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No Billag: No Schweizer Film, No Luzerner Tatort …
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Im Luzerner Filmschaffen formiert sich Widerstand gegen No Billag.   (Bild: Montage jav)

Luzerner Film- und Fernsehschaffende in Sorge No Billag: No Schweizer Film, No Luzerner Tatort …

7 min Lesezeit 3 Kommentare 18.11.2017, 13:32 Uhr

Die No-Billag-Initiative greift die SRG frontal an. Und damit alle, die heute in irgendeiner Weise vom Billag-Topf profitieren. Dazu gehören auch Luzerner Film- und Fernsehschaffende. Wie ist die Stimmung bei Dominic Deville, Stefan Gubser und Co.?

Die Initiative No Billag polarisiert. Schon Monate vor der Abstimmung kochen die Emotionen hoch und Befürworter und Gegner schenken sich nichts. Besonders Schweizer Musiker und Schauspieler treten nun an die Öffentlichkeit. Denn nicht nur Radio und Fernsehsender, auch das schweizerische Musik- und Filmschaffen wäre bei einer Annahme der Initiative betroffen. zentralplus hat in Luzern nachgefragt.

Ohne Billag keine Schweizer Kinohits?

Thema ist die No-Billag-Initiative auch in Luzern bei den erfolgreichen Filmproduzenten Lukas Hobi und Reto Schärli, welche mit Zodiac Pictures regelmässig Schweizer Kinofilme produzieren. Mit «Die göttliche Ordnung» haben sie dieses Jahr erneut einen Schweizer Kinohit geschaffen, der über 340’000 Zuschauer in die Säle gelockt und sich damit unter den zehn erfolgreichsten Schweizer Filmen aller Zeiten platziert hat.

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Lukas Hobi bestätigt auf Anfrage, dass eine grosse Angst bei Filmschaffenden vorhanden ist. «Wir wären von einer Streichung der Billag stark betroffen. Wie es weitergehen würde, wäre bei einer Annahme fraglich.»

«Das ist Kulturgut. Schweizer Filme sind auch Zeitdokumente.»
Lukas Hobi, Filmproduzent Zodiac Pictures

«Schweizer Kinofilme wie ‹Achtung, fertig Charlie›, ‹Heidi› oder aktuell auch ‹Die göttliche Ordnung› hätten wir ohne Unterstützung der SRG nicht produzieren können», betont der Filmproduzent. Auch Serien wie der Luzerner «Tatort», «Der Bestatter», «Wilder» oder Fernsehfilme wie «Gotthard» würden nicht mehr produziert. «Das ist Kulturgut. Schweizer Filme sind auch Zeitdokumente», so Hobi energisch.

9 Millionen Franken investiert die SRG jährlich in die Schweizer Kinolandschaft. Denn Spielfilme sind richtig teuer. 550’000 Franken und damit 20 Prozent des Budgets von «Die göttliche Ordnung» stammten aus dem Billag-Topf. «Doch für den Erfolg des Films war nicht nur dieser Betrag wichtig», so Hobi. Das SRF habe auch Werbeblöcke im Gegenwert von mehreren Hunderttausend Franken für die Bewerbung des Kinohits zur Verfügung gestellt. «Ohne Billag wäre ‹Die göttliche Ordnung› ein Film mit Landschaftsaufnahmen und einigen Requisiten», so der Filmproduzent. Schauspieler, Statisten und Stuntleute hätten nicht bezahlt werden können.

Manipulation durch Privatisierung

Es gehe bei der Initiative nicht nur um die direkten Angestellten der SRG und SRF. «Die Existenz von Hunderten, wenn nicht Tausenden Filmschaffenden in der Schweiz ist mitbedroht», so Hobi. Er gehe davon aus, dass viele Regisseure oder Schauspieler ins Ausland abwandern würden. Doch für ihn als Produzent sei das keine Option. «Wir machen Filme für das Publikum, das wir kennen.»

