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«Alex Frei gab den Ausschlag gegen den Profifussball»
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Nico Siegrist ist Topskorer beim SC Kriens. (Bild: zvg )

Was macht eigentlich ... Nico Siegrist? «Alex Frei gab den Ausschlag gegen den Profifussball»

9 min Lesezeit 09.06.2017, 10:23 Uhr

Nico Siegrist trug in der letzten Saison als Torschützenkönig zum Beinaheaufstieg des SC Kriens bei. Der Luzerner debütierte als 17-Jähriger für den FCL, es winkte eine Karriere als Profifussballer. Im Interview erklärt er, warum er dennoch nicht gescheitert ist und weshalb er in Kriens auch ohne Challenge League glücklich ist.

Nico Siegrist stand am Anfang einer professionellen Fussballkarriere. Mit 17 debütierte er im Dress des FC Luzern, damals unter Rolf Fringer. Danach ging es bergauf: Insgesamt spielte Siegrist 57 Mal für den FC Luzern, schoss 12 Tore und bereitete deren 3 vor – ein guter Leistungsausweis für einen jungen Stürmer. Bis Murat Yakin 2011 das Steuer übernahm. Siegrist wurde ausgeliehen, zuerst an Aarau, dann an Bellinzona, hatte eine durchzogene Zeit – verletzte sich im Tessin, kam wieder zurück nach Luzern. Doch man setzte nicht auf ihn, Siegrist wechselte zum FC Biel.

Nach zwei Jahren in der Challenge League verabschiedete sich der gebürtige Adligenswiler aus dem Profibusiness. Er kehrte zurück in die Innerschweiz: zum SC Kriens in die 1. Liga. Dort ist er Stammspieler und Torschützenkönig. In dieser Saison hätte es fast mit dem Aufstieg in die Challenge League – und damit mit der Rückkehr ins Profigeschäft – geklappt. Wir treffen ihn zum Interview.

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zentralplus: Nico Siegrist, bis kurz vor Schluss war man auf Aufstiegskurs – aber gereicht hat es nicht ganz. Sie haben Ihren Vertrag bereits am 8. Mai verlängert mit der Aussicht, Challenge League zu spielen. Haben Sie zu früh unterschrieben?

Nico Siegrist: Nein. Ich spiele bei Kriens, weil es mehr ist als bloss ein Fussballverein. Ich habe viele gute Freunde im Team, wir treffen uns, tauschen uns aus, haben eine gute Zeit. Training verkommt da fast zur «Nebensache». Deshalb war für mich klar, dass ich verlängern werde.

zentralplus: Sie waren der Erste, der unterschrieben hat – alle anderen haben erst nach der Saison verlängert. Also war ja nicht klar, wie das Team in der nächsten Saison aussehen würde, als Sie unterschrieben haben.

Siegrist: Die Gespräche mit den Spielern waren im Gang. Es war klar, dass es mit den meisten zu einer Einigung kommen würde. Kurz nach meinem Vertragsabschluss hat die Vereinsführung aber die Gespräche gestoppt, weil es sportlich nicht lief. Da wollte man sich auf die Saison konzentrieren und die Verträge danach regeln. Hätte ich drei Tage mit meiner Unterschrift gewartet, wäre ich auch in diesen Gesprächsstopp geraten – und hätte wohl auch erst vor ein paar Tagen unterschrieben. Aber: Unterschrieben hätte ich sowieso.

 

zentralplus: Sie waren in dieser Saison Topskorer beim SC Kriens. Hatten Sie Angebote aus anderen Vereinen oder gar höheren Ligen?

Siegrist: Nein, ich hatte keine Angebote. Das hat mich etwas überrascht. Es gab sicher Spieler innerhalb der 1. Liga mit einem weniger guten Leistungsausweis, welche Angebote erhalten haben. Vielleicht bin ich auch ein wenig «verbraucht».

zentralplus: Was heisst das konkret?

Siegrist: Ich habe sicher meinen Ruf, man kennt mich im Schweizer Fussball-Business. Ein Typ wie ich ist vielleicht heute weniger gesucht. Mir fehlte in meiner Karriere immer die allerletzte Bereitschaft, alles für das Ziel Profi aufzuopfern. Mir wurde zwar die Qualität attestiert, national auf höchstem Niveau zu bestehen, aber die letzte Konsequenz fehlte bei mir.

zentralplus: Was wollen die Clubs von einem jungen Spieler sehen?

Siegrist: Heute muss ein junger Spieler besonders herausstechen: Es wird verlangt, dass man dem Fussball alles unterordnet. Er muss Zusatztrainings machen, sich mental schulen lassen – wenn man nicht alles gibt, rückt der Nächste nach, da ist das Fussballbusiness sehr hart. Ich hatte nebenbei immer ein Leben, habe andere Dinge unternommen, habe studiert. Also galt ich bald als zu wenig ambitioniert.

