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Wie Brennereien gegen das Corona-Virus kämpfen
  • Wirtschaft
Die Destillerie Etter verkauft nun Alkohol an den Kanton Zug, dmait daraus Desinfektionsmittel produziert werden kann. (Bild: zvg)

Zuger Kirsch wird zu Desinfektionsmittel Wie Brennereien gegen das Corona-Virus kämpfen

5 min Lesezeit 24.03.2020, 14:56 Uhr

Eben erst stellten sie Luxus-Genussmittel her, jetzt helfen sie in der Not: Lokale Schnapsbrenner stellen sicher, dass die Desinfektionsmittel in Heimen und Spitälern ausreichen. Der Kanton Zug hat hierfür einen Deal mit der Distillerie Etter Söhne in Zug abgeschlossen.

Toilettenpapier gibts wieder ausreichend in den Supermärken. Desinfizierende Mittel bleiben Mangelware – und sind Minuten nach ihrem Auftauchen in den Läden ausverkauft. Doch das könnte sich ändern – noch bevor die Corona-Krise auf ihrem Höhepunkt angelangt ist.

Dabei helfen die gewerblichen Schnapsbrenner in der Region. Denn durch die gesteigerte Nachfrage sind nicht nur Desinfektionsmittel vielerorts ausverkauft, auch der Grundstoff Reinalkohol wird knapp.

Der Kanton Zug kauft 2,5 Tonnen Alkohol

Die Distillerie Etter verkauft deshalb dem Kanton Zug zum Selbstkostenpreis einen Vorrat von rund 2,5 Tonnen auf Kirschbrand basierenden hochprozentigen Alkohol, aus dem Desinfektionsmittel produziert werden. Die Herstellung übernehmen verschiedene Zuger Apotheken und Kliniken.

«Für uns ist es ein Glücksfall, dass wir vor Ort unkompliziert solche Mengen aufkaufen können», wird Gesundheitsdirektor Martin Pfister in einer Mitteilung zitiert. Das Desinfektionsmittel ist ausschliesslich für den Gebrauch durch medizinisches Fachpersonal in Arztpraxen, Kliniken und Pflegeheimen im Kanton Zug vorgesehen.

Etter Söhne ist der grösste und renommierteste Hersteller von Zuger Kirsch. Der Betrieb wollte eigentlich sein 150-Jahre-Jubiläum begehen und sich über Spitzenspirituosen definieren (zentralplus berichtete).

Ethanol tötet Viren ab

Auch die Diwisa AG in Willisau hat derzeit auf die Herstellung von Desinfektionsmitteln umgestellt, wie der «Willisauer Bote» berichtete. 5’000 bis 10’000 Liter Desinfektionsmittel pro Woche stellt der Betrieb derzeit her (zentralplus berichtete). Denn hochprozentiger Trinkalkohol – Ethanol – ist eines der effektivsten Mittel, um Viren den Garaus zu machen.

Kleinere Betriebe haben ebenfalls umgestellt. «Es ist für uns selbstverständlich, dass wir in der Notlage aushelfen», sagt Jonathan Schönberger von der Distillerie Studer in Escholzmatt. Der Traditionsbetrieb, der stolz auf seine «Vieille»-Edelbrände ist und einen guten Ruf als Ginhersteller hat, greift auf eigene Rohstoffe zurück.

Verwenden, was sich einfach ersetzen lässt

Zuckermelasse dient normalerweise dazu, zweifach destilliert und im Eichenfass ausgebaut, zum Getränk von Piraten und Rebellen zu werden. «1653» heisst Studers Rum und erinnert an den Bauernkrieg, in dem sich die Entlebucher gegen die Aristokraten aufgelehnt haben. 

Am Brennhafen der Distillerie Studer: Saverio Friedli.

Nun wird er in den Brennöfen destilliert, um zum Desinfektionsmittel zu werden. Daneben setzt man Vorräte für die Ginherstellung ein, die sich einfach nachproduzieren lassen. «Unseren Williams oder andere Edelbrände geben wir natürlich nicht dafür her», sagt Patron Ivano Studer-Friedli.

