «Die Lage verschiedener Betriebe des Nachtlebens war zur Zeit unserer Gründung sehr angespannt. Viele beliebte Bars und Clubs waren wegen einzelner Lärmklagen bedroht oder mussten schliessen. Uns wurde klar, dass das politische Gehör für die Branche verbessert werden muss», schildert der 34-Jährige die Anfänge der Buck.

«So geht es Schritt für Schritt in Richtung einer Stadt, wie wir sie eigentlich gerne hätten.»

Tom Berger, Co-Präsident Berner Bar- und Clubkommission

Mittlerweile seien mehr als 100 Betriebe aus dem ganzen Kanton sowie Einzelpersonen Mitglied. Wie Berger sind einige davon Politiker. Wegen der Entwicklungen rund um den Lockdown sei die Mitgliederzahl gerade in den letzten Monaten stark angewachsen. «Wenn man der Pandemie etwas Positives abgewinnen möchte, ist es, dass man in unserer Branche näher zusammengerückt ist. Auch um die Interessen besser zu bündeln», sagt Berger.

Wird die Nachtruhe nach hinten verschoben?

Erfolge habe man in den letzten zehn Jahren bereits des Öfteren verzeichnen können. So habe es auf Betreiben der Buck Verbesserungen bei den nächtlichen ÖV-Verbindungen gegeben. Zusammen mit anderen Organisationen habe man auch verhindern können, dass der Bund die Lärmschutzbestimmungen massiv verschärft. Doch auch auf kommunaler Ebene drehen sich die politischen Diskussionen oftmals um die Lärmproblematik. 

«Eine Wahlempfehlung unsererseits kann durchaus einen Einfluss auf das Ergebnis haben.»

Tom Berger

«Derzeit liegt dem Berner Stadtparlament der Entwurf eines neuen Lärmreglements vor, das weniger restriktiv ist als das bisherige.» Zu reden geben werde die von der Regierung vorgeschlagene Verschiebung der Nachtruhe von 22 auf 23 Uhr, die natürlich auch im Sinn der Berner Bar- und Clubkommission wäre, so Berger. «So geht es Schritt für Schritt in Richtung einer Stadt, wie wir sie eigentlich gerne hätten. Eine Stadt, die leben darf und in der nicht nur geschlafen und gearbeitet wird.»

Wenn die Kommission Wahlen beeinflusst

Laut Berger zeigt sich die Arbeit der Buck insbesondere darin, dass in der Berner Politik ein Wandel bei der Einstellung gegenüber dem Nachtleben stattgefunden habe. So habe man nach und nach das Verständnis bei Verwaltung, Politik, aber auch der Anwohnerschaft verbessern können. Mehrere Vorstösse, etwa zur Vereinfachung von Bewilligungsverfahren, wurden erfolgreich im Berner Stadtparlament eingebracht. 

Letztlich betreibe man ein klassisches politisches Lobbying, platziere die Anliegen direkt bei Politik und Verwaltung und stehe im Austausch mit Politikerinnen, die Ideen haben, die sich mit jenen der Buck decken. «Ich glaube auch, dass dies mitentscheidend sein kann, ob ein Kandidat ins Parlament gewählt wird. Eine Wahlempfehlung unsererseits kann durchaus einen Einfluss auf das Ergebnis haben», sagt Berger nicht ohne Stolz. 

Buck und Stadtregierung im Gleichschritt

Bei der Stadt Bern beurteilt man die bisherige Arbeit der Buck äusserst positiv: «Wir pflegen eine hervorragende Zusammenarbeit. Die Kommission rennt bei uns offene Türen ein», sagt Gemeinderat und Sicherheitsdirektor Reto Nause (Die Mitte). Denn auch der Gemeinderat strebe eine Liberalisierung des Nachtlebens an. «Aktuell sind wir eine Bewilligungsbehörde. Wir möchten in Zukunft aber aktiver sein können und verstärkt als Ermöglicher auftreten.» 

«Die Buck kann uns sogar helfen, wenn wir heikle Vorlagen durch das Stadtparlament bringen wollen.»

Reto Nause, Berner Sicherheitsdirektor (Die Mitte)

Das Problem sei indes, dass viele Bestimmungen auf kantonaler oder auf Bundesebene geregelt seien. Zum Beispiel die eidgenössische Lärmschutzverordnung. «Wir wünschen uns folglich schon lange die entsprechenden Kompetenzen auf Gemeindeebene. Denn das Nachtleben ist in der Stadt Bern nun mal anders als in Sumiswald», so Nause.

Die Buck stärkt der Regierung den Rücken

Grund für die liberale Einstellung ist gemäss dem bürgerlichen Berner Sicherheitsdirektor, dass das Nachtleben einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor darstelle. Ausserdem trage ein gutes Ausgehangebot zur Lebensqualität bei. Und nach Corona könnten die Aussenbereiche noch wichtiger sein als zuvor, vermutet er.

«In diesem Sinne», betont Nause, «kann uns die Buck sogar helfen, wenn wir heikle Vorlagen, die die Liberalisierung des Nachtlebens betreffen, durch das Stadtparlament bringen wollen.» Denn wenn man auf die Kommission verweisen könne, werde deutlich, dass es nicht um irgendwelche Einzelinteressen, sondern um ein breites Bedürfnis geht. 

In Luzern stehen wichtige Entscheide an 

Die Buck diene dem Gemeinderat weiter als Ansprechpartner, wenn es darum geht, das Verständnis für Ansichten und Möglichkeiten der Stadtregierung zu schärfen. «Müssten wir mit Dutzenden verschiedenen Bar- und Clubbetreibern einzeln reden, wäre das viel schwieriger. Auch in diesem Sinn ist die Buck eine Hilfe», sagt Nause. 

Wie erfolgreich die Luzerner Bar- und Clubkommission sein wird, muss sich zeigen. Motiviert vom Blick nach Bern, dürfte sie in den kommenden Jahren die Politik aber sicherlich aufmischen. Die Gründung kommt keinen Moment zu früh. So steht beispielsweise die Bebauung des EWL-Areals bevor, dessen unmittelbare Umgebung heute eine beliebte Ausgangsmeile ist. Ebenfalls bald diskutiert wird die Zukunft des Neubads.

Der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause. (Bild: Stadt Bern)

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