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Kate Tempest: Noch nie hat die Apokalypse so leicht geklungen
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Wortgewaltig: Kate Tempest am B-Sides. (Bild: zvg/Mirjam Steffen )

Starker erster B-Sides-Abend Kate Tempest: Noch nie hat die Apokalypse so leicht geklungen

5 min Lesezeit 14.06.2019, 11:41 Uhr

Was für ein Auftakt: Kate Tempest, die Headlinerin des diesjährigen B-Sides-Festivals, hat eine Stunde lang die Macht der Worte walten lassen. Das neue bargeldlose System funktioniert reibungslos und sogar der frisch gebackene Kulturminister Marcel Schwerzmann ist ins Festival eingetaucht.

Es hat sich immer noch nicht ganz herumgesprochen, dass der Donnerstag der beste Festivaltag ist – er war als einziger der drei Abende nicht ganz ausverkauft. Und dies, obwohl sich das Wetter pünktlich aufs B-Sides wieder hübsch gemacht hatte.

Sei’s drum, jedenfalls war das grosse musikalische Highlight auf den ersten Abend des B-Sides angesetzt: Kate Tempest. Die Headlinerin spielte einen Tag, bevor sie diesen Freitag ihr viertes Album «The Book of Traps and Lessons» veröffentlicht (zentralplus berichtete).

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Man muss sich das vor Augen führen: Der Sonnenberg-Auftritt war der Auftakt zu einer Europa- und US-Tour, die Tempest unter anderem ans Glastonbury und andere grosse Festivals führt.

Über den Brexit-Wahnsinn

Tempest, die «wortmächtige Apokalyptikerin» («Tages-Anzeiger») ist aktuell eine der wichtigsten britischen Musikerinnen. Die 33-jährige benennt in ihren düsteren Songs genauso die Öko-Katastrophen, den Kapitalismus wie den Brexit-Wahnsinn. «My Country is coming apart», singt sie auf dem neuen Album mit der britischen Insel auf dem Cover.

«We are lost, we are lost, we are lost.»

Kate Tempest

Sie trat um 21 Uhr auf die grosse Bühne, begleitet einzig von ihrer Mitmusikerin an Tasten und Sounds. Beide in Overalls gekleidet. Es ging los mit «Europe ist Lost», einem Abgesang auf den Kontinent. «We are lost, we are lost, we are lost.»

Ohne Ansage, ganz bei sich und ohne Brimborium stand sie da und performte ihren eindringlichen Text in wohltuend britischem Akzent. Jedes Wort platzierte sie präzise in den melodiösen Sprechgesang – mit Eleganz, Intensität und Luftigkeit bewegte sie sich durch die Zeilen, schwamm förmlich darin.

Mut zu Lücken

Ihre scharfen Worte entwickelten einen ungemeinen Flow, ihre Botschaften hatten eine Dringlichkeit, der man sich kaum entziehen konnte. Nahtlos ging sie von einem Track zum nächsten über, als ob sie keine Minute verlieren wollte für ihre Botschaften. Das nette «Socializing» scheint nicht so ihr Ding. Dass man von den Texten nicht alles verstand, war egal. Man müsse ihre Musik fühlen, sagte sie schliesslich in einer der wenigen Ansagen.

Es war ein Set mit Mut zu Längen und Lücken. Mal war sie nur von einem sanften Piano begleitet, mal platzierte sie ihre Salven, die einer Predigt glichen, gänzlich unbegleitet. Im richtigen Moment brach dann wieder ein Gewitter aus Synthesizern und Beats los.

Frieden im Gesicht

Die Leichtigkeit und Wärme von Nummern wie «Firesmoke» machen die Botschaften von Tempest umso prägnanter. «Let me untangle the Madness that knots you», singt sie – und wohl noch selten zuvor hatte eine Headlinerin eine solche Intimität aufs B-Sides-Gelände gezaubert.

Kate Tempest, die auch als Lyrikerin und Slam-Poetin auftritt, hätte man sich ebenso gut an einer Lesung vorstellen können. Auf dem Album ist sie eine Wucht – live ein Ereignis, das einen mit jeder Faser hineinzieht.

Der wichtigste Name des Festivals: Kate Tempest überzeugte am Donnerstag rundum.

Der wichtigste Name des Festivals: Kate Tempest überzeugte am Donnerstag rundum.