«Ich würde mich zum ersten Mal wirklich schämen, Schweizer zu sein.»
Dominic Deville, Komiker

Auch aus politischer Sicht sei er gegen die Initiative, erklärt Hobi: «Die Abschaffung der SRG ist ein Angriff auf unsere Demokratie.» Eine Privatisierung des Journalismus sei eine gefährliche Entwicklung, deren Auswirkungen man in einigen Ländern ohne freie Medien beobachten könne. «Ohne wirtschaftliche oder politische Motivation wird kein Privater einen Film oder einen Fernsehsender finanzieren.» Eine Manipulation des Publikums über die Einflussnahme der Geldgeber auf Inhalte oder Produktplatzierungen sei vorprogrammiert.

Die Schweiz sei als Markt zu klein, als dass Grosskonzerne wie Netflix in hiesiges Filmschaffen investieren würden. So fliesse alles Geld, das Schweizer für Netflix-Abos bezahlen, direkt in die USA. «SRG-Gelder hingegen bleiben hier im Land und werden in Produktionen investiert, welche Themen und Geschichten aufgreifen, die für die Schweiz wichtig und spannend sind.» 

Dominic Deville: Schockiert über Unwissen

Der Luzerner Komiker Dominic Deville moderiert seit 2016 seine eigene Late-Night-Show auf SRF 1. Diese würde er bei einer Annahme der Initiative verlieren. «Es gibt Tragischeres für mich», sagt er gerade heraus. Er könne gut und gerne von seinen Bühnenaktivitäten leben. «Viel schlimmer jedoch wäre, dass ich mich in diesem Land nicht mehr wohlfühlen würde. Was schaffen wir als Nächstes ab? Bildungssteuer? Krankenhäuser? Ich würde mich zum ersten Mal wirklich schämen, Schweizer zu sein», so Deville.

Seine Ablehnung der No-Billag-Initiative habe nichts damit zu tun, dass er für SRF tätig ist. «Sondern dass ich gerne unabhängig informiert werde.» Er habe bereits vor «Deville Late Night» eine Karriere gehabt, sagt der Komiker.

«No Billag – No Way.»
Delia Mayer

Seiner persönlichen Meinung nach trage die Initiative bereits einen falschen, irreführenden Namen. «Wir stimmen nicht darüber ab, ob wir die Billag abschaffen, sondern ob wir weiterhin einen öffentlich-rechtlichen Sender haben möchten, der unabhängig und ausgewogen berichtet. Ich möchte das unbedingt.» Und dafür zahle er auch gerne eine entsprechende Gebühr. Wie für öffentliche Schulen, Strassen oder Bibliotheken eine Steuer. «Ich bin schockiert, wie viele Menschen keine Ahnung haben, worüber wir da eigentlich abstimmen», so Deville.

Luzerner Tatort-Kommissare engagiert

Auch die beiden Luzerner Tatort-Kommissare Delia Mayer und Stefan Gubser setzen sich gegen die Initiative ein. Klar ist: Für die beiden würde mit dem Luzerner Tatort ein langfristiges Engagement wegfallen. Doch auch abgesehen davon würde sich ihre Auftragslage in der Schweiz wohl verändern. «Ich würde meinen Fokus wieder vermehrt auf Deutschland richten, denn das hiesige Filmschaffen würde vermutlich stark eingeschränkt», sagt Stefan Gubser und seine Kollegin Mayer ergänzt: «Die Initiative bedroht beziehungsweise verunmöglicht unsere Arbeitsgrundlage und Meinungsfreiheit.» Neben dem Senderinternen sei die gesamte Schweizer Kinofilmlandschaft existenziell bedroht. «No Billag – No Schweizer Kino», so Mayer. Und deshalb sage sie auch: «No Billag – No Way».

«Natürlich kann man immer einiges kritisieren, aber das sollte nicht das Solidaritätsprinzip in unserem Lande infrage stellen», so Stefan Gubser weiter. «Diese Initiative ist völlig kontraproduktiv einerseits für den Zusammenhalt und andererseits für die Medienqualität in unserem Land.» Wenn man bedenke, was die SRG mit dem ihr zur Verfügung stehenden Geld leiste, und das mit beispielsweise einem deutschen oder europäischen öffentlich-rechtlichen Sender vergleiche, dann könne man nur sagen: «Hut ab!», so Gubser.

