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Vom potenziellen Opfer zur Täterin gestempelt
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Die Sex-Affäre aus der Zuger Politik wirft auch medial hohe Wellen.

Sex-Affäre in Zug Vom potenziellen Opfer zur Täterin gestempelt

4 min Lesezeit 1 Kommentar 31.12.2014, 13:59 Uhr

Die Affäre um die grüne Kantonsrätin Jolanda Spiess und SVP-Kantonalpräsident Markus Hürlimann bleibt in Zug das dominierende Thema. Doch was sich an diesem Tag genau abspielte, bleibt unklar. Die Darstellungen widersprechen sich. Dass die Affäre so hohe Wellen wirft, ist laut Betroffenen auch auf ein vergiftetes politisches Klima zurückzuführen.

Patrick Senn ist Krisenmanager der grünen Kantonsrätin Jolanda Spiess und arbeitete früher selbst als Journalist. Seit Tagen ist er nun damit beschäftigt, richtig zu stellen und Gerüchte übelster Art zu dementieren. Denn das mutmassliche Opfer eines Sexualdelikts wird seit Weihnachten zunehmend zur Täterin gestempelt.

Gerüchte statt Fakten

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zentral+ vermeldete am 23. Dezember, dass eine Zuger Politikerin nach der Landammann-Feier möglicherweise mit K.O.-Tropfen betäubt worden sei. Die Betroffene war dabei nicht identifizierbar. Der «Blick» identifizierte Markus Hürlimann und Jolanda Spiess am nächsten Tag mit vollem Namen und Foto (Hürlimann). «Alle Medienschaffenden müssen wissen, dass man vorsichtig sein sollte mit der Identifikation von Beschuldigten, für die die Unschuldsvermutung gilt. Über Schuld und Unschuld befindet einzig das Gericht. Die Namen eines mutmasslichen Opfers eines Sexualdelikts zu publizieren ist ein völliger Tabubruch», sagt Patrick Senn.

«Blick»-Chefredaktor René Lüchinger schreibt zentral+, dass man die Sache «nach allen Regeln der Kunst ausrecherchiert» habe. Bis zu Jolanda Spiess drangen seine Rechercheure offenbar nicht durch, sie wurde nicht kontaktiert.

Kurz darauf schreibt die «Zentralschweiz am Sonntag»: «Es funkte schon früher» und «Techtelmechtel an Präsidentenfeier». Die Rede ist von der Feier für den neuen Kantonsratspräsidenten Moritz Schmid (SVP) in Walchwil am Abend des 18. Dezember. Sie – Spiess und Hürlimann – «seien sich dort schon sehr nahe gekommen». Das hätten anwesende Kantonsräte berichtet.

«Wer etwas zu sagen hat, sollte mit seinem Namen dazu stehen.»
Patrick Senn, Krisenmanager von Jolanda Spiess

Doch offenbar hat die Geschichte einen Haken: «Jolanda Spiess war keine Sekunde an dieser Feier», bestätigt Patrick Senn eine gegenüber dem «Tages Anzeiger» gemachte Aussage. «Das hätte man mit einem einfachen Anruf bei uns klären können», sagt er. «20 Minuten», das die Geschichte übernommen hatte, habe die Sache inzwischen richtig gestellt und eine Stellungnahme abgedruckt. Der «Blick» hat die Geschichte immer noch online. Eine weitere These der «Blick»-Redaktion, dass seine Klientin schwanger sei, habe man noch rechtzeitig widerlegen können und das Gespräch mit den Journalisten gesucht.

Patrick Senn findet das Niveau der Berichte bedenklich. «Einiges, was da geschrieben wird, strotzt vor Sexismus.» Das spiegle sich in den Kommentarspalten der Online-Portale verschiedener Zeitungen wider. Dazu kommen Mails und Anrufer, die sich teilweise auf unterstem Niveau über Jolanda Spiess äusserten. «Wenn diese Kultur so weitergeht, wird sich in einigen Jahren niemand mehr finden, der sich für ein politisches Amt zur Verfügung stellt.»

Schaden für die Politik befürchtet

Vorwürfe richtet er auch an die Adresse der anonymen Zuger Politiker, die in den Medien zitiert werden. «Wer etwas zu sagen hat, sollte mit seinem Namen dazu stehen.» Der Kommunikationsberater stellt sich auch Fragen zum politischen Klima in Zug. «Ich habe in den letzten Tagen mit vielen Menschen Gespräche geführt und häufig gehört, dass halt das politische Klima in Zug vergiftet sei.»

Es werde offenbar versucht die Beteiligten zu verunglimpfen. Dass es nach der Landammann-Feier vom 20. Dezember zu Geschlechtsverkehr gekommen ist, scheint klar. Hürlimann spricht von einvernehmlichem Sex, Spiess kann sich an nichts mehr erinnern und hatte am nächsten Tag Schmerzen im Unterleib, worauf sie das Spital aufsuchte. Dort informierte man die Strafuntersuchungsbehörden.

Wie die Staatsanwaltschaft bereits verlauten liess, könnten die K.O.-Tropfen aber auch von jemand anderem als Hürlimann stammen. In der Bar des Restaurants Schiff in Zug seien, neben den rund 50 Politikern, weitere Personen anwesend gewesen. Wer könnte jedoch Interesse daran gehabt haben? Und mit welcher Motivation? Senn will nicht spekulieren: Man warte jetzt die Ergebnisse der laufenden Strafuntersuchung ab.

War Jolanda Spiess in Walchwil?

Jolanda Spiess hat kommuniziert, dass sie nicht an der Präsidentenfeier in Walchwil am 18. Dezember war und hat ihren detaillierten Tagesablauf offen gelegt (zentral+ berichtete). Dennoch hält der «Blick» an seiner Geschichte fest. zentral+ hat versucht das zu verifizieren und herauszufinden, wer die falsche Fährte für die Medien gelegt haben könnte. Die Organisatoren der Feier helfen nicht wirklich bei der Wahrheitsfindung. Tobias Hürlimann, Gemeindepräsident von Walchwil, der die Fäden der Feier in der Hand hatte, will keine Details bekannt geben. «Wir werden keine Informationen zu den Anmeldungen und zur Sitzordnung veröffentlichen. Ich hoffe auf Ihr Verständnis», schreibt er zentral+.

Auch eine Telefonumfrage bei Zuger Kantonsräten verschiedener Parteien ergibt: Niemand will Jolanda Spiess gesehen haben. Und selbst wenn sie dort gewesen wäre, hätte man Mühe gehabt, sie zu entdecken, angesichts der vielen Gäste. Doch schlussendlich findet sich doch noch ein SVP-Parlamentarier, welcher einmal mehr anonym sagt: «Nach meiner Erinnerung habe ich sie gesehen. Sie sass am selben Tisch wie auch der grosse Polizist, der uns jeweils bewacht.»

«Traurige Angelegenheit»

Ein anderer SVP-Kantonsrat, Jürg Messmer, steht mit Namen zu seiner Meinungsäusserung. Er findet die Vorkommnisse an der Landammann-Feier in Zug «eine traurige Angelegenheit», bei der es nur Verlierer gebe. Wenn es keine öffentliche Feier gewesen wäre, wäre es auch kein Thema gewesen. Dann doch noch ein Seitenhieb: «Man müsste eigentlich schon meinen, dass man als Person von öffentlichem Interesse wissen sollte, was sich gehört.»

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1 Kommentare
  1. Eric Sigrist, 31.12.2014, 18:32 Uhr

    Das scheint mir alles zu konstruiert. Da gibt es nur Verlierer. Der Mann kommt von Gesetzeswegen schlechter weg.