(Bild: jwy)

«There’s so much peace in peoples faces», beendete Tempest ihren starken Auftritt versöhnlich. Das passte wunderbar zum eindunkelnden Sonnenberg. Und es passte zum diesjährigen künstlerischen Konzept, das eine mystische Welt rund rund ums Thema Sonnenberg erschafft.

Leider spürten diesen Frieden nicht alle. Das Gerede rundherum war zeitweise unerträglich. Schade, wenn eine beträchtliche Anzahl Leute im Publikum nicht die Geduld aufbringt, sich eine Stunde lang diesen Worten hinzugeben.

GeilerAsDu eröffneten auf der grossen Bühne

Zum Abend mit Tempest passte der Auftritt von GeilerAsDu zwei Stunden früher am Abend auf der grossen Bühne: Die Luzerner sind in ihrer Karriere politischer und gesellschaftskritischer geworden mit ihren Mundart-Rap-Songs.

Die Leichtigkeit von Tempest geht auch den Wortkünstlern Luzi Rast und Mike Walker nicht ab. Musikalische Vielfältigkeit und tiefschürfende Lyrics zelebrieren auch sie – Dringlichkeit sowieso.

Verstärkt wurden sie von einer Band mit Schlagzeug, Bass und ihrem DJ Lui G. GeilerAsDu habe nicht eine neue Band, sondern sei jetzt eine Band, sagten sie.

Luzi Rast von GeilerAsDu.

Luzi Rast von GeilerAsDu.

(Bild: zvg/Sam Aebi)

Playlist statt Alben

Nach vier Alben stecken GeilerAsDu ihre kreative Energie nicht mehr in einen weiteren Longplayer, sondern in eine stets wachsende Playlist. «Fyre Festival Diaries» nennt sich das «moderne Gefäss zum Einfangen eines Schaffensprozesses». Die neuen Songs wurden am B-Sides nun dem heimischen Publikum live präsentiert. Dieses erschien zahlreich um 19 Uhr vor der Bühne in der abendlichen Sonne.

Ob Album-Nostalgiker oder Playlist-Jäger – die Songs bleiben. «Low-Fi-Love» heisst der neuste Track. «Nume Fake-Love uf de Zunge», rappen Luzi und Mike. Die Entspanntheit und musikalische Breite tun GeilerAsDu gut, die musikalische Öffnung auch.

Zum Song «Curfew» trat dann noch Gastsänger Strom (Sebastian Meyer) auf die Bühne. Er brachte zum Abschluss eine schöne melodiöse Note ins Set – stark.

Es läuft auch ohne Bargeld

Sogar Regierungsrat Marcel Schwerzmann, neuer Kulturminister und selber Krienser, nahm die Einladung des B-Sides an und mischte sich unters Festivalvolk. Hut ab, er schien sich für das kulturelle Happening zu interessieren, liess sich neugierig durchs Gelände führen und verweilte bis in den späten Abend auf dem Berg.

Ein guter Anfang in seinem neuen Metier nach zwölf Jahren Finanzdirektion – der Anfang einer wunderbaren Freundschaft sogar? Halten wir’s mit Kate Tempest: «Love is an endless Sky.»

Regierungsrat Marcel Schwerzmann mischte sich ebenfalls unters Volk am B-Sides.

Regierungsrat Marcel Schwerzmann mischte sich ebenfalls unters Volk am B-Sides.

(Bild: jwy)

Was gibt’s sonst noch zu sagen? Das Cashless-System mit Karte erleichtert das Festivalerlebnis tatsächlich. Die Karte funktioniert und macht sich gerade am Essensstand durch kürzere Wartezeit bemerkbar. Sollte das Guthaben aufgebraucht sein, ist die Karte flugs via Handy oder Station wieder aufgeladen.

Leider schaute der eine oder andere Gast am Eingang etwas ratlos in die Welt, als er vom bargeldlosen Regime erfuhr – es hat sich noch nicht überall rumgesprochen.

Das Gelände ist um eine Aussichtsterrasse über der Küchenanlage reicher, von der man die Konzerte wunderbar beobachten kann. Ein Überbleibsel von «Zappa on the Hill», das hier kürzlich gezeigt wurde (zentralplus berichtete). Die WCs sind zudem nicht mehr in Männer und Frauen kategorisiert, sondern in «We don’t care». Es sind die kleinen Zeichen …

Hinweis: Das B-Sides-Festival geht am Freitag, 14., und Samstag, 15. Juni, auf dem Sonnenberg weiter (beide Tage sind ausverkauft). zentralplus ist Medienpartner des B-Sides.

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