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Kollektives Schwitzen mit den CEOs
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Wandern mit der Wirtschaft bei Wunderwetter. (Bild: wia)

Zug: Wandernde Wirtschaftsbosse suchten Anschluss Kollektives Schwitzen mit den CEOs

7 min Lesezeit 13.09.2016, 16:46 Uhr

Eine Wanderung auf dem Zugerberg. Nicht mit Hinz und Kunz, sondern mit VR-Präsidenten und CEOs. Das wollte sich zentralplus nicht entgehen lassen und die Economiesuisse-Bosse mal so richtig aushorchen. Mit geschenktem Leinen-Hipsterbeutel am Rücken erfuhren wir so einiges über die kommenden Abstimmungen. Und wie schwierig es ist, zu lügen.

Oha, der «Blick» schreibt eine Wanderung auf dem Zugerberg aus. Und nicht irgendeine. Sie trägt den vielversprechenden Titel «Wandern mit der Wirtschaft». Mit CEOs grosser Firmen reden und dabei über Stock und Stein flanieren? Da bin ich dabei. Und damit das Ganze authentisch bleibt, melde ich mich als Privatperson an und nicht als Journalistin.

Tag X, um 13.15 treffen wir uns bei der Bushaltestelle, von wo uns der Bus in Richtung Zugerbergbahn bringt. Das zumindest glaube ich. Es ist zehn nach eins, kein Knochen ist da. Ein Blick in meine privaten E-Mails zeigt Erschütterndes. Treffpunkt wäre um 13 Uhr gewesen, der richtige Bus Nummer 11 tuckert bereits seit einigen Minuten gen Berg. Na toll, schon mal super gemacht mit dem Nicht-Auffallen, denke ich, und stelle mir vor, wie ich japsend und mit hochrotem Kopf dem ganzen Tross nachrenne.

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Inkognito-Wandern, schwieriger als gedacht

So schlimm ist es dann doch nicht. Ich kündige per Telefon meine Verspätung an und die Bahn, die eigentlich im Halbstundentakt verkehrt, fährt wie durch ein Wunder ausnahmsweise im Viertelstundentakt. Mir ist’s recht. Oben angekommen, sehe ich die Gruppe bereits von der Bahnstation die Steigung beim Vordergeissboden hinaufwandern.  Allen voran der Zuger Regierungsrat Martin Pfister, gefolgt von Bâloise-Verwaltungsratspräsident Andreas Burckhart und Claude-Alain Margelisch, dem CEO der Schweizerischen Bankiervereinigung. Ich hole auf und reihe mich irgendwo zwischen Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer und Normalbevölkerung ein. Geschmeidig habe ich das gemacht, finde ich. Kann ja gar nicht so schwierig sein, dieses Inkognito-Wandern. Falsch gedacht.

Nach wenigen Hundert Metern im Wald komme ins Gespräch mit Roberto Colonnello, Geschäftsleitungsmitglied der Economiesuisse. Nach dem obligaten «Und warum sind Sie hier?» driftet das Gespräch unaufhaltsam in Richtung: «Und was machen Sie beruflich?» Wenn man lügt, soll man stets so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben, habe ich kürzlich irgendwo gehört. Und so lautet meine nicht ganz verkehrte Antwort, dass ich «Buchhändlerin» sei. Das sollte mir mein Leben erleichtern, finde ich. Denn tatsächlich bin ich nämlich ausgebildete Buchhändlerin. Dass ich den Job vor sieben Jahren an den Nagel gehängt habe, behalte ich für mich.

«Wie viel Prozent des Umsatzes machen mittlerweile eigentlich die E-Reader aus?»

Roberto Colonnello, Kampagnenleiter der Economiesuisse

Ich wähne mich im sicheren Hafen eines unspektakulären Scheinjobs, muss aber ziemlich schnell erfahren, dass es wohl kaum einen besseren Steilpass gibt, um ins Gespräch zu kommen. «Ach Bücher, ja das ist etwas Schönes. Wie viel Prozent des Umsatzes machen mittlerweile eigentlich die E-Reader aus?», fragt denn Colonnello prompt. Mist. Ich fasle irgendwas von «steigend», dass ich aber die Prozentzahl aktuell so genau nicht kennen würde. Und fühle mich miserabel. Gut, dass wir gerade bergauf wandern, so fallen die Schweissperlen auf der Stirn nicht auf.

Und ich bin ganz glücklich, als Colonnello über die kommenden Abstimmungsthemen zu sprechen beginnt. Er ist Kampagnenleiter bei der Economiesuisse, ihm scheint am Herzen zu liegen, dass die mitwandernde Gesellschaft weiss, worüber sie abstimmt – und was ein Ja oder ein Nein für die Schweizer Wirtschaft bedeutet. Colonnello macht seinen Job selbst auf Wanderschaft sehr gewissenhaft. Erklärt, dass die Tendenz der Vorlage «Grüne Wirtschaft» zwar gut und wünschenswert sei, dass aber ein Ja der Stimmbürger massive Restriktionen und Hindernisse für die Schweizer Wirtschaft mit sich bringen würde.

Das Gespräch driftet in Richtung Unternehmenssteuerreform III und ich finde, dass ich für eine Buchhändlerin ganz gut Bescheid weiss. Als Journalistin bin ich hingegen froh über die (gefärbte) Übersicht, die mir Colonnello zum Thema verschafft. Die Wandernden vor uns reden über Pokemon Go.

Mit Karrer ein Hühnchen rupfen

Wahrlich, das Wandern entspannt die Leute, die Gespräche plätschern leicht daher. Hätten nicht fast alle einen weissen «Wirtschaft im Dialog»-Leinen-Hipsterbeutel am Rücken, wir könnten glatt als eingefleischter Turnverein durchgehen.

