Umwelt
Klimagrosseltern gehen nicht nur ganz legale Wege

Wenn das Grosi plötzlich Klima-Transparente bastelt

Die Klimagrosseltern meinen es ernst: Es brauche ein gesellschaftliches Umdenken, sonst werde es bald ungemütlich auf dieser Welt. (Bild: wia)

Seit zwei Jahren sieht man auf Luzerns Strassen nicht nur Junge für den Klimaschutz demonstrieren, sondern auch einige Senioren. Die Klimagrosseltern Zentralschweiz kleben sich zwar nicht auf die Strasse. Vor (leicht) illegalen Aktionen scheuen sie jedoch nicht zurück. Und auf die Strasse kleben?

«Wir müssen die CO2-Kurve unbedingt auf null herunterbringen. Wenn wir nichts machen, dann ist bald Feierabend», sagt Jeannine Miserez. Von links und rechts erntet die Luzernerin eifriges Kopfnicken. Am runden Tisch im Café des Luzerner Kunstmuseums sitzen nicht etwa Mitglieder der Klimajugend. Zum Interview haben sich vier Vorstandsmitglieder der sogenannten Klimagrosseltern Zentralschweiz eingefunden.

Ihre Voten sind jedoch mindestens genauso drängend wie jene der jungen Klimaschützerinnen, ihre Haltung ist kämpferisch. Rasch spürt man, dass sie viel Energie in die Sache stecken. Und das, obwohl die Anwesenden allesamt über 70 sind und sich die meisten von ihnen schon seit Jahrzehnten für den Umweltschutz einsetzen.

Seit 50 Jahren an Demos anzutreffen

Jean Berner etwa, der in den 80ern bereits gegen AKWs demonstrierte und lang Mitglied von «Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz» war. Oder Gabriela Rinderknecht, die sich aufgrund des damals geplanten AKWs Kaiseraugst in den 70ern politisch zu engagieren begonnen hat. «Ich war damals mit dem zweiten Kind schwanger. Leute kamen auf mich zu, sagten: ‹Dass du dich traust, noch ein Kind in diese Welt zu setzen!›» Und das, obwohl die Weltlage damals längst nicht so existenziell bedroht gewesen sei wie heute.

Miserez ergänzt: «Ich lebte damals in einer Hausgemeinschaft. Zwei männliche Mitbewohner hatten sich unterbinden lassen, da auch sie fanden, es sei eine Zumutung, Kinder zu haben.» Auch sie war damals öfters an Friedensdemos anzutreffen. Richtig aufgerüttelt worden sei sie jedoch, als ihr ihr Sohn vor einigen Jahren die ewig steigende CO2-Kurve gezeigt habe. Bei den Klimagrosseltern findet sie Gleichgesinnte.

«1972 war der Begriff noch ein Unikum, das nur im Fachgebiet der Forstwirtschaft gebraucht wurde.»

Max Kläy, Vorstand Klimagrosseltern

Max Kläy kam bereits im Forstwirtschaft-Studium 1972 mit dem Thema Nachhaltigkeit in Berührung. «Damals war der Begriff noch ein Unikum, das nur in diesem Fachgebiet gebraucht wurde.» Auch die Ökologie war Teil des Studiums. «Schon damals wurde mir bewusst, dass der Mensch Raubbau an der Natur begeht. Erst später wurde das Waldsterben zum Thema.»

Aufs Alter hin zurücklehnen? Von wegen

Dass die Situation heute viel drängender sei als noch vor 40 Jahren, sind sich alle einig. «Der CO2-Ausstoss ist ein Problem, das potenziell tödlich ist», fasst Kläy knapp und unverblümt zusammen. «Die Temperatur steigt viel zu schnell an, als dass sich unsere Spezies anpassen könnte.»

Dennoch. Mit den drohenden Problemen werden sich die Mitglieder der Klimagrosseltern nur noch bedingt auseinandersetzen müssen. Sich aufs Alter hin zurücklehnen respektive zu resignieren, kommt für sie jedoch überhaupt nicht infrage.

«Es ist frustrierend, mit wie wenigen ich über das Thema reden kann.»

Jeannine Miserez

Gabriela Rinderknecht dazu: «Unsere Generation hat der Gesellschaft die aktuellen Probleme mit dem immerwährenden Streben nach mehr Wohlstand eingebrockt. Die Jungen müssen diese Probleme nun ausbaden. Das ist nicht richtig.» Es sei höchste Zeit, sich für den Umweltschutz einzusetzen. Das nicht zu tun, wäre für die Luzernerin undenkbar. «Hier, im Kreise der Klimagrosseltern, kann ich über dieses Thema sprechen und werde verstanden. In meinem Umfeld treffe ich hingegen oft auf Unverständnis.» Sie blickt um sich, sagt: «Ich brauche unbedingt Leute wie euch um mich herum.»

