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Biosphäre-Direktor: Freerider schaden Glaubwürdigkeit
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Besonderes Spektakel oder sinnloser Nervenkitzel? Die Meinungen über die Hubschrauberflüge am Down-To-One-Rennen am Rothorn gehen auseinander. (Bild: Christian Betschart)

Helikopter-Show sorgt im Entlebuch für böses Blut Biosphäre-Direktor: Freerider schaden Glaubwürdigkeit

8 min Lesezeit 1 Kommentar 28.02.2018, 11:18 Uhr

Den wilden Ritt der Freeride-Fahrer hautnah erleben: Das versprechen Helikopterflüge am Sonntag im Sörenberg. Doch diese führen zu Kritik. Denn das Biosphärenreservat vermarktet sich als naturnahe und nachhaltige Region. Das Flugangebot schade der Glaubwürdigkeit, sagt der Direktor. Die Veranstalter sind überrascht, der Gemeinderat überrumpelt.

Spektakel im Entlebuch: Am Sonntag düsen 70 Athlethen am Down-to-One-Rennen vom Rothorn ins Tal – und das mehrere Male (siehe Box). Besonderes Zückerchen für die Zuschauer, die gerne hautnah dabei sind: Sie können die Fahrt der Freerider in einem Heli mitverfolgen. Die Organisatoren bieten als Zuschauerattraktion erstmals Hubschrauberflüge an.

Was bei den Organisatoren Jubelsprünge auslöst, sorgt bei anderen im Entlebuch für Kopfschütteln. Besonders bei der Biosphäre Entlebuch, die sich seit Jahren für eine nachhaltige Region einsetzt – und diese touristisch entsprechend vermarktet. Direktor Theo Schnider kritisierte darum im «Entlebucher Anzeiger» die geplanten Flüge über das Skigebiet. zentralplus hat nachgehakt – und bei den Veranstaltern und dem Gemeinderat nachgefragt (siehe Box am Textende).

zentralplus: Herr Schnider, mit dem Helikopter über das atemberaubende Rothorn fliegen und die Schönheit des Entlebuch von oben bestaunen: Das müsste Ihnen doch gefallen?

Theo Schnider: Auf dem Rothorn, dem höchsten Luzerner Berg mit seiner atemberaubenden Aussicht auf über 600 Berggipfel ist das sogar ohne Helikopter möglich! Ich finde es toll, wenn junge engagierte Menschen auf freiwilliger Basis touristische Angebote entwickeln. Es ist auch wichtig, dass wir eine Idee nicht einfach abschmettern, mag sie noch so schräg daherkommen. Aber wir dürfen sie sehr wohl hinterfragen. Was an einem Heliflug Sinn macht, wenn er wie hier vor allem darauf ausgerichtet ist, einem Skifahrer hinterher zu sausen, weiss ich nicht.

Down to One

Das Freeride-Rennen Down to One findet diesen Sonntag, 4. März, zum vierten Mal in Sörenberg statt. Es werden rund 1’000 Zuschauer erwartet. Das Konzept des Rennens ist speziell: 70 Athleten fahren mit der Gondel auf das Rothorn. Sie müssen so schnell den Berg runterdüsen, dass sie die nächste Gondelbahn erwischen. Und das so lange, bis nur noch einer diesem Rhythmus folgen kann. Denn die Gondel wartet immer weniger lang...Die Letzten donnern bis zu zehn Mal ins Tal runter.

zentralplus: Man ist hautnah am Rennen dabei, argumentieren die Organisatoren.

Schnider: Den gleichen Effekt mit noch breiterem Nutzen hätte man beispielsweise mit einer Drohne – mit Liveübertragung ins Zielgelände oder in die Hotels und Restaurants oder sogar in die Stadt. Wenn ich sachlich überlege, wie nachhaltig eine solche Aktion ist, dann ist der Fall klar. Die Aktion erfüllt weder wirtschaftlich noch umweltbezogen und gesellschaftlich die Kriterien der Nachhaltigkeit. Zudem geht es hier auch um unsere Glaubwürdigkeit.

zentralplus: Inwiefern?

Schnider: Seit mehreren Jahren stehen wir mit der Armee und anderen Luftraumnutzern in Verhandlungen. Die Bevölkerung und viele Gäste, vordringlich aus Sörenberg, fordern eine Reduktion des Fluglärms. Bisher konnten wir uns regional recht erfolgreich dafür einsetzen und eine Flugpause über die Hauptferienzeit im Sommer erwirken. Doch diese Verhandlungen sind alles andere als eine Plauderstunde, sondern werden äusserst hart geführt und sind schwierig. Wenn wir jetzt in diesem heiklen Prozess selber Heliflüge anbieten, setzen wir ein Stück weit die Glaubwürdigkeit der Destination aufs Spiel. Man darf nicht lauthals über Fluglärm jammern und wenn’s gerade schön passt, sich selber damit bedienen.

