Gesellschaft

Kinderbetreuung ist kein «enger Kontakt»
Trotz positiver Fälle dürfen Kinder weiter in Luzerner Kita

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Kitas gelten nicht als systemrelevant, sagt das kantonale Gesundheits- und Sozialdepartement. Gruppenquarantänen werden aber trotzdem verhindert. (Bild: Unsplash/Benson Low)

An einer Kita am Luzerner Kantonsspital werden zwei Kinder positiv getestet. Sie gehen in Isolation und für den Rest geht der Kita-Alltag unbeschwert weiter. Ist das fahrlässig? Nein. Denn die Kita handelt genau nach kantonalen Vorgaben.

Zwei Kinder einer Kita am Luzerner Kantonsspital werden positiv auf das -Virus getestet. Quarantäne für die restliche Gruppe? Fehlanzeige. Die restlichen Kinder müssen auch keinen Test machen. Die Kita-Leitung schickt den Eltern der betroffenen Kita ein Schreiben, worin sie die Eltern bittet, ihre Kinder gut zu beobachten. Alle Kinder dürften aber wie gewohnt zur Kita kommen, sofern sie denn gesund seien.

Eine besorgte Mutter kann das Vorgehen nicht verstehen, wie sie zentralplus schreibt: «Ich finde dies skandalös. Man ist völlig hilflos ausgeliefert – die Kleinsten, welche PIMS oder auch Long Covid bekommen können, werden null geschützt und eine Durchseuchung regelrecht vorangetrieben!» Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, hält die pädagogische Leiterin der small Foot AG, Lea Catenazzi, fest: Man hätte strikt nach Vorgaben des kantonalen Contact-Tracing agiert.

Stundenlang spielen ist kein «enger Kontakt»

Wie Catenazzi beschreibt, waren sie selbst überrascht über die Antwort seitens Kanton. Bis im Dezember 2021 schrieb der Kanton Luzern noch vor, dass Kita-Leiterinnen ab zwei positiven Fällen eine Gruppenquarantäne verhängen müssen. Sie hätten deshalb «explizit nachgefragt, ob bei mehreren positiven Fällen in einer Kita-Gruppe eine Gruppenquarantäne durchgeführt wird.» Das Contact Tracing verneinte dies.

Auch eine Testpflicht- oder Aufforderung habe der Kanton nicht angeordnet. Lediglich die Anweisung, die Eltern zu informieren – was Catenazzi auch gemacht hat. Im Schreiben werden Eltern darauf hingewiesen, sie sollen ihr Kind gut auf auftretende Symptome beobachten. Andernfalls gehe der Kita-Alltag normal weiter. Beim Vorgehen halte die small Foot Kita sich an die Vorgaben des Branchenverbands Kibesuisse. Eigenständig Tests oder eine Quarantäne anzuordnen läge zudem nicht in der Kompetenz der Kita, so Catenazzi. Doch viele der Eltern hätten von sich aus ihre Kinder testen lassen.

«Wir haben explizit nachgefragt, ob bei mehreren positiven Fällen in einer Kita-Gruppe eine Gruppenquarantäne durchgeführt wird.»

Lea Catenazzi, Leiterin small Foot AG

Der Fall wirft Fragen auf – denn gemäss aktuellen BAG-Empfehlungen müssen Personen, die engen Kontakt mit einer positiv getesteten Person haben, in die sogenannte Kontaktquarantäne. Kinder, die mehrere Stunden pro Tag miteinander spielen. Intuitiv gilt das als enger Kontakt, nicht?

Das kantonale Gesundheits- und Sozialdepartement (GSD) verneint. Als enger Kontakt gelte nur «haushaltsähnlicher Kontakt». Also Personen im gleichen Haushalt oder beispielsweise Grosseltern, die die Kinder regelmässig betreuen. Regelmässig Kinder betreuen tun auch die Kitas – doch das zählt gemäss dem GSD trotzdem nicht als «enger Kontakt».

Sind Kitas systemrelevant? GSD verneint

Catenazzi vermutet auf Anfrage, dass mit der Lockerung der Gruppenquarantäne-Regeln möglichst Schliessungen verhindert werden sollten. Gerade der Standort am Kantonsspital sei für die dortigen Angestellten von grosser Wichtigkeit, «da die Spitäler zeitweise sehr stark auf ihr Personal angewiesen waren». Denn die Omikron-Welle hat auch zu vielen Ansteckungen beim Spitalpersonal geführt (zentralplus berichtete). Würden nun so viele Kinder gleichzeitig in Quarantäne geschickt werden, gerieten die Eltern in organisatorische Schwierigkeiten.

Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie herausfordernd es für Eltern ist, Beruf, Familie und Kinderbetreuung zu vereinbaren (zentralplus berichtete). Viele Frauen krebsten während des Lockdowns im Job zurück und kümmerten sich stattdessen vermehrt um die Kinderbetreuung und den Haushalt (zentralplus berichtete). Wie Catenazzi sagt, seien Kitas zu Pandemiebeginn aufgrund deren Wichtigkeit für arbeitende Eltern als «systemrelevant» eingestuft worden. Dabei bezieht sie sich auf die Interpretation des Branchenverbands Kibesuisse.

«Kitas gelten nicht als systemrelevant.»

Kantonales Gesundheits- und Sozialdepartement

In der aktuellen Covid-Verordnung steht nämlich, dass Personen von der Kontakt-Quarantäne ausgenommen sind, «die eine Tätigkeit ausüben, die für die Gesellschaft von grosser Bedeutung ist und bei der ein akuter Personalmangel herrscht.» Darauf aufbauend mutmasst Catenazzi, dass die Gruppenquarantänen in einer Kita verhindert werden, damit die Eltern in systemrelevanten Positionen nicht von der Arbeit wegfallen.

Das GSD widerspricht jedoch und findet: «Kitas gelten nicht als systemrelevant.» So gelten beispielsweise auch für Betreuer dieselben Quarantäne-Regeln wie für andere berufstätige Luzernerinnen. Grundsätzlich dürfte Catenazzi mit ihren Vermutungen zur Änderung der Gruppenquarantäne-Regeln trotzdem Recht behalten. Denn: die bundesweiten Änderungen an der Quarantäne wurden insbesondere mit Personalsorgen und der Versorgungssicherheit begründet (zentralplus berichtete).

Verwendete Quellen
  • Telefonat und Mail-Verkehr mit Lea Catenazzi, Pädagogische Leitung small Foot AG
  • Mail-Verkehr mit dem Gesundheits- und Sozialdepartement Kanton Luzern
  • Elternbrief der Small Foot AG vom 17. Januar
  • Mail-Verkehr mit anonymer Kundin der Small Foot AG
  • Covid-Verordnung des Bundesamts für Gesundheit (Stand 13. Januar 22)
  • Vorgaben bezüglich Quarantäne und Isolation des Bundes (Stand 17. Januar 22)
  • Merkblatt «Umgang mit Covid-19» von Kibesuisse (Stand 14. Januar 22)
  • Medienberichte von zentralplus
Weitere Quellen
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3 Kommentare
  1. N.C, 25.01.2022, 06:52 Uhr

    Meine Tochter geht in den Kindergarten, mehr als die Hälfte der Kinder hatten Fieber und einige davon inkl. Meine Tochter waren positiv.
    Die Antwort der Kantonsarzt: Es gibt keine Klassenquarantäne mehr!
    Für die gesunden ging der Alltag normal weiter im Kindergarten.
    Also Leute kritisiert nicht die Orte wie Schule, Kitas etc. Sondern der Bund und Kanton!

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    1. Silvan Studer, 25.01.2022, 09:02 Uhr

      Wieso sollte man Bund und Kanton kritisieren, wenn die endlich das Richtige tun?
      Das Virus lässt sich nicht aufhalten, ist aber auch nicht (mehr) so gefährlich,. das ist doch mittlerweile klar.
      Wer immer noch Angst hat, soll die Kinder halt zu Hause behalten. Alles andere hilft sowieso nicht.

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    2. Jessy, 26.01.2022, 16:50 Uhr

      Also ich verstehe dies nicht. Ich arbeite in einer KITA und die Kinder sind 8 Stunden und länger zusammen ohne Abstand. Da wird gehustet und geniest. Also ist das für mich ein enger Kontakt, wie er auch beim BAG beschrieben wird.

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