Streichmusik zwischen Emailwerken und Backöfen
  • Kultur
  • Rezension
David Schnee an der Bratsche und Sebastian Braun am Cello (Bild: Laura Livers)

Kaleidoscope String Quartet spielte in Zug Streichmusik zwischen Emailwerken und Backöfen

3 min Lesezeit 27.11.2016, 16:51 Uhr

Kurz bevor das Casino Zug seine Hauptzwischennutzung der Saison in der Hofstrasse 15 bezieht, lud der TMZ zu einem ganz besonderen Konzert. In einer einmaligen Zusammenarbeit öffnete die V-Zug ihre Tore zur neuen Produktionsstätte und bot den Zuhörern einen intimen Einblick in die Musik des Kaleidoscope String Quartet.

Treffpunkt Zugorama. Im hellen Foyer, welches normalerweise nur Unternehmer zu Gesicht bekommen, versammelten sich am Samstagabend knapp hundert, chic gekleidete Konzertgänger. Auf dem Programm steht das Kaleidoscope String Quartet. Als geschlossene Gruppe wird das Publikum vom Marketingchef der V-Zug durch die Innereien der neuen Produktionsstätte geführt. Es sei nicht empfohlen, Sachen anzufassen, erklärte er im Vorfeld. Die Produktionshalle sei bereits in Betrieb und er könne nicht garantieren, dass man sich an einer scharfen Kante nicht schneidet. Im Gänsemarsch ziehen wir vorbei an Emailwerken, Backöfen, Jungheinrichen und Geschirrspülern, durch Schleusentüren hindurch bis wir plötzlich in der grossen Halle landen, vor der kleinen Bühne, auf der fünf Stühle bereitstehen.

Und dann beginnt das Konzert von Kaleidoscope String Quartet.

«Halten uns nicht an Strömungen»

Im vorangegangenen Künstlergespräch philosophiert Annelis Berger von «SRF 2 Kultur» über die Vor- und Nachteile von spartenfremden Musikstilen, deren Begrifflichkeit oft unklar ist. «Wir bezeichnen unsere Musik selbst als Indie Classical, abgelehnt an Indie Pop», erklärt Simon Heggendorn, der erste Geiger und Gründungsmitglied. «Also Independent Classical Music, die sich nicht an Strömungen hält.»

Tatsächlich reiht sich das KSQ musikalisch in die vornehmlich amerikanische Streichquartett-Tradition der Moderne ein. Streichquartette wie das Kronos Quartet oder Turtle Island, die sich auf die Grauzone zwischen zeitgenössischer Klassik und Jazz, anspruchsvoller Popmusik und World Music spezialisieren, sind bereits seit Jahrzehnten darum bemüht, die Vorstellung eines Streichquartetts zu revolutionieren und endgültig aus der abendländischen Klassiktradition zu lösen.

Die Musiker im Gespräch mit Annelis Berger

Die Musiker im Gespräch mit Annelis Berger

(Bild: Laura Livers)

Potenzial voll ausgeschöpft

Das Repertoire vom Kaleidoscope String Quartet, zu einem Grossteil Eigenkompositionen von Simon Heggendorn (vl) und David Schnee (va), klingen dementsprechend auch wie eine Mischung aus Steve Reich und süffigem Worldjazz, mit ihren Polyrhythmen, der Auflösung der Funktionsharmonik und dem Hang, immer wieder aus dem Viervierteltakt auszubrechen. Bei aller Komplexität hört man aber bereits ab dem ersten Stück, dass diese Musik vor allem eine Aufgabe hat: Das Spielpotenzial eines Streichquartetts voll auszuschöpfen und gleichzeitig voll für den Zuschauer zu spielen. Die Kompositionen sind gespickt mit homorhythmischen Kadenzen, sich überlagernden Pattern, seufzenden Melodien und unerbittlichen Scratch-Effekten. Manchmal wird bluesig improvisiert und im nächsten Stück imitieren die Musiker rückwärtsabgespielte Töne.

In dem Sinne hätte es das KSQ an diesem Samstagabend nicht besser treffen können. In dieser riesigen Fabrikhalle, in der sich jedes Räuspern wie eine Hustenattacke anhört, blieb dem Publikum nichts anderes übrig, als stocksteif auf ihren Stühlen zu sitzen und so in den vollen Genuss dieses Konzerts zu kommen. Jeder Atemzug, jedes Fusswippen, jedes Kratzgeräusch des Bogens und jede Berührung der Saiten war zu hören. Also all jene Geräusche, welche bei Aufnahmen minutiös retouchiert werden. Diese zweite Geräuschkulisse erweckte den Eindruck, dass man sich wie in einem intimen Wohnzimmerkonzert fühlte.

Kaleidoscope String Quartet in der neuen Produktionshalle der V-Zug

Kaleidoscope String Quartet in der neuen Produktionshalle der V-Zug

(Bild: Laura Livers)

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