«Kultur und Tradition zu streichen, nur um zu sparen, ist einfach nur blöd.»
Nicole Lechmann, Schauspielerin

Schweizer Filmschaffende müssten sich nun stärker engagieren, findet der Schauspieler. «Und zwar nicht nur, weil diese Initiative massive Konsequenzen hat für den Schweizer Film, sondern vor allem auch für dessen Qualität.»

Zerstörerische Trotzreaktion

Dieser Meinung sind auch die selbstständigen Luzerner Filmemacherinnen Antonia Meile und Corina Schwingruber. «Wir müssen auf originelle Weise den Leuten klarmachen, dass nicht nur wir verlieren, sondern vor allem auch sie», sagt Meile. Deshalb werden sie sich bei einer Aktion von und mit Zentralschweizer Filmschaffenden engagieren, welche das Filmbüro Zentralschweiz im Dezember startet.

«Ich habe keine Lust auf Dauerwerbungen und oberflächliche TV-Sendungen.»
Corina Schwingruber, Filmemacherin

«Die aktuelle politische Tabula-rasa-Stimmung finde ich verheerend», sagt Meile über die Initiative. «Sie scheint mir wie eine Trotzreaktion, die nicht weiterhilft, sondern nur zerstört ohne Wiederaufbauplan.» Schwingruber schlägt in dieselbe Kerbe: «Viele Leute wollen scheinbar einfach alles gratis haben und scheren sich nicht um die Qualität. Was danach kommt, scheint unwichtig.» Sie habe grosse Angst vor einer Annahme und vor der ganzen Privatisierung der Fernsehsender. «Ich habe keine Lust auf Dauerwerbungen und oberflächliche TV-Sendungen.»

Der Fokus der Filmemacherinnen würde sich bei einer Annahme der Initiative zwangsläufig aufs Ausland verschieben und wahrscheinlich müssten sie ganz aufhören. «Ich könnte meine Filme nicht mehr realisieren und schon gar nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten», so Meile. «Auch Festivals wie Locarno, Solothurn oder die Kurzfilmtage Winterthur könnten ohne die Unterstützung der SRG einpacken», ergänzt Corina Schwingruber.

Geht es ohne? «Ja klar.»

Für die Luzerner Schauspielerin Nicole Lechmann ist die Initiative nicht existenzbedrohend. «Für mich selber wären es vielleicht nur kleine Änderungen, da ich in meiner Tätigkeit sehr selten mit der SRG zusammenarbeite», so Lechmann. 

Trotzdem sei sie klar gegen No Billag. «Ich finde es wertvoll, Billag zu zahlen», betont die Schauspielerin. «Ich finde es wichtig, die SRG in der Art, wie sie jetzt besteht, zu unterstützen. Was nicht heisst, dass ich alles, was die SRG macht, unterstütze.» Doch sie finde es toll, in einem viersprachigen Land wie der Schweiz die Möglichkeit diverser Angebote in allen Sprachregionen auf qualitativ hohem Niveau anzutreffen. 

Geht es ohne? «Ja klar», findet Lechmann. «Aber jegliche Kultur und Tradition zu streichen, nur um zu sparen, ist einfach nur blöd und macht uns ganz sicher nicht glücklicher», ergänzt sie.

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3 Kommentare
  1. Jonas Raeber, 19.11.2017, 20:22 Uhr

    @ B.Lerch: stimmen Sie «Ja», brechen Sie ganz anderes als die – wie Sie es nennen – Dominanz der SRG. Sie brechen u.a. einer Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer ihr liebstes tägliches Radio weg, Sie brechen mindestens 6000 Beschäftigten ihren Job weg (ganz zu schweigen von jenen bei den Lokal- und Regional-TV und -Radios), Sie brechen den öffentlich-rechtlichen Stimmen der Schweiz das Rückgrat. Es steht Ihnen natürlich frei, das zu wollen, aber ich kann Ihre waghalsigen Behauptungen nicht unwidersprochen lassen:

    Die Tagesschau mit Werbung zupflastern? Nein Danke! Und klappt eh nie: die Reichweite bricht ja auch ein, also auch die Werbeeinnahmen! Die «Privaten» würden in die Lücke springen? 34 privaten Sendern entgehen mit NoBillag ebenfalls existenzielle Beiträge aus dem Gebührensplitting!

