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«Geri-Gate», Schwanenplatz, Putin, Euro und Emmen
  • Kultur
Die Welt im Selfie-Fieber: «Thomas Gottschalk» auf der Luzerner Seebrücke. (Bild: mbe.)

Politische Persiflage an der Fasnacht «Geri-Gate», Schwanenplatz, Putin, Euro und Emmen

4 min Lesezeit 1 Kommentar 16.02.2015, 18:29 Uhr

Einmal im Jahr herrscht Narrenfreiheit. Grenzen sind dem Humor an der Fasnacht wenige gesetzt. Dennoch hält man sich an bestimmte Regeln. Zu reden gibt dieses Jahr vor allem ein Sujet aus Emmen.

«Alles ist erlaubt», sagt Bruno Spörri vom Lozärner Fasnachtskomitee zur Frage der Grenzen des Humors. «Es gehört zur Fasnacht dazu, die Politik zu verhöhnen», fügt Spörri hinzu. Am französischen Hof sei der Narr ein angesehener Mann gewesen, «auf humorvolle Weise zeigte er dem König, was nicht gut lief.»

Strafrecht nicht verletzen

Die Grenzen des Humors setze das Strafrecht, es gelte für Fasnächtler ebenso wie für jeden Bürger. «Man sollte niemanden verunglimpfen oder persönlich angreifen.» Im Gegensatz zu Basel oder dem deutschen Karneval seien die Sujets in Luzern aber relativ harmlos, meint Spörri. Politiker müssen nicht allzu viel befürchten. Von Klagen hat der Wey-Zünfter keine Kenntnis.

Nicht alle Leute verständen jedoch auch den gmögigen Luzerner Humor. «Ich habe früher die Fasnachtszeitung Knallfrosch gemacht», erzählt Spörri, «da erhielten wir manchmal Telefonanrufe erboster Leser, die sich beklagten, dass vieles von dem, was wir geschrieben hätten, nicht stimme.» Sie hätten die Ironie nicht verstanden. Man habe erklärt, dass jede Geschichte einen Funken Wahrheit enthalte. «Der Rest ist erstunken und erlogen», sagt Bruno Spörri und lacht.

Emmer Komitee erregt Aufsehen

Ganz vermeiden, dass mal jemand ein Sujet präsentiert, das nicht allen gefällt oder geschmacklich fragwürdig ist, kann nicht ausgeschlossen werden. «Es gibt 39 offizielle Nummern, über die wir informiert sind, daneben treten viele wilde Gruppierungen auf», erklärt Spörri. Eine davon gab dieses Jahr besonders zu reden. Das überparteiliche Komitee «Herdschwand erhalten- zum Nutzen aller» aus Emmen nahm als wilde Gruppierung mit einem Wagen und verkleidet am Fritschi-Umzug teil. Das Thema: Emmen verscherble sein Tafelsilber – sprich sein Gemeindeland, und am 8. März findet eine Abstimmung dazu statt. Die «Neue Luzerner Zeitung» warf dem Komitee daraufhin humorlos «plumpe Abstimmungspropaganda» vor. Komiteemitglieder hätten an der Fasnacht einen Abstimmungs-Flyer verteilt. Sprecher Rolf Stähli widerspricht. «Das war nur unser Vereinsflyer».

Die Stadtluzerner Fasnächtler wirkten in ihren Stellungnahmen etwas ratlos und sprachen von einer «heiklen Gratwanderung zwischen Satire und politischer Werbung», der schwierig abzuschätzen sei. «Das Thema muss fasnächtlich ausgearbeitet sein und soll nicht ‹rein politisch› daherkommen», sagte Antoinette Sigrist vom Emmer Fasnachtskomitee in der «NLZ».

Nützt oder schadet es?

Bruno Spörri vom Lozärner Fasnachtskomitee sieht die Sache am heutigen Montag gelassener. Er bezeichnete die Emmer Aktion gegenüber «zentral+» als «clever verpackte Einzelkiste». «Man darf das nicht allzu ernst nehmen. Es gibt niemanden, der deswegen einschreitet. Wir haben uns gefragt, ob das Emmer Komitee damit seinem Anliegen nützt oder eher schadet.» Zur Frage der Zulässigkeit politischer Statements meint der Fasnächtler: «Letztes Jahr war die Gripen-Abstimmung ein Thema. Das ist ja auch eine politische Stellungnahme.» Man dürfe das nicht so eng sehen.

WC-Häuschen, Metro, Putin

Und was sind dieses Jahr die politischen Sujets (siehe auch Diashow mit einigen Impressionen)? Am Umzug wurde «Geri-Gate» mehrmals aufgenommen, die Affäre um den grünen Aargauer Politiker Geri Müller und seine Selfie-Nacktfotos. Fasnachts-Originalton: «Häsch gmeint tuesch es für dich sälber machä, tuät am Abig scho di halb Schwiiz drüber lachä». Die ungeklärten Vorfälle um die grüne Zuger Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin und SVP-Politiker Markus Hürlimann sind hingegen kein Thema in Luzern. Ebenso wenig die Mohammed-Karikaturen; offenbar will sich niemand die Finger verbrennen.

Dafür wurde am Umzug die «unendliche Geschichte» um die fehlenden WC-Häuschen dargestellt. Aber auch das Metroprojekt für die chinesischen Touristen der Uhrengeschäfte am Schwanenplatz ist ein Thema. Auf französisch, englisch und chinesisch erfolgt die Durchsage für die erste Metro Luzerns. Auffallend oft wurde auch der Tourismus und das «Gästival» auf die Schippe genommen. Ein Sujet, das sehr gut ankam beim Publikum, waren die russischen Expansionsgelüste. Eine riesige schwarze Lokomotive mit rotem Stern fuhr eindrücklich durch die Menge, darum herum zu Musik tanzende und musizierende Russen. Ebenfalls karikiert wurde am Umzug die Eurokrise.

Ansonsten war der Umzug dieses Jahr wenig politisch, aber nichtdestsotrotz fantasievoll-farbenfroh, mit auffallend vielen gruselig-morbiden Sujets – Ausdruck unserer dunklen Zeiten? – aber auch hunderten von fröhlichen, ausgeflippten und kreativen Einzelmasken.

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1 Kommentare
  1. Markus Rytz, 17.02.2015, 00:06 Uhr

    Mit viel Witz, Charme und Scharfsinn hat es «Herdschwand erhalten- zum Nutzen aller» geschafft, die Machenschaften der Emmer Behörden auf’s Korn zu nehmen. Diese haben bekanntermassen wenig Sinn für Humor und schon gar kein Feingefühl für die wahren Anliegen der Bevölkerung. Es waren ja vor Jahren die selben Herren im Rostbunker zu Emmen, die gegen eine Weihnachtsbeleutung und den Emmer Fasnachtsumzug waren. Alles klar….?

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