Zu Beginn erhalten alle Wanderer einen Leinenbeutel mit Proviant. (Bild: wia)

Zu Beginn erhalten alle Wanderer einen Leinenbeutel mit Proviant. (Bild: wia)

Auch wenn der eine oder die andere doch etwas gar chic auftritt. Einer trägt weisse Jeans, der andere ein elegantes Langarmhemd – und nicht etwa ein kariertes von Mammut, eine Dame hat ihren Goldschmuck nicht abgelegt.

Wenig später machen wir eine kurze Pause beim Buschenchappeli, wo ich denn gleich mit einem Zürcher ins Gespräch komme. «Ich habe die Ausschreibung im ‹Blick› gesehen, auf dem Bild sass der Karrer mit einer Bratwurst in der Hand. Da fand ich, moll, da komme ich auch mit», erklärt der Mann mit Goldkette und spiegelnder Sonnenbrille.

«Das ist doch, als wenn man als Schweizer am Wochenende in Konstanz einkaufen geht!»

Ein mitwandernder Bürger

Er habe auch bereits das eine oder andere interessante Gespräch geführt mit den Firmenvertretern: «Mit dem Karrer aber habe ich noch nicht geredet. Den muss ich noch rügen!» Wieso denn das? «Es geht hier ja um die Schweizer Wirtschaft. Und die Anmeldung für diese Wanderung lief über eine deutsche Event-Software. Womöglich, weil das günstiger war. Das ist doch, als wenn man als Schweizer am Wochenende in Konstanz einkaufen geht!»

Die Aussicht auf Zug begeistert. Hier der Parktower, da die Siemens. Und dieser See! (Bild: wia)

Die Aussicht auf Zug begeistert. Hier der Parktower, da die Siemens. Und dieser See! (Bild: wia)

Mit der Wirtschaft in die Wirtschaft

Die hintersten Wanderer haben aufgeholt, weiter geht’s über die Moräne in Richtung Ewegstafel. Auch ETH-Präsident Lino Guzzella ist mit von der Partie. Wir unterhalten uns prächtig.

Nach zweieinhalb Stunden Wandern sind wir fast wieder beim Ausgangspunkt angelangt. Der Tross macht oberhalb der Bahnstation einen letzten Halt, um hinunter zu blicken auf die Stadt Zug, die sich, und das ist von hier oben gut sichtbar, während der letzten Jahre enorm entwickelt hat. SimCity-haft hat sie sich ausgebreitet, schleicht sich leise an Baar und Cham heran. Der freie Blick auf Parktower, Johnson & Johnson und Siemens beeindruckt die Wanderer ganz offenkundig. Und dann geht’s mit der Wirtschaft in die Wirtschaft.

Beim Restaurant Zugerberg gibt’s ein «Zabig», das nicht von schlechten Eltern ist. Die Economiesuisse liess sich nicht lumpen und hat jedem Teilnehmer ein herzhaftes Plättli gesponsert. Dazu gibt’s Wein, Bier und weitere lustvolle Gespräche. Etwa mit dem pensionierten Stadtberner Mathematiklehrer, der eigentlich viel lieber Ökonomie hätte unterrichten wollen. An die Wanderung ist er mit ganzen Papierstapeln zum Thema Windenergie gekommen. «Ich habe während des Wanderns mit dem einen oder anderen Wirtschaftskenner über mein Projekt geredet, und das ist bei ihnen gut angekommen.»

Für die Wandernden gibt’s zum Abschluss ein Plättli. (Foto: wia)

Für die Wandernden gibt’s zum Abschluss ein Plättli. (Foto: wia)

Sind Mädchen wirklich schlechter in der Mathe?

Und dann fragt der Zürcher mit Goldkette, ob Mädchen wirklich schlechter seien in der Mathe als Buben. «Nein», lautet des Berners dezidierte Antwort. «Das kann man so wirklich nicht sagen.» «Aber», so ergänzt er, «ich bin der Präsident unseres lokalen Schachklubs. Und dort hat es deutlich weniger Mädchen dabei. Nicht, weil sie weniger gut wären. Viel eher, weil sie wohl in der Pubertät andere Interessen entwickeln und dann abspringen.» Und dann dreht sich das Gespräch wieder um Bücher und den Verkauf ebendieser. Ich beschliesse, mich aus dem Staub zu machen.

«Ich bin Journalistin.»

Valeria Wieser, Journalistin

Als ich mit der Zugerbergbahn sachte in Richtung Tal gleite, treffe ich auf Adrian Risi, Produktionsleiter der gleichnamigen Zuger Firma. «Und was machen Sie beruflich?», fragt er alsbald. «Ich bin Journalistin», höre ich mich erleichtert sagen. Er lacht, wir reden über Schweizer Sportschuhe und Kiesabbau, am Fuss des Bergs trennen sich unsere Wege.

Eine Wanderung, damit die Wirtschaft in den Dialog mit der Bevölkerung treten kann. Ja, durchaus eine anregende Idee der Economiesuisse. Und eine, die zweifelslos ihrem Image dienlich ist. Hört her, wir gehören zu euch. CEOs und Präsidenten jedweder Art sind auch nur Menschen, auch wir schwitzen, wenn’s bergauf geht. Durchaus ist das sympathisch. Durchaus waren die Wandergespräche teilweise überraschend offen. Ob das jedoch einen nachhaltigen Effekt hat? Am Ende des Tages geht doch jeder wieder seines Wegs. Und alle sind sie zufrieden. Die normalen Bürger, die während einiger Stunden Teil einer Elefantenrunde sein durften, aber auch die CEOs, die sich über einen gelungenen Nachmittagsausflug freuen, während sie mit dem Lift in die Teppichetage fahren.

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