    365 Franken im Jahr, und Sie können all das nutzen, was ihnen Radio und TV in der Schweiz bieten. Hätten Sie auch JA gestimmt, wenn Sie mit der Abschaffung der Swissair 365 Franken für sich hätten sparen können? Genauso wie diese traurige Übung damals würde uns die Abschaltung der SRG und der Privatsender Milliarden an Staatsgeldern kosten. Und das Sport-Abo bei einem der verbleibenden (ausländisch oder dubios/partei-/inländisch finanzierten) Sender käme Sie erst noch teurer zu stehen.

    Die Art, wie die Gebühren eingezogen werden, macht mir auch keine Freude – nicht zuletzt deshalb lässt sich das Ganze ja nun mit einer einzigen Initiative aus dem rechtsliberalen Lager existenziell in Frage stellen. Das ärgert mich, und die saloppe «jetzt knallen wir denen mal eins vor den Bug»-Mentalität verunsichert die ganzen Medien-Mitarbeitenden zu Recht. Die machen ihren Job nämlich wirklich sehr gut. Ich habe auch schon für die SRG gearbeitet und bin bei Weitem kein uneingeschränkter Fan. Aber die SRG hat die Zeichen verstanden – sie wird sich unter dem neuen Generaldirektor massiv reformieren. Geben wir diesen Leuten eine Chance.
    Sie können die SRG nicht verbessern, wenn Sie sie zuerst abschaffen – und mit ihr zig Lokal- und Regionalsender. Ich lasse mir von dieser Initiative meine Schweiz nicht nehmen. Am 4.3.2018 zu «NoBillag» deshalb ein überzeugtes «NEIN».

    1. Jonas Raeber, 19.11.2017, 20:24 Uhr

      Man macht schöne Absätze, damit alles lesbarer wird, klickt auf “abschicken”, und dann schaut’s trotzdem aus wie eine Bleiwüste 😉

  2. B. Lerch, 19.11.2017, 14:28 Uhr

    Es ist natürlch richtig, dass Schweizer Filme von der SRG produziert werden oder dass Schweizer Filme unterstützt werden. Die Frage ist nur, soll man dies mit Zwangsgebühren machen oder über andere Finanzquellen wie Kulturbudgets von Kanton oder Bund. Ich bin ganz klar für Zweiteres. Die Billag-Gebühren haben zu einem Koloss von SRG geführt, welcher den Privaten fast keine Luft lässt und somit nicht die Medienvielfalt fördert, sondern reduziert oder begrenzt. Die ganze Angstmacherei, dass es ohne Billag-Gebühren keine SRG und keine Sendungen wie die Tagesschau mehr geben wird ist völlig unbegründet. Bei der Annahem müsste sich die SRG einfach anders finanzieren. Eine Tagesschau liesse sich locker mit Werbung finanzieren, da die Werbeminuten vor und nach der Tagesschau die teuersten sind. Dasselbe gilt für 10von10, Rundschau, Kassensturz etc. Wäre der Markt nicht durch die gebührenfinanzierte SRG so extrem dominiert, würden Private viel mehr Sendungen anbieten, was jetzt wegen der SRG Dominaz nicht möglich ist. Ich denke es ist wichtig Ja zu stimmen und die SRG Dominanz zu brechen. Private würden dann viel mehr anbieten und die Medienlandschaft würde vielfältiger. Dass Programme von Parteien gemacht werden, ist eher unrealistisch, denn nicht die Parteien bestimmen was geschaut wird, dass macht am Schluss der Konsument, denn wir können den Kanal ja immer noch frei wählen. Bei den Printmedien funktioniert der Markt ja auch und niemand ist gezwungen die Weltwoche zu abonnieren resp. zu Lesen. Übrigens, es gibt auch noch die WoZ! Bei einem Ja könnte jeder Haushalt die CHF 450.— für etwas einsetzen was er möchte. Und ich glaube es gibt viele Haushalte in der Schweiz, die froh über 450.— wären. Die 365.— sind sowieso nur temporär und der Bundesrat wird diese bald wieder raufsetzen. Nochmals, wenn wir mehr Medienvielfalt und weniger Kosten wollen, dann müssen wir Ja zu No-Billag stimmen!