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«Was brauchen wir nicht mehr? Die Kultur!»
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Womöglich schmerzt es den Zuschauer mehr als die Artistin. (Bild: Mischa Scherrer/zvg )

Rezension zu «Le Resort» im Zuger Broadway Variété «Was brauchen wir nicht mehr? Die Kultur!»

4 min Lesezeit 01.06.2018, 11:31 Uhr

Badeplausch und gute Stimmung. Im Programm «Le Resort» des Broadway Variété in Zug geht’s leicht und flockig zu und her. Jedenfalls vordergründig. Denn eigentlich ist es ein Programm voller Wehmut. Kein Wunder, kennzeichnet diese Saison doch das Ende des Spiel- und Verzehrtheaters.

Die Zelte sind aufgeschlagen, die Camper karawanisiert, auf ein Neues gibt’s auf der Wiese beim Zuger Yachthafen Klamauk. Die Show «Le Resort – Ferien bis zum Abwinken» des Broadway Variété verspricht ein Abend mit Urlaubsgefühlen zu werden, mit Badeplausch und Liftmusik. Mit gutem Essen natürlich. Und – oh Schreck – einem Animationsprogramm. Noch bevor die Gäste ins Spielzelt gelotst werden, bedienen sich die Variété-Macher des womöglich grössten Klischees eines jeden Hotelresort-Aufenthalts und animieren die noch etwas peinlich berührten Menschen zu Beachvolley und Aerobic.

Broadway Variété – zum letzten Mal

Erstaunlich schnell wandelt sich die Schüchternheit der Gäste jedoch in genüssliches Wohlwollen. Es ist leicht zu erkennen, dass die meisten, die an die Zuger Premiere des Broadways gekommen sind, zum Stammpublikum gehören. Und nicht zuletzt deshalb schwingt an diesem Abend eine gewisse Wehmut mit. Denn das Spiel- und Verzehrtheater ist heuer zum letzten Mal zu sehen.

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Zu schwierig sei die Situation mit den Behörden vielerorts geworden, erklärt uns der Direktor Luca Botta nach der Aufführung. Die Platzmieten seien massiv gestiegen, Regulationen erschweren den Fortbestand des Theaters, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1947 zurückreichen. Auch Anna Gattiker (künstlerische Leitung und Regie) sowie Raphaël Diener (Direktion und Bühne) hören nach dieser Saison auf.

Die Clownfrau Olivia Weinstein macht sich sowohl als Wasserdirigentin als auch als Brunnenfigur gut.

Die Clownfrau Olivia Weinstein macht sich sowohl als Wasserdirigentin als auch als Brunnenfigur gut.

(Bild: Mischa Scherrer/ zvg)

Dass bald Ende Feuer ist, merkt man dem diesjährigen Programm an. Natürlich gibt’s in «Le Resort» viel zu schmunzeln, zu staunen, zu geniessen. Doch ist da stets dieser ironische Unterton. Angefangen damit, dass vor dem Zelteingang ein «For Sale»-Schild eingeschlagen ist. Das Ferienresort sei zu verkaufen, wird denn sogleich angekündigt, nachdem sich alle Gäste in ihren «Zimmern» – also an den Tischen – einquartiert haben.

Wir werden bei Pflaume gehalten

Mit grossem Sprachwitz führt der tim-burtoneske Resortdirektor Sergio (Luca Botta) durch den Abend. «Ich muss Sie bei Pflaume halten», verkündet er, erzählt die bitter-süss-komische Gartengeschichte von einer «Atomatenbombe auf den Südkoriander». Das Publikum lauscht gebannt. Und lacht Sekunden später laut heraus. Überhaupt fällt es den Kleintheater-Machern leicht, die Gäste zu bezirzen. Die kleine, quirlige Clownin Olivia Weinstein erntet auf ihre Slapstick-Einlagen grossen Beifall. Sei es als Brunnenfigur im Frottee-Frack, sei es als Aerobic-Nixe im güldenen Retrobody. Wie facettenreich die sonst praktisch stumme Artistin tatsächlich ist, merkt man, als sie mit grossartiger Stimme zu singen beginnt.

Adamo die Schildkröte (hier ohne Schild) hat sich über die Jahre zum Publikumsliebling gemausert.

Adamo die Schildkröte (hier ohne Schild) hat sich über die Jahre zum Publikumsliebling gemausert.

(Bild: Mischa Scherrer)

Bunt ist die Show, gut das Essen, süffig der Wein, leicht das Programm. Leicht? Nun das auch wieder nicht. Denn die Parallelen zur aktuellen Situation des Broadway Variété sind unverkennbar. Etwa, als der Hotelbesitzer verkündet: «Wir versteigern nun unser Mobiliar! Was brauchen wir nicht mehr?», und der Direktor subito ruft: «Die Kultur!» Worauf sie sich daran machen, das Keyboard zu versteigern, das den Gast während des Abends mit angenehmer Barmusik versorgt. (Der Bassist konnte sich rechtzeitig genug aus dem Staub machen.)

Adamo, endlich!

Einige der Charaktere sind alte Vertraute, erscheinen sie doch in jedem Programm. So wird denn auch erleichtert aufgeatmet, als Adamo, die Schildkröte, herangepanzert kommt. Das Salatblatt wird flugs zum Feigenblatt umfunktioniert, kaum steht die Kröte ohne Schild da, während dieses zur Badewanne umgewandelt wird.

Und auch Laura Lippert, der man gebannt und etwas bemitleidend zusieht, wie sie, bloss am eigenen Haarzopf hängend, in der Luft schwebt, ist eine vertraute Figur. Überhaupt lehren die zahlreichen artistischen Darbietungen den Gast das Staunen. Etwa David Ayotte am Mast, der so ästhetisch und schwermütig turnt, dass einem das Herz wehtut.

Doch wenn auch im Broadway Variété an diesem Abend Tolles und Tollkühnes gezeigt wird, und wenn man hier sehr gut unterhalten wird, so kommt man nicht um das Gefühl herum, dass da schon mehr Power drin war. Vielleicht eine Spur mehr Spiellust? Sei dem, wie es ist: Ohne Broadway Variété wird der kulturelle Puls Zugs schwächer. Die Behördenkrake war stärker.

Das Ensemble des Broadway-Variete nach getaner Arbeit.

Das Ensemble des Broadway Variété nach getaner Arbeit.

(Bild: Mischa Scherrer/zvg)

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