«Man hat beim FCL damals nicht gezielt auf Junge gesetzt.»

zentralplus: Sie haben im Alter von 17 Jahren in der höchsten Schweizer Spielklasse debütiert und ergatterten sich einen Profivertrag beim FCL. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Siegrist: Es war eine spezielle Erfahrung. Man muss sich vorstellen: Ich schrieb am Nachmittag die Maturaprüfungen und am Abend spielte ich vor 35’000 Zuschauern im St. Jakob-Park gegen Basel. Es ging immer weiter und alles fügte sich irgendwie.

zentralplus: Nur der Sprung zum Profi gelang nicht.

Siegrist: Das lag zum grössten Teil an mir selber, aber auch am FCL. Man hat im Verein damals nicht gezielt auf Junge gesetzt. Ich habe auch nie konkrete Strukturen gesehen, die darauf ausgerichtet waren, Jugendspieler in die erste Mannschaft einzubauen.

zentralplus: Wie müssten solche Strukturen denn aussehen?

Siegrist: Vielleicht sollte man weniger Jugendspieler in die erste Mannschaft holen, dafür voll auf diese setzen. Der FC Luzern muss sich heute die Frage stellen: Welche Ziele strebt der Verein an? Will man auf die europäische Bühne? Denn die Alternative wäre ein System, wie es beispielsweise der FC Thun hat: Man setzt auf einen Mix aus Jungen aus der Region und Challenge-League-Spielern, die man aufbaut und weiterverkauft. Entsprechend müsste aber der FCL die Ansprüche herunterschrauben und sagen: Ziel ist es, nicht abzusteigen – dafür spielen die Leute aus der eigenen Jugend.

Nico Siegrist im FCL-Dress – Gegen Losone traf der damals 20-Jährige sehenswert (ab Minute 01:16):

 

zentralplus: Mit der Vision 2021 strebt man das an – damit will man regionale Identität schaffen, Junge einbauen und Kosten sparen. Hätten Ihnen die Vision 21 als junger Spieler geholfen?

Siegrist: Kaum. Ich habe heute noch denselben sturen Kopf und die Dinge müssten so laufen, wie ich sie haben möchte.

zentralplus: Aber Sie liessen sich dennoch ausleihen an Aarau, Bellinzona und wechselten schliesslich nach Biel – alles Profistationen. Der Traum vom Profi war also lange intakt.

Siegrist: Den Ausschlag zur Entscheidung gegen den Profifussball gab eigentlich erst Alex Frei. Ich kehrte nach den zwei Leihperioden zu Luzern zurück, als er 2013 die Geschäfte übernommen hatte. Er hat mich zu sich ins Büro zitiert und zu mir gesagt: «Nico, du hast sicher deine Qualitäten – aber nicht die richtigen für uns. Du kannst deinen Weg woanders suchen, wir lassen dich ablösefrei gehen.» Das klingt hart, es war aber das ehrlichste Gespräch, das jemand im Fussballgeschäft mit mir führte. Ich bin Alex Frei dafür sehr dankbar.

«Ich bereue es überhaupt nicht, heute kein Fussballprofi zu sein.»

zentralplus: Dennoch: Sie wechselten nach Biel in die Challenge League, waren noch immer jung und hatten die Perspektive, wieder in die höchste Spielklasse zurückzukehren.

Siegrist: Das Angebot kam über einen Bekannten zu mir – er meinte, in Biel kannst du es noch einmal versuchen, abseits von all dem hier. Also bin ich dahin – doch ich habe mir meine Gedanken gemacht: Was ist, wenn ich es dort «schaffe» und noch einmal zurückkehre? Wo bin ich, wenn ich dreissig werde? Und ich habe für mich entschieden, dass ich in meinem Leben etwas anderes will.

zentralplus: Es war also eine bewusste Entscheidung, aus dem Business auszutreten. Das erinnert an andere Ex-Profis, die dem oberflächlichen und materialistischen Fussballzirkus überdrüssig wurden. Ist das bei Ihnen ähnlich?

Siegrist: Nein, ich möchte mich bewusst abgrenzen von den Aussagen eines Benedikt Koller, Lior Etter oder auch eines Benjamin Lüthi (Siehe Box am Ende, a.d.R.). Ich kann ihre Position verstehen, aber ich habe mich nie gefragt: Was soll ich in dieser oberflächlichen Welt? Ich konnte mich gut damit arrangieren. Bei mir war der Grund, weshalb ich aufhörte, ganz einfach: Ich habe mich nicht als Stammspieler etablieren können, also habe ich einen anderen Weg eingeschlagen.

Zur Person

Nico Siegrist ist ehemaliger Fussballprofi. Der 26-Jährige stammt ursprünglich aus Adligenswil und lebt heute in Luzern. Er studiert Sportwissenschaften in Bern und arbeitet in Littau als Assistent der Lehrperson. Er spielt beim SC Kriens und beendete die Saison 2016/2017 als Topskorer.

Der ehemalige Teamkollege und heutige FC-St.-Gallen-Profi Alain Wiss sagt über Siegrist: «Fussballerisch hat er alles mitgebracht.» Warum es nicht ganz geklappt habe, sei schwer zu sagen, meint Wiss. «Er hat vieles hinterfragt, was im Fussballbusiness stattfindet oder stattgefunden hat.» Als Mitspieler und Kollegen habe er ihn sehr geschätzt, auch «weil er als Mensch eine offene Person ist und als Fussballer oftmals unerwartete Dinge gemacht hat».

zentralplus: Sie werden als ein gescheiterter Profi wahrgenommen – ein falsches Bild?