Miserez ergänzt: «Es ist frustrierend, mit wie wenigen ich darüber reden kann. Sogar im Schweizer Alpen-Club SAC, in dem ich Mitglied bin, spüre ich nur wenig Besorgnis.»

Die Mitteilungen der Klimagrosseltern sind unmissverständlich. (Bild: zvg)

Ein sicherer Hafen unter Gleichgesinnten

Ihr Gedankengut teilen die Klimagrosseltern nicht nur untereinander, im sicheren Hafen unter Gleichgesinnten. An den Klimademos ist die Gruppe jeweils mit dabei. «Die Klimagrosseltern Schweiz sind mit Greta erwacht», sagt Kläy. Und weiter: «Wobei es seit einiger Zeit, gerade in Luzern, deutlich ruhiger geworden ist um die Klimajugend.»

Dies insbesondere, als sich die Lebensumstände der Engagierten verändert haben. Sie zogen um, wurden vom Studium vereinnahmt. Aber auch, weil durch Corona und den Ukrainekrieg andere Themen in den Fokus der Gesellschaft gerieten.

Selber organisieren die Klimagrosseltern Zentralschweiz keine Demonstrationen. «Wir fürchten, das bringt noch wenig», sagt Miserez.

Rund 50 Mitglieder zählt der Verein Klimagrosseltern Zentralschweiz. Wachsen tut er nur langsam. (Bild: zvg)

Sie kleben sich nicht auf die Strasse

Sich fürs Klima auf die Strasse kleben ist ebenfalls nicht unbedingt im Sinne des Vereins. «In unseren Statuten ist klar verankert, dass wir keine Sachbeschädigung begehen und die öffentliche Ordnung einigermassen einhalten», so Berner. Kläy ergänzt: «Jeder hat diesbezüglich seine eigene Haltung. Wenn nun ein Individuum unseres Vereins eine solche Aktion gut findet und mitmacht, ist das ok. Wir als Organisation stehen jedoch nicht dahinter.»

Trotzdem sind die Aktionen der Klimagrosseltern nicht immer ganz legal. Die Mitglieder schmunzeln, als sie von einer – gescheiterten – Nachtaktion vor einigen Monaten reden (zentralplus berichtete). In Dreiergruppen schlichen einige von ihnen mit insgesamt 60 beschriebenen Wimpeln um 2 Uhr früh durch die Stadt. Auf diesen zu lesen Sprüche wie: «Die Natur braucht den Menschen nicht» oder «You want a hot date not a hot planet». «Wir wollten die Sprüche in der ganzen Stadt aufhängen. Unsere Gruppe kam jedoch ziemlich bald mit der Polizei in Berührung», erzählt Miserez.

Nächtliche Diskussionen mit der Polizei

«Wir haben mit dieser diskutiert, denn wir wollten uns zumindest ausbedingen, die Wimpel bis am Morgen hängenlassen zu dürfen.» Mit dieser Forderung sei man jedoch gescheitert, «auch wenn sich die Polizisten erstaunlich verständnisvoll zeigten». Und weiter: «Als wir erklärten, wir möchten die hängenden Fahnen noch gern fotografieren, wiesen die Beamten darauf hin, dass wir damit ja unser Delikt belegen würden. Aber das war es ja eben, was wir wollten!»

Vor genau zwei Jahren wurden die Klimagrosseltern Zentralschweiz gegründet. Leserbriefe, Zettel-Verteilaktionen, selbst eine Medienmitteilung zur gescheiterten Nachtaktion hätten jedoch bisher wenig gebracht. «Wir möchten mehr Mitglieder für unser Anliegen gewinnen. Aber wie?», fragt Berner in die Runde. «Von uns ist niemand auf den sozialen Medien.»

Jean Berner während der Nacht-und-Nebel-Aktion. (Bild: zvg)

Ausgerüstet mit Bannern, Hüten und Shirts

Miserez überlegt kurz und sagt dann: «Mir ist es wichtig zu betonen, dass wir nicht nur Weltuntergangsstimmung verbreiten möchten. Wir wollen auch Konstruktives vermitteln, auch mit Humor.»

Was sie meint, wird klar, als die vier Klimagrosseltern vor dem KKL mit ihren Bannern und ihren Spruch-Überzügen für ein Foto posieren. «Klimakrise Lösung: Chemmeribodenbad statt Trinidad» steht da etwa, daneben ein durchgestrichenes Flugzeug.

Kaum ist das kurze Fotoshooting vorbei, fährt die Polizei langsam an den vier Klimagrosseltern vorbei. Die Aufmerksamkeit der Beamten scheint die Gruppe jedenfalls schon zu haben.

Verwendete Quellen
  • Treffen mit Vertretern der Klimagrosseltern Zentralschweiz
  • Website der Klimagrosseltern
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.