Theo Schnider, Direktor von Biosphäre Entlebuch, übt Kritik.

Theo Schnider, Direktor von Biosphäre Entlebuch, übt Kritik.

(Bild: Martin Dominik Zemp)

zentralplus: Etwas zugespitzt gesagt: Für solche Spektakel ist man im Entlebuch am falschen Ort.

Schnider: Für sinnlose Spektakel hoffentlich nicht nur im Entlebuch. Mit oberflächlichen Angeboten schafft man im Tourismus keine Leuchttürme. Natürlich soll’s auch Spass machen, das ist keine Frage. Es soll aber auch Sinn machen und verträglich sein. Tourismus ist hier eine Gratwanderung. Manchmal verträgt es sich gerade noch und manchmal kippt es. Bei Heliflug-Diskussionen ist das Eis bekanntlich halt einfach sehr dünn.

«Dieser austauschbare touristische ‹Sauglattismus› stört mich.»

zentralplus: Offenbar scheint es aber vielfach ein Bedürfnis zu sein, etwas Aussergewöhnliches zu erleben.

Schnider: Das ist ein Stück weit ein Auswuchs unserer Spassgesellschaft. So wird eine an sich gute Idee, ein tolles Rahmenprogramm zu bieten, nur noch auf ihren Unterhaltungswert reduziert. Es endet dann in einem krampfhaften Versuch, möglichst viel Spass, Spektakel, vielleicht noch eine Brise Nervenkitzel in eine Aktion zu bringen, ohne das Produkt im Detail zu hinterfragen. Das alles in der Hoffnung im nächsten Jahr etwas noch Schrilleres zu finden. Dieser kopierbare, austauschbare touristische «Sauglattismus» stört mich als Touristiker und Regionsentwickler.

Eindrücke vom Down-to-One von 2016:

 

zentralplus: Man könnte einwenden, dass dies einfach nicht Ihrer Vision von Tourismus im Entlebuch entspricht?

Schnider: Es entspricht garantiert nicht der Ausrichtung der Destination Entlebuch und auch nicht der von Sörenberg. Naturnaher Tourismus ist für mich nicht nur Entwicklung des Ferienortes, sondern auch Entwicklung von Kulturen, von Werten. Diese bestehenden, typischen, regionalbezogenen Kulturen und Werte müssen primär gepflegt werden. Nur so schaffen wir langfristig Leuchttürme im touristischen Angebot.

Wir fordern dazu auf, Produkte auf Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit zu prüfen. Und dies nicht bloss der Biosphäre zuliebe, sondern vor allem im eigenen, langfristigen Interesse. Denn Nachhaltigkeit ist heute Zeitgeist und stösst auf einen wachsenden Markt. Das Zeitalter der «Speedgesellschaft» ebbt hingegen langsam ab.

zentralplus: Und was heisst das in Bezug auf ein Spektakel wie das Down-To-One-Rennen?

Schnider: Das Organisationskomitee wollte sicher nichts Falschen machen, sondern den Zuschauern einfach was Aussergewöhnliches bieten und den Anlass attraktiver machen. Doch das Rahmenprogramm mit dem Heli braucht es dafür gar nicht. Wir haben ein tolles Skigebiet, breite, gepflegte Pisten, engagierte Gästebetreuer im Eisee und einen grossartigen Koch auf dem Gipfel.

«Ich bin weder eine Spassbremse noch Moralpolizist.»

zentralplus: Ihre Kritik mag etwas erstaunen, sind Sie doch keineswegs als Spassbremse bekannt, sondern fallen durch humorvolle Aktionen auf, wie etwa beim Bänkli-Test in der Stadt Luzern (zentralplus berichtete).

Schnider: Ich bin weder eine Spassbremse noch Moralpolizist oder OK-Präsident dieses Anlasses. Ich liebe guten Humor, aber das hier ist ein schlechter Witz. Ich persönlich hoffe jedoch sehr, dass das Rennen dieses Jahr durchgeführt werden kann. Oft ermöglicht erst eine Durchführung, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Wichtig ist nur, dass man darüber diskutiert, sich näher mit dem Produkt auseinandersetzt und Verantwortung übernimmt. Diesen Anspruch habe ich an die Tourismusverantwortlichen, das hilft der Branche aus der Austauschbarkeitsfalle.

zentralplus: Und wird diese Ansicht in der Region geteilt – oder wie fallen die Reaktionen aus?

Schnider: Grundsätzlich gewiss, und andere haben noch einen Prozess vor sich. Es gibt immer Leute, die können dieses Verantwortlichsein für unseren Lebensraum auf den ersten Blick nicht richtig einordnen. Mir wurde schon vorgeworfen, ich wolle mit dem Engagement gegen Fluglärm die Armee abschaffen. Das ist natürlich absoluter Unsinn. Genauso wie wenn man behauptet, ein kritisches Wort zu Heliflügen bedeute, automatisch gegen den Heli als Transportmittel und sogar die Heli-Bergrettung zu sein. Das sind Behauptungen, die in Bezug auf ihre Intelligenz etwa einen guten Meter unterhalb des Stammtisch-Niveaus liegen.

Das sagen die Organisatoren und die Gemeinde

«Überrascht und enttäuscht» reagieren die Organisatoren auf die Kritik an den Helikopterflügen, sagt Martin Vogel vom OK des Down to One. «Es wird während zwei bis drei Stunden etwas rattern. Dass dies solche Wellen wirft, erstaunt uns doch etwas.» Zumal er verspricht, dass die Flugschneise keineswegs die Wildruhezone tangiere. Das Rennen mit einer Drohne zu filmen statt Passagierflüge anzubieten, wie das der Direktor von Biosphäre Entlebuch vorschlägt, kommt laut Vogel nicht in Frage. «Eine Live-Übertragung ist schlicht nicht bezahlbar für einen solchen Event.»

Martin Vogel glaubt, dass das Angebot bei den Besuchern gut ankommt. «Es ist ein Freeride-Anlass mit wilden, verrückten Menschen, die einen gewissen Zusatz an Action suchen.» Insofern sei das Angebot für den Anlass authentisch. «Ob es in die Biosphärenregion passt oder nicht, will ich nicht beurteilen. Es sollte aber auch Platz haben.»

Wie viel ein Helikopterflug kostet, ist laut Vogel noch nicht definiert. «Der Preis hängt davon ab, wie lange ein Flug dauert.» Das werde erst im Verlauf vom Mittwoch festgelegt. Platz haben pro Flug voraussichtlich zwischen vier bis fünf Personen. «Der eine oder andere wird das Angebot sicher nutzen, um das Rennen aus dieser speziellen Perspektive zu verfolgen und das Panorama zu geniessen.» Vogel ist überzeugt, dass ein Bedürfnis dafür vorhanden ist, das zeige sich oft an Gewerbeausstellungen, die Hubschrauberflüge anbieten.

Gemeinderat wird Vorfall noch diskutieren

Vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) brauchten die Helikopterflüge keine Bewilligung. Eine solche ist für Veranstaltungen ausserhalb von Flugplätzen mit nur einem Hubschrauber nicht nötig. Zustimmen muss hingegen die Gemeinde.

Und dort ging das Ganze offenbar im Eilzugstempo über die Bühne. Zum einen, weil es den Veranstaltern pressierte. «Es musste relativ schnell gehen, weil wir dieses Gesuch brauchten», räumt Martin Vogel vom OK ein. Zum anderen, weil der Zuständige auf der Gemeindeverwaltung kurz vor seinen Ferien stand.

So kam es, dass der Gemeinderat seine Haltung dazu gar nicht besprochen hatte. «Die Verwaltung versucht, solche Gesuche immer möglichst kundenfreundlich und schnell zu erledigen», sagt Sabine Wermelinger, die Gemeindepräsidentin von Flühli-Sörenberg. «Dass es sich in diesem Fall nicht wie bei vergangenen Fällen um einen Arbeitsflug handelt, wurde wohl aufgrund der Kurzfristigkeit zu wenig beachtet.» Sie kündigt an, dass der Gemeinderat den Vorfall im Nachgang sicher noch diskutieren werde.

Fluglärm ist im Entlebuch seit längerem ein Thema. Notwendigen Arbeits- und Rettungsflügen mit Helikoptern kommt die Gemeinde mit Verständnis entgegen. «Die stundenlangen Trainingsflüge mit den PC-21-Fliegern in der Region stellen für Einheimische und Gäste jedoch eine enorme Belastung dar», sagt Sabine Wermelinger.

Nicht ganz glücklich mit der Situation ist auch Vroni Thalmann, Gemeinderätin von Flühli und aktuelle Kantonsratspräsidentin. «Gerade im Winter sind die Wildruhezonen wichtig», hält sie fest. «Dass in der Nähe nun Helikopterflüge geplant sind, ist sicher nicht ideal. Ist es zurzeit doch sehr kalt und den Wildtieren würden mehr Ruhe gut tun»

Wer am Down to One mitfahren will, braucht Können – und Mut.

Wer am Down to One mitfahren will, braucht Können – und Mut.

(Bild: Christian Betschart)

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1 Kommentare
  1. Marco Camenisch, 28.02.2018, 12:11 Uhr

    Wie viele Helikopterflüge waren nötig, um den neuen Sessellift auf dem Rothorn zu bauen?

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