Zusammenarbeit mit Coop

«Wir spenden unser Desinfektionsmittel auch den Altersheimen der Umgebung», sagt Jonathan Schönberger. Daneben werden Firmenkunden bedient. Namentlich Coop hat die Entlebucher Distillerie für eine Zusammenarbeit angefragt. So stehen die Zeichen gut, dass bald 20-cl-Desinfektionsflaschen aus der Biosphäre in den regionalen Verkaufsregalen des Detailhändlers auftauchen.

Grössere Packungen sind in eineinhalb Wochen fertig. Aber bereits jetzt sind Kleinunternehmen in die Bresche gesprungen – auch wenn ihr Einsatz sich nur lokal auswirkt. Zum Beispiel Urs Hecht mit «Gunzwiler Destillate» für die Gegend um Beromünster.  

Auch richtiges Obst wird neu destilliert

Anders als bei einem konventionellen Desinfektionsmittel hat Urs Hecht Fruchtalkohol aus der Natur verwendet. «Ich habe mich etwas schwergetan, meine Früchte für das Desinfektionsmittel zu verwenden», wie er sagt.

Doch er liess sich von seinem Sohn überzeugen. «Wir wollen helfen», sagt Elias Hecht. Die Brennerei bietet nun 75-prozentiges Desinfektionsmittel aus Obstbrand an. Dazu kommen Hilfsmittel – schliesslich ist es von der Alkoholsteuer befreit.

Schwerer verkäufliche Reserven umgenutzt

Im Kanton Zug hat der Hotzenhof in Baar, ein Grossmeister der Direktvermarktung, bereits ein Desinfektionsmittel hergestellt. «Es besteht aus hochwertigem Fruchtbrand» sagt Philipp Hotz. Glycerin trägt zur Hautschonung bei. In diesem Fall wurden also schwer verkäufliche Schnapsreserven in Desinfektionsmittel umgewandelt.

Viele kleine Brennereien brauchen Überwindung, sich von ihrem Kerngeschäft zu lösen. Denn sie sind eigentlich Hersteller von Luxus- und Nischen-Produkten. Die Distillerie Studer und Urs Hecht sind Spitzenbrenner. Wenn sie nun ihre Fertigung auf ein Industrieprodukt umstellen, dann droht dies ihren Ruf und ihre Marke zu beeinträchtigen.

«Soll ich meinen Kunden etwa sagen, dass sie meine Edelbrände zum Händewaschen brauchen sollen?», fragte ein preisgekrönter Kleinbrenner aus Zug im Gespräch mit zentralplus. Doch dieses Dilemma tritt aufgrund der Notsituation offenbar immer mehr in den Hintergrund.

Ethanolpreise sind gestiegen

Der Einsatz der regionalen Spirituosenhersteller trägt also dazu bei, den Engpass bei den Desinfektionsmitteln zu beheben. Dass sie für ihren Einsatz zum Teil etwas höhere Preise verlangen, liegt nicht nur an ihren kleinbetrieblichen Strukturen und der Verwendung von hochwertigen Rohstoffen für die Herstellung.

Auch die Ethanolpreise sind seit Ausbruch der Corona-Krise um 15 Prozent gestiegen. «Hier rächen sich die Privatisierungen der letzten Jahrzehnte», sagt Urs Hecht.

Schweiz ist vom Ausland abhängig geworden

Früher wurde in der Schweiz Ethanol aus der Überschussverwertung von Obst hergestellt – unter der Hoheit der Eidgenössischen Alkoholverwaltung, die auch das Monopol auf den Import von Trinkalkohol hatte.

Vor zwei Jahren beschloss das eidgenössische Parlament, die Ethanolproduktion zu privatisieren. Alcosuisse, ein Unternehmen in Delémont, importiert nun all das nötige Rohethanol und verarbeitet es zu verschiedenen Ausgangsprodukten. Diese werden vorab zur Herstellung von Pharmazeutika und Kosmetikprodukte, aber auch für Gin und andere Schnäpse verwendet.

Eingekauft wird das Rohethanol auf dem Weltmarkt. Das ist im Normalfall günstig, im Krisenfall aber problematisch – weil eventuell keine oder zu geringe Reserven vorhanden sind, um die Knappheit auf dem Markt abzufedern.

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