Siegrist: Ich denke, das ist ganz normal. Man ist im Rampenlicht als junger Profi, man taucht in den Medien auf – und plötzlich ist man weg. Es ist logisch, anzunehmen: Der ist gescheitert. Ich sehe dies aber anders: Ich kann mit Freude Fussball spielen, darf studieren und gehe meinen eigenen Weg. Mein Leben erfüllt mich und die Profikarriere war ein wichtiger Teil dieses Prozesses. Aber ich bereue es überhaupt nicht, heute kein Fussballprofi zu sein.

zentralplus: Zurück zum SC Kriens. Nächste Saison gibt es einen neuen Trainer, nachdem Marinko Jurendic am Mittwoch seinen Wechsel zu Aarau bekanntgab (zentralplus berichtete). Was für ein Typ muss der Neue sein?

Siegrist: Er muss die Mischung der Mannschaft verstehen. Auf der einen Seite gibt es in Kriens alteingesessene Spieler mit Erfahrung – aber ohne die Aussicht, je wieder Super League oder höher zu spielen. Auf deren Bedürfnisse muss er eingehen können und dafür sorgen, dass die Spieler sich im Kollektiv wohl fühlen. Auf der anderen Seite sind da die Jungen. Bei denen ist es anders, die sind ambitioniert und brauchen eine klare Linie, Förderung und Struktur. Das ist ein Balanceakt.

zentralplus: Und auf den Fussball bezogen, was muss er mitbringen?

Siegrist: Der neue Trainer muss schon etwas auf dem Kasten haben, er muss den modernen Fussball verstehen. Wir haben dieses Saison attraktiven Fussball gespielt, viele Tore geschossen, wenige Tore zugelassen. Am besten wäre ein junger Trainer, der die Mentalität des Vereins versteht.

Der SC Kriens nimmt den Abgang seines Trainers mit Humor:


 

zentralplus: Das legendäre Kleinfeld ist Geschichte, im nächsten Jahr werden die Heimspiele im Gersag Emmenbrücke ausgetragen. Wie ist das für die Mannschaft?

Siegrist: Es ist die optimale Lösung, wir werden von den Verantwortlichen gut umsorgt. Natürlich ist es nicht dasselbe: Wer den Kleinfeld-Geist kennt, weiss, wie speziell die Stimmung in Kriens war. Der holprige Rasen, die alten Kabinen, die flache Tribüne – das alles hatte einen ganz eigenen Charme.

zentralplus: Wird Nico Siegrist je im neuen Sportzentrum Kleinfeld für Kriens auflaufen?

Siegrist: Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ja. Ich geniesse es, in Kriens zu spielen, und ich gehe immer gerne ins Training. Solange dies so bleibt, mache ich gerne weiter.

zentralplus: Was könnte dazu führen, dass Sie allenfalls aufhören?

Siegrist: Meine Mitspieler. Wie eingangs gesagt: Ich habe viele gute Freunde im Team. Es haben alle nur um ein Jahr verlängert, da wir in einer Phase unseres Lebens sind, in der man nicht zu weit planen kann. Viele schliessen Ausbildungen ab oder starten eine neue Stelle. Sollten im nächsten Sommer alle aufhören, so werde ich mir auch überlegen, ob ich weiterspiele.

Die Aussteiger des Fussballgeschäfts

In den letzten Jahren gab es mehrere Beispiele von Fussballprofis, die sich freiwillig und frühzeitig aus dem Fussballbusiness verabschiedeten. Die prominenteste Figur war Benjamin Lüthi. Der Ex-Thun- und -GC-Profi schmiss mit 28 Jahren den Bettel hin – kerngesund und mit laufendem Vertrag. Lior Etter und Benedikt Koller waren beide FCL-Nachwuchsspieler. Beide lösten ihre Profiverträge nach kurzer Laufzeit wieder auf.

Die Gründe der drei Spieler waren sehr ähnlich: Alle kritisierten die Oberflächlichkeit und das Materialistische des Fussballgeschäfts. Benjamin Lüthi sagte in einem vielbeachteten «Blick»-Interview: «Da geht’s nur noch um Kleider und Aussehen.» Kürzlich rekapitulierte er seine Geschichte in einem Interview mit «watson» und beschrieb das Fussballerleben mit den Worten: «Du isst, schläfst und trainierst nur noch. Es klingt von aussen vielleicht cool, ist aber gar nicht so lustig, wenn du noch andere Ansprüche ans Leben hast.»

Auch der Luzerner Lior Etter kritisierte die Oberflächlichkeit des Business. «Dieses Leben erfüllt mich nicht», sagte er gegenüber der «Luzerner Zeitung», als er nach eineinhalb Jahren im Profigeschäft aufhörte. Etter hat seither die Non-Profit-Organisation «Wasser für Wasser» gegründet, die seit diesem Sommer am Betrieb der Sommerbeiz Nordpol im Reusszopf beteiligt ist (zentralplus berichtete).

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