Hysterie am Luzerner Theater
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Tschechows tragische Komödie «Der Kirschgarten» im Luzerner Theater (Bild: Ingo Hoehn)

Tschechows «Der Kirschgarten» Hysterie am Luzerner Theater

3 min Lesezeit 21.09.2020, 15:51 Uhr

Die Spielzeit in der Sparte Schauspiel wurde am Luzerner Theater mit Tschechows tragischer Komödie «Der Kirschgarten» eröffnet. Nach «Alkestis» und «Der Besuch der alten Dame» handelt es sich um die dritte Inszenierung der griechischen Regisseure Angeliki Papoulia und Christos Passalis. Sie mag dennoch nicht ganz zu überzeugen.

Für diese neue Produktion baute der Bühnenbildner Márton Ágh mitten in der Box des Luzerner Theaters eine oktogonale Box mit einer Öffnung an jeder Wand. Ein kleiner Pavillon als Überrest des einst so reichen Kirschgartens. Ein wahrer Ort der Erinnerung – ein Museum sozusagen. Dieses geradezu ungewohnte Bühnenbild garantiert allen Zuschauern eine Nähe zu den Schauspielern.

Laut, schnell und turbulent

Die Regisseure Angeliki Papoulia und Christos Passalis lassen das Stück ruhig beginnen. Man weiss ja, dass das Leitmotiv ihrer Inszenierung das Sich-erinnern, das leise Zurückschauen sein sollte. Leider nimmt alles schnell einen lauten, fast schon hysterischen Verlauf. Von nun an bewegen sich die Schauspieler ständig um die Bühne herum oder kippeln und schwingen auf Schaukeln. Sie heulen und klagen, schreien sich an, darüber hinaus auch begleitet von Ravels «Bolero» ab Band.

Die innere Spannung der Charaktere, die vor lauter Illusionen nicht dazu fähig sind, richtig zu leben, geht verloren genau so wie auch die Spannung zwischen deren Beziehungen zueinander. Es ist wahr, dass «Der Kirschgarten» von Tschechov als Komödie bezeichnet wird, wenn auch eine tragische; hier klingt aber alles oft eher hysterisch als komisch.  

Marion Barché in ihrer Rolle als Ljubova Andreevna Ranevskaja (Bild: Ingo Hoehn)

Ein mehrsprachiges Ensemble

Ljubova Andreevna Ranevskaja (Marion Barché) ist von allen Charakteren diejenige, die am meisten unter diesem Regiekonzept leidet. Sie ist aus ihrem Pariser Exil zurück auf dem elterlichen Landsitz mit Kirschgarten und erinnert sich an ihre Jugend und Kindheit. Ihr Schmerz wirkt aber stark überzeichnet, nicht bitter und melancholisch. Die Empfindungen der Figur und deren oft heftigen Stimmungsschwankungen kommen dadurch nicht zur Geltung. Die Tiefe Ihrer Person geht verloren.

Niedergang einer Familie und Abgesang einer Epoche

Anton Tschechovs letztes Stück erzählt vom Untergang einer Gesellschaft, vom Niedergang einer Familie und vom Hochkommen eines schlauen Emporkömmlings. Mehr zu «Der Kirschgarten» und den Spielzeiten findest Du in unserem Eventkalender.

Stark überzeichnet (aber das stört vielleicht weniger) ist auch der Kaufmann Ermolaj Alexeevic Lopachin (Fritz Fenne), der Sohn eines Leibeigenen. Der Mann geringer Herkunft also, der schliesslich den Kirschgarten zu Kleinholz machen wird, das Gut ersteigern und parzellieren wird, um auf dem Gelände Datschen bauen zu lassen.

Fritz Fenne in seiner Rolle als Ermolaj Alexeevic Lopachin (Bild: Ingo Hoehn)

Sicher anders, etwas farb- und konturloser, wirken hingegen Leonid Andreevic Gaev, Ljubovas Bruder (Christian Baus), Ljubovas Tochter Anja (Dagna Litzenberger-Vinet) sowie die Pflegetochter Varja (Wiebke Kayser).

Grossartiger Diener

Sehr karikiert wirken wiederum der Student Petr Sergeevic Trofimov (Julian-Nico Tzschentke) und der Kontorist Epichodov (Alessio Montagnani). Anders als sonst, aber grossartig, der Diener Firs (Urs Bihler). Hier ist er der Erzähler und eine Mischung zwischen Conférencier und Chor: er kommentiert seine eigenen Erinnerungen und die der anderen.

Trotz aller Kritik: auf Seite des Publikums gab es einen langen, begeisterten Applaus.

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