Regionales Leben
Am Krabbelkonzert erstmals im «Ausgang»

Babys entdecken das Luzerner Theater

Am Samstag feierte das erste Krabbelkonzert Premiere. 30 Babys und Kleinkinder «trafen» sich im Luzerner Theater. Ein grosses Geschrei? Von wegen! zentralplus hat reingehört.

Samstag, 10 Uhr, Theaterplatz Luzern. Die Wolken hängen tief, während die ersten Leute an den Marktständen stehen. Andere suchen vor dem Theatereingang Schutz vor dem Regen. Es ist ein Tag zum Daheimbleiben.

Doch was macht man, wenn man ein Kleinkind hat oder wenn man zugesagt hat, seine Nichte zu hüten? Dann kann das Wetter kein Grund sein, zu Hause zu bleiben. Und so stehe ich gut eingepackt zwischen Kinderwagen und ebenso gut eingepackten Babys und Kindern vor dem Luzerner Theater.

Dass das hier der Ort für Kleinkinder sein würde, konnte ich mir zuerst nicht vorstellen. Und dann gleich ein Konzert? Nicht mit den Kindern, die ich ab und an zu unterhalten versuche. Doch die Ankündigung des ersten Krabbelkonzerts im Luzerner Theater hat nicht nur mich neugierig gemacht (zentralplus berichtete).

Das Foyer, in dem ein grosser weicher lila Teppich ausgebreitet ist, ist rappelvoll mit Eltern, Grosseltern, Kindern, Babys und Begleitpersonen.

Für einige Babys ist es der erste «Ausgang»

Und so trägt hier auch niemand Anzug oder Kleid, sondern Jogginghose und Pullover. Auch die Schuhe werden ausgezogen, in Schälchen stehen Reisswaffeln bereit und die Kaffeemaschine läuft auf Hochtouren. Der Krabbelteppich ist ein Blickfang: Im lilafarbigen Teppich sind pinke Polsterteile und lila Fellstücke eingearbeitet. Darauf verteilt sind leichte, silberne Kugeln.

Die verschiedenen Kugeln faszinierten die Babys.
Die verschiedenen Kugeln faszinierten die Babys. (Bild: Ingo Höhn)

Wo zu Beginn noch zwei Babys über den leuchtend farbigen Teppich krabbelten, finden sich eine Viertelstunde später schon fast 30 Kinder zwischen drei Monaten und zwei Jahren, die sich von den grossen silbernen Kugeln faszinieren lassen.

Für die meisten ist es der erste Theaterbesuch, der erste Konzertbesuch oder sogar die erste Veranstaltung überhaupt. Und so verkriechen sich einige Kinder zu Beginn auch noch lieber in den Armen des Vaters und dösen weiter. Andere krabbeln schon auf dem Teppich umher oder entdecken die verschiedenen Stoffe des Teppichs.

«Für uns ist es wichtig, dass die Leute wissen, dass das Theater offen ist. Und dass es hier, wo am Abend Cüpli getrunken werden, tagsüber voller Kinder ist.»

Teresa Rotemberg, Initiantin des Krabbelkonzerts

Und dann ertönen die ersten Kontrabasstöne: Die Babys schauen gespannt. Danach erklingt die Stimme der Luzerner Stimmkünstlerin Isa Wiss. Sie beginnt mit einem Herbstlied, das passender nicht sein könnte. Sie geht auf die Kinder ein, interagiert, spielt mit ihnen und nimmt ihre Reaktionen auf.

Eine willkommene Abwechslung vom Betreuungsalltag

Initiiert hat die Konzertreihe die neue Leiterin der ebenfalls neuen Sparte «Junges Luzerner Theater», Teresa Rotemberg. Der Argentinierin ist das Projekt ein grosses Anliegen. Sie will das Theater für Familien öffnen. Besonders frische Eltern hätten wenig Zeit, sich um ein Programm zu kümmern, sagt sie.

Das Theater wolle den Familien damit entgegenkommen. Für die Eltern sei diese Veranstaltung eine willkommene Zäsur in einem anspruchsvollen Betreuungsalltag, erklärt Rotemberg. «Für uns ist es wichtig, dass die Leute wissen, dass das Theater offen ist. Und dass es hier, wo am Abend Cüpli getrunken werden, tagsüber voller Kinder ist», sagt Rotemberg.

Kontrabassist Luca Sisera und Künstlerin Isa Wiss spielten und sangen eine Variation von Kinder- und Schlafliedern.
Kontrabassist Luca Sisera und Künstlerin Isa Wiss spielten und sangen eine Variation von Kinder- und Schlafliedern. (Bild: Ingo Höhn)

Die Erwachsenen haben sich unterdessen in einen Kreis um den Teppich herum gesetzt – so können die Kinder, die schon laufen, nicht die Treppe hinabstürzen und fallen höchstens müde ihrer Begleitperson in den Schoss. Das wünsche ich mir als Erwachsene auch ab und zu.

Doch auch als Zuschauerin fühlt sich das halbstündige Konzert von Musiker Luca Sisera und Künstlerin Isa Wiss wie eine Kopfmassage an. Isa Wiss singt nämlich eine Variation von Kinder- und Schlafliedern aus Europa, Afrika und Amerika. Mal rhythmisch, mal ruhig. Dazu das Zupfen der Basssaiten von Luca Sisera. Und immer die staunenden, lachenden, fragenden oder müden Gesichter der kleinen Kinder auf dem farbigen Teppich. Das ist Entspannung pur.

Luzerner Theater probiert neues Kinderformat aus

Dieses erste Krabbelkonzert ist aber erst der Anfang. Das Luzerner Theater möchte mit dieser ersten Reihe von Krabbelkonzerten Eltern einladen, ihr Kind als Patenbaby anzumelden. Damit können Babys bis sechs Jahre mit einer Begleitperson Kinderveranstaltungen umsonst besuchen. Und das haben auch schon einige getan oder füllen nach dem Konzert den Anmeldebogen aus. Einige der nächsten Krabbelkonzerte sind bereits voll.

Nach dem Konzert bleibt rund die Hälfte der Betreuungspersonen und Kinder sitzen. Die entspannte Stimmung spüre ich durch den ganzen Raum. Eltern kommen ins Gespräch, Kinder fühlen sich wohl und verstehen nicht ganz, wieso einige Leute wieder gehen. Ich spreche mit einem Vater, der mir erzählt, dass er zufällig am Theaterfestival von der Veranstaltung erfahren habe.

Im Foyer wurde ein grosser weicher lila Teppich ausgebreitet, an dme sich Eltern, Grosseltern, Kinder, Babys und Begleitpersonen trafen.
Im Foyer wurde ein grosser weicher lila Teppich ausgebreitet, an dme sich Eltern, Grosseltern, Kinder, Babys und Begleitpersonen trafen. (Bild: Ingo Höhn)

Genau so ging es einer Mutter, die mit ihrer rund einjährigen Tochter hier ist. Eine Freundin hatte sie eingeladen, konnte dann aber selbst nicht mitkommen. Sie spricht hauptsächlich Spanisch und kannte das Theater zuvor nicht. Sie wolle aber unbedingt wieder herkommen: «Es hat uns sehr gefallen. Für uns ist Musik Leben.»

Nach dem Gespräch mit der Mutter hat sich das Foyer fast geleert. Mir fällt es trotzdem schwer zu gehen. Am liebsten würde ich mich auch noch eine Weile auf den Teppich legen und den Kontrabasstönen zuhören. Doch dieser lilafarbige Teppich ist jetzt das Gebiet der Krabbelnden. Ich lege mich etwas später zu Hause auf den Teppich und setze die Kopfhörer auf.

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