Politik
Vor der Abstimmung zum Stadttunnel

«Zug wird für Gewerbetreibende unattraktiv»

Der Stadttunnel soll unter anderem an der Neugasse in Zug für Entlastung sorgen. Wie reagiert das Gewerbe? (Bild: pbu)

In zwei Monaten wird in Zug über den Bau des Stadttunnels abgestimmt. Der Abstimmungskampf ist längst lanciert und schwappt jetzt auch aufs Gewerbe über. Dort sorgen indes nicht nur die immensen Baukosten für Diskussionen.

Nachdem der Zuger Kantonsrat Ende Februar beschlossen hat, das Schicksal des Stadttunnels dem Volk in die Hände zu legen, ist nun Wahlkampf angesagt (zentral+ berichtete). Die Parteien haben ihre Parolen gefasst, Verbände und Quartiervereine haben sich positioniert. Wie aber sieht die Stimmung in den Geschäften aus? Welche Ängste und Hoffnungen werden von Geschäftsinhabern mit dem Bauvorhaben in Verbindung gebracht?

Ein erster Beleg dafür, dass der Wahlkampf auch im Gewerbe Einzug gehalten hat, findet sich – in Form einer Broschüre – schon nach kurzer Suche. «Genau hinschauen beim Stadttunnel-Projekt», mahnt ein entsprechendes Schriftstück, für dessen Existenz das parteiunabhängige Komitee «Stadttunnel – Nein Danke» verantwortlich zeichnet.

«Mit Kanonen auf Spatzen schiessen»

Eines der Geschäfte, in welchem jene Broschüre prominent aufliegt, ist die Buchhandlung Schmidgasse an namensgleicher Strasse im Vorstadtquartier. Deren Inhaberin, Susanne Giger, nutzt die Broschüre, um Ihren persönlichen Standpunkt unmissverständlich klar zu machen.

«Der Standort Zug wird für Gewerbetreibende unattraktiv.»

Susanne Giger, Inhaberin Buchhandlung Schmidgasse

Zu hohe Kosten, zu geringer Nutzen, Problemverschiebung und bauliche Fragen seien hinreichende Gründe, um sich gegen das Projekt auszusprechen.

«Das Bauvorhaben ist ein überdimensionierter Lösungsvorschlag für ein Problem, welches, wenn überhaupt, nur in geringem Masse besteht. Man will mit Kanonen auf Spatzen schiessen», echauffiert sich Susanne Giger. Mobilitätsbelange müssten grundsätzlich anders angegangen werden, eine innovative und zukunftsträchtige Verkehrsplanung sei gefragt.

Nachteil für das Gewerbe

Umgestaltung der Zuger Innenstadt

Bahnhof, Postplatz, Casino – geht es nach den Befürwortern des Stadttunnels, steht die gesamte Zuger Innenstadt vor einer umfassenden Umgestaltung. Der geplante Tunnel soll nicht bloss den städtischen Verkehrsfluss optimieren, sondern zugleich die Gebiete Bahnhof/Vorstadt, Neu- und Altstadt aufwerten und diese gezielt erschliessen. ZentrumPlus nennt sich das Projekt. Ein Plus an Attraktivität? Plus im Sinne einer Standortoptimierung? Oder ein Plus im Sinne einer Kostensteigerung für städtische Gewerbetreibende?

Ausserdem stelle der Stadttunnel für das Gewerbe im betroffenen Gebiet mitnichten einen Mehrwert dar, meint die Buchhändlerin weiter. «Es würde Schaden davontragen, nicht in erster Linie durch das Ausbleiben auswärtiger Kundschaft, sondern vor allem durch die Aufwertung des entsprechenden Stadtteils.»

Das ZentrumPlus würde zu einem Anstieg der Mieten führen, ist Susanne Giger überzeugt. «Der Standort Zug wird für Gewerbetreibende unattraktiv, darunter leidet die Vielfalt, weil sich insbesondere junge Gewerbewillige die hohen Mietpreise nicht mehr leisten können.» Ein Plus an Attraktivität, ein Minus für den Gewerbestandort.

Nach mathematischer Regel resultiert daraus ein Minus – auch für Einwohner und Besucher der Stadt Zug, welche, so Giger, infolge der negativen Auswirkungen auf das Gewerbe ebenfalls Attraktivitätseinbussen in Kauf nehmen müssten. Ein ZentrumPlus ohne Gewerbevielfalt sei keine attraktive Vorstellung, sagt die Buchhändlerin.

Problemverschiebung

Abgesehen davon, dass die kurzen Staus zu Stosszeiten für die Stadt Zug grundsätzlich ein eher marginales Problem darstellten, würde der Verkehr durch den Stadttunnel nicht reduziert. Er würde vielmehr bloss in die Aussenquartiere umgewälzt werden, sagt Giger. Das sei eine Problemverschiebung in den Umkreis des Stadtzentrums.

«Das ist keine zeitgemässe Lösung für das Mobilitätsproblem. Die Befürworter wählen den falschen Ansatz. Auch die Verkehrsteilnehmer stehen in der Pflicht und müssen umdenken», propagiert Giger. Zudem dürfe der ÖV nicht durch Sparmassnahmen beeinträchtigt, sondern müsse gestärkt und ausgebaut werden.

Ein Projekt für die Zukunft

Eine solch geballte Ladung Kritik gegenüber dem Tunnelprojekt verlangt nach einer Gegenstimme. Eine davon ist Walter Speck, Mitinhaber der Confiserie Café Speck und Co-Präsident des überparteilichen Komitees ZentrumPlus. Er setzt sich für ein Ja zum Stadttunnel ein. Die Argumente der Gegner lässt er nicht gelten: «Der Stadttunnel ist ein zukunftsorientiertes Projekt, da es ihn auch in Zukunft brauchen wird.»

«Der Detailhandel funktioniert dort, wo Menschen sich wohlfühlen.»

Walter Speck, Mitinhaber Confiserie Café Speck

Angestrebt werde ein möglichst verkehrsarmes Stadtzentrum mit Platz für den Langsamverkehr. Es spiele keine Rolle, wie die Fahrzeuge in Zukunft angetrieben werden oder ob die Fahrzeugauslastung mittels begrüssenswerten Carsharings verbessert würde – um das Stadtzentrum vom Durchgangsverkehr, der auch zukünftig bestehen würde, zu entlasten, sei der Bau des Tunnels unumgänglich, ist Speck überzeugt.

Vorteil für das Gewerbe

Der Cafetier sieht Vorteile und Chancen für das städtische Gewerbe, denn nur an Orten, an denen sich die Menschen wohlfühlten, könne der Detailhandel funktionieren. Das beziehe sich auch auf Geschäfte, die ums Überleben kämpfen. «Es wäre toll, wenn die Stadt mit dem ZentrumPlus so attraktiv würde, dass wieder neue Verkaufsflächen geschaffen werden und die bestehenden Läden ihre Umsätze steigern könnten.»

Speck prophezeit einen markanten Anstieg der Aufenthaltsqualität in der Stadt, was mit einer längeren Verweildauer der Besucher in Zug einherginge. «Sollten bestehende Geschäfte verdrängt werden, ist dies für die Betroffenen sicher unschön, es ist aber auch ein gewisser Qualitätsnachweis für die Stadt.»

Walter Speck koppelt ein Ja zum Stadttunnel an folgende Ergebnisse: verbesserte Erreichbarkeit durch ein zielgerichtetes Verkehrssystem, erhöhte Standortattraktivität durch gesteigerte Sicherheit und Sauberkeit sowie eine damit einhergehende Qualitätssteigerung für Kultur und Tourismus.

Der Nutzen rechtfertigt die Kosten

Denjenigen Gegnern des Projekts, die befürchten, dass die Zuger Innenstadt zu einer Hochpreisinsel wird, hält Speck ein anderes Szenario entgegen. Man könne davon ausgehen, dass die Nachfrage nach Ladenlokalitäten künftig infolge einer Zunahme des Onlinehandels sinken werde.

«Wenn man die Steigerungsraten im Onlinehandel anschaut, kann es auch sein, dass eine gegenteilige Entwicklung in den nächsten Jahren stattfinden wird und die Vermieter froh sein werden, wenn sie Mieter finden.» Das Ergebnis wären günstige Ladenlokale an einem attraktiven Standort.

Angesprochen auf die Kosten des Bauvorhabens, meint Speck: «Günstig ist das Projekt sicher nicht. Der vorgesehene Kostenverteiler ist aber fair und überzeugt.» Dies vor allem deshalb, wie er betont, weil zwei Drittel der Kosten mit der temporären Erhöhung der Motorfahrzeugsteuer und der Entnahme aus dem Strassenfonds gedeckt würden.

Abstimmung im Juni

Noch haben beide Seiten etwas Zeit, die Bevölkerung von ihren Ansichten zu überzeugen. Die Argumente stehen, doch Unklarheiten bleiben. Insbesondere die Auswirkungen vom geplanten ZentrumPlus auf das städtische Geschäftsleben scheinen schwer kalkulierbar zu sein, was die ambivalente Stimmung im Gewerbe widerspiegelt. Bliebe das Plus ein Plus in jeder Hinsicht, oder würde dessen Vertikale bröckeln und in bestimmten Belangen ein Minus zurücklassen? Das letzte Wort haben